Vor 25 Jahren marschierten die USA in Afghanistan ein

04.10.2026 • 05:00 Uhr
Vor 25 Jahren marschierten die USA in Afghanistan ein

An einem warmen Herbsttag blickt in Washington DC ein Mann mittleren Alters in die Kamera. Er trägt eine rote Krawatte und spricht mit einem texanischen Akzent. “Guten Tag. Das US-Militär hat auf meinen Befehl Luftangriffe auf Trainingslager der al-Kaida und militärische Einrichtungen des Taliban-Regimes in Afghanistan begonnen,” sagt US-Präsident George W. Bush. “Wir haben uns diese Aufgabe nicht ausgesucht, aber wir werden sie erfüllen.” Es ist der 7. Oktober 2001.

Einen Monat zuvor hat sein Land den schwersten Angriff auf US-amerikanischem Boden seit Pearl Harbor erlebt, als 1941 ein Angriff Japans die USA in den Zweiten Weltkrieg eintreten ließ. Am 11. September 2001, auch als “9/11” bezeichnet, bringen zwei von jihadistischen Terroristen gesteuerte Flugzeuge die Doppeltürme des World Trade Centers zum Einsturz. Rund 3.000 Zivilistinnen und Zivilisten sterben. Der Drahtzieher des Massakers ist der saudi-arabische Ingenieur Osama bin Laden, Sohn eines Immobilien-Tycoons und Erbe eines Milliarden-Imperiums. Der Gründer der islamistischen Terrororganisation al-Kaida, Arabisch für “die Basis”, steigt über Nacht zum US-Staatsfeind Nummer eins auf. Anschließend taucht er im Gebirge des von den islamistischen Taliban beherrschten Afghanistan unter.

Knapp 20 Jahre und mehr als 46.000 getötete Zivilisten später spricht erneut ein Mann in die Kamera. Seine Krawatte ist nicht rot, sondern blau. “Es ist an der Zeit, Amerikas längsten Krieg zu beenden. Es ist an der Zeit, dass amerikanische Truppen nach Hause kommen”, verkündet US-Präsident Joe Biden. Es ist der 14. April 2021.

Afghanistan-Krieg: 2001 bis 2008

Der Anfang des Kriegs versprach ein rasches Ende. Als die NATO im Oktober 2001 zum ersten Mal den Bündnisfall nach Artikel 5 des NATO-Vertrags ausrief, war der Startschuss für die US-angeführte Militärkampagne “Operation Freedom” gegeben. Es folgten Flächenbombardements und Luftangriffe auf die Flughäfen in Kandahar und Kabul. Parallel zur Luftkampagne marschierten zunächst US-amerikanische und britische Streitkräfte in Afghanistan ein. Der UNO-Sicherheitsrat beschloss, Truppen nach Afghanistan zu entsenden. Hierfür wurde die “International Security Assistance Force” (ISAF) gegründet. Kurz darauf nahm die NATO mithilfe verbündeter Staaten und afghanischer Milizen das Land ein. Auf Basis des ISAF-Mandats entsandten mehrere Länder, darunter auch Österreich, Soldaten nach Afghanistan.

An Stelle des Taliban-Regimes wurde eine Übergangsregierung errichtet. An ihrer Spitze stand Hamid Karzai als Regierungschef. Anschließend wählte ihn die große Ratsversammlung Loya Jirga im Jahr 2002 zum Präsidenten. Zwei Jahre später ging er auch bei den ersten demokratischen Wahlen als Sieger hervor. Es folgten zwei Amtszeiten als afghanischer Präsident (2004-2014), die zunehmend von Korruptionsvorwürfen überschattet wurden. Nachdem Barack Obama 2008 zum neuen Präsidenten der USA gekürt wurde, ordnete er an, den Einsatz von US-Truppen in Afghanistan zu erhöhen. Washington gab an, damit die Zivilbevölkerung vor den Taliban schützen und Aufständische wieder in die Gesellschaft eingliedern zu wollen. Zudem sollte das US-Militär schrittweise Sicherheitsaufgaben an afghanisches Militär- und Polizeipersonal übergeben.

Doch die Sicherheitslage in Afghanistan blieb höchst instabil. So wurden etwa 2009 bei einem Selbstmordanschlag der Taliban in Camp Chapman sieben CIA-Agenten getötet. Der Täter war mutmaßlich ein CIA-Informant. Auch auf Präsident Karzai wurden mehrere Anschläge verübt. Sogar sein Bruder Ahmed Ali wurde zur Zielscheibe. Er soll laut britischem “Independent” gesagt haben: “Sie haben schon neunmal versucht, mich zu töten – da müssen sie sich schon mehr anstrengen.” Wenige Monate später starb er im Jahr 2011 bei einem Terroranschlag, zu dem sich die Taliban bekannten.

In demselben Jahr tötete ein Team der US-Spezialeinheit Navy SEAL den mittlerweile 54-jährigen Osama bin Laden in Pakistan. Daraufhin verkündete Obama, dass die USA ihre Ziele in Afghanistan weitgehend erreicht hätten. Über die nächsten Jahre sollten alle US-Truppen abgezogen werden. Trotzdem behielten die NATO und die USA Truppen in Afghanistan.

Der letzte Soldat

Vom Beginn der US-Invasion bis zum Abzug der letzten internationalen Truppen verstrichen 20 Jahre. In diesem Zeitraum wurden mehr als 3.000 ISAF-Streitkräfte getötet. Auf den vollständigen Truppenabzug im Jahr 2021 folgte umgehend eine erneute Machtübernahme der Taliban. Im August nahmen sie Kabul ein, der amtierende Präsident Ashraf Ghani verließ das Land. Um dem islamistischen Regime zu entkommen, klammerten sich Menschen am Flughafen in Kabul sogar an US-Flugzeuge. Letztendlich verließ am 30. August mit Generalmajor Chris Donahue auch der letzte US-Soldat Afghanistan. Mit ihm endete der längste Krieg in der Geschichte der USA.

(Von Pia Hecher/APA)