Ulrich Rasches Salzburger “Faust” spielt im Korridor

13.07.2026 • 14:09 Uhr

Einen zumindest von den Äußerlichkeiten sehr ungewohnten “Faust I” wird Ulrich Rasche am 25. Juli auf der Perner-Insel als erste Schauspiel-Neuinszenierung der Salzburger Festspiele 2026 präsentieren. Berühmte Szenen wie Auerbachs Keller, der Osterspaziergang oder die Hexenküche sind ebenso gestrichen wie viele Figuren. “Wir zeigen den Innenraum von Faust”, brachte es der Regisseur bei einem Terrassentalk am Montag auf den Punkt – und meinte damit Konzept wie Bühne.

Diese werde sich zwar bewegen, sagte der Regisseur, der mit seinen Drehscheiben und Laufbändern in den vergangenen Jahren Darsteller wie Publikum gleichermaßen in Atem hielt und die Bühnentechnik an vielen Häusern – darunter 2019 für Aischylos’ “Die Perser” im Salzburger Landestheater und 2023 für Lessings “Nathan der Weise” auf der Perner-Insel – vor gewaltige Herausforderungen stellte, aber nicht in der erwarteten Art und Weise. “Alle denken, die Maschine kommt. Ich habe mich bemüht, diese Erwartungshaltung zu durchbrechen – aber nicht vom Preis. Es ist eine Bühne, die den Maschinencharakter nicht in den Vordergrund stellt. Der Motor stammt nicht von einer Maschine, sondern vom inneren Antrieb der Titelfigur”, so Rasche.

Bewegliche Wände bilden einen Korridor

Es werde zwar eine in den Boden eingelassene Scheibe geben, “aber es gibt eine sehr aufwändige Konstruktion darüber, zwei monumentale Wände, die sich bewegen können und als Grundidee einen Korridor bilden. Das Geld steckt dort drinnen.” Es sei dennoch “keine Materialschlacht” zu erwarten, sondern soll – von US-Künstler Bruce Nauman inspiriert – mit Einsatz von LED wie eine immaterielle Bühne funktionieren. “Faust wird dort mit Anteilen seiner selbst konfrontiert, die er zuvor verdrängt hat.”

“Das Problem von Faust ist, dass seine Abspaltungen sich ihm aufdrängen”, erläuterte Rasche. “Die große Tragödie besteht darin, dass Faust nicht erkannt hat, dass diese Anteile wahrgenommen und integriert werden müssen. Denn wenn wir sie nicht integrieren, schlagen diese Abspaltungen zurück. Wenn wir bestimmte Aggressionen und Triebe nicht als Teile von uns anerkennen, werden wir sie auch nicht beherrschen können.”

Fünf Personen spielen einen Goethe

In Ulrich Rasches Koproduktion mit dem Residenztheater München, die nach dem Beschluss, am 30. Juli eine Zusatzvorstellung anzubieten, bis 6. August in Summe neun Mal in Hallein gezeigt wird, gibt es nur fünf Personen: Den alten und den jungen Faust (Steven Scharf und Johannes Nussbaum), den Mephisto (Valery Tscheplanowa), das Gretchen (Anna Drexler) und Margaretes Bruder Valentin (Max Rothbart). “Valentin ist das Über-Ich, er verkörpert die bürgerlichen Werte, die Ordnung, die Gretchen verurteilt”, sagte Rasche, der sich für seine Bearbeitung von Klaus Michael Grübers radikal gekürzter “Faust”-Inszenierung mit Bernhard Minetti in der Titelrolle an der Freien Volksbühne Berlin aus dem Jahr 1982 inspirieren ließ und Gretchen als widerständige Figur, die ihren eigenen Weg geht, aufgewertet hat.

“Ich bin erstaunt, wie durch diese reduzierte Fassung Gretchen als wirkliches Gegenüber auftaucht”, meinte auch Steven Scharf, der seine vor zwei Jahren in Bochum bei “Warten auf Godot” gemachten “einschneidenden” Rasche-Erfahrungen nun fortsetzen kann. “Der Blick auf sie wird auf eine schöne Weise klarer, wenn man diese ganzen Bierhumpen und Hexenbesen nicht sieht.”

Begegnung mit dem Unbekannten

Valery Tscheplanowa hat nicht nur in Salzburg bereits die Buhlschaft und in Rasches Regie den Nathan, sondern unter Frank Castorfs Regie auch schon mal das Gretchen gespielt. “Erstaunlicherweise hat Goethe so viel platziert in die Einfachheit und Autonomie ihrer Texte, dass diese Figur ohne viel Aufwand leuchten kann”, teilte sie ihre eigenen Erfahrungen mit der Möglichkeit, aus Margarete kein Opfer zu machen.

Den “Faust I” habe sie mit 14 zum ersten Mal gelesen und sei schon damals von Mephistopheles und seiner Selbstcharakteristik als “ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft”, fasziniert gewesen: “Es verhieß etwas Beunruhigendes.” Sie habe den Teufel nie weiblich oder männlich gesehen und sieht ihre Rolle als Projektionsfläche: “Was projiziert der Zuschauer an Ängsten und Sehnsüchten in mich?”

Für Rasche repräsentiert Mephisto den Trieb, die Möglichkeit, körperliche Erfahrungen zu machen, zu leiden und zu leben, für “Faust” Scharf ist er “ein total verlockender Ausweg, eine Begegnung mit dem Unbekannten. Die radikale Uneingeschränktheit wird ihm von Mephisto angeboten. Mephisto richtet ihn auf. Soviel kann ich verraten: Diese Aufrichtung wird man auch auf der Bühne sehen.”

Und wie erleben die Schauspieler das spezifische Bewegungstheater von Ulrich Rasche, der in “Faust I” für die Musik zum dritten Mal mit Alfred Brooks zusammenarbeitet und damit nicht nur den “psychologischen Innenraum” unterstützen, sondern auch den Takt vorgeben will? “Er schafft es, eine eigenen Realität zu bauen, die aus sich heraus funktioniert”, sagte Valery Tscheplanowa, die “schon viele Kreise mit Herrn Rasche gedreht” hat: “Es ist wie aufs Fahrrad steigen.”

Tanzen statt gehen

“Die Form ist die Aufgabe, die einem gestellt wird, und bei der es eine unendliche Vielfalt von Lösungen gibt”, meinte Steven Scharf und hob die “tänzerische Bewegung”, in der die Vorgänge gebracht würden, hervor – ein Ball, den der Regisseur gerne aufnahm: “Es ist tatsächlich wichtig, dass es ein tänzerischer Akt ist und kein Gehen. Mein Interesse war immer, den sich bewegenden Körper zu sehen und keine Gehenden.”

Der Takt, dem “das gesamte Bühnengeschehen unterworfen ist, ist der Basso continuo. Trotzdem sind Sie komplett frei in der Ausformung und Gestaltung jeder Stimme.” Dass ihm gelegentlich vorgeworfen werde, seine Spieler zu mechanischen Spielpuppen zu degradieren, stimme ihn traurig, denn das Gegenteil sei wahr: “Ich bin sehr an darstellerischen Vorgängen interessiert und bin wahnsinnig enttäuscht, dass das nicht wahrgenommen wird.”

(S E R V I C E – “Faust I” von Johann Wolfgang von Goethe, Premiere am 25.7., 19 Uhr, auf der Halleiner Perner-Insel, )