Warnung vor dem Stillstand: steirischer herbst eröffnet

Mit einer deutlichen Warnung vor dem im politischen Konsens verordneten Stillstand und einem Appell zur Erhaltung der eigenen kritischen Funktion eröffnete am Donnerstag in Graz der steirische herbst. Heuer unter dem Motto “Red Flags” stehend, bildeten die traditionelle Rede von Intendantin Ekaterina Degot und die Performance “Paradise Lost: Dieser Kampf ist kein Zeichen” des deutschen Künstlers Julian Warner den Auftakt auf dem Karmeliterplatz.
In ihrer Eröffnungsrede erläuterte Degot, deren Intendanz noch bis Ende 2027 läuft, zunächst das Festivalmotto, indem sie klarstellte, dass mit den “roten Fahnen” nicht jene historischen Symbole für Revolution, sondern jene zuerst in der Dating-Szene so definierten Warnsignale in Bezug auf Menschen, aber auch generell auf Situationen und politische Realitäten gemeint sind. “Mit ‘Red Flags’, die Stopp signalisieren, erzeugen wir Ampeln, die niemals auf Grün schalten”, sagte Degot und wies auf den Unterschied zwischen Gefahren als etwas Unvermeidbares Äußeres und Risiken, die sich aus der eigenen Entscheidung ergeben, hin.
“Lieber mit dem Hund spazieren gehen”
Als Reaktion auf die vielen Warnsignale, die die heutige Weltlage aussende, würden die Menschen auch von der “linksgerichteten europäischen Presse” zum “Nichthandeln” ermutigt, Risiken aller Art zu vermeiden, nämlich: “Man solle sich lieber darauf konzentrieren, mit dem Hund spazieren zu gehen, mit den Nachbarn zu sprechen oder vielleicht Blut zu spenden.” Degot sieht darin “eine klar antimoderne Wende, da die Moderne für all unsere Katastrophen verantwortlich gemacht wird, vom Kolonialismus bis zur Überindustrialisierung”.
Degot ortete einen “konservativen Konsens” in der Kultur der Gegenwart, an dem auch die linksliberale Szene teilhabe. “In der heutigen Kultur und im Diskurs liegt der Schwerpunkt darauf, zu bewahren, das Bestehende gegenüber dem Neuen zu privilegieren, sich Traditionen anzuschauen und große Erzählungen sowie universalistische Konzepte abzulehnen, da diese durch koloniale und andere Formen der Gewalt kontaminiert sein könnten.”
Den steirischen herbst steirisch machen?
Hier setzte Degot mit ihrem Appell für die Erhaltung des steirischen herbst als ein kritisches, Risiken eingehendes, international orientiertes Festival an: “Genau dieses intellektuelle und kulturelle Klima des ‘gesunden Konservatismus’ und der knappen Ressourcen hat die Idee hervorgebracht, die jetzt, wie Sie alle wissen, in der Luft liegt: den steirischen herbst ‘näher an den lokalen Kontext’ zu bringen.” Sei das “steirisch machen des steirischen herbsts” früher ein Slogan der politischen Rechten gewesen, so gebe es heute diesbezüglich eine Art “vagen Konsens” des linken und des rechten Lagers.
Es gebe heutzutage in der Kunst keine “appellation d’origine contrôlée” mehr. “Es gibt Künstlerinnen die in der Steiermark leben, aber es gibt keine ‘steirische Kunst’.” Ein derartiger, sich auf Nachhaltigkeit berufender Lokalpatriotismus, liege gefährlich nahe an Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit, so Degot.
Besinnung auf systemkritische Tradition
Am Schluss ihrer Rede beschwor Degot die geistigen Väter des Festivals, jene sozial verantwortungsbewussten “Nestbeschmutzer”, die eine ebenso starke Tradition hätten, wie die Tradition des Provinzialismus, des lokalen Nationalismus und des Gehorsams in einer “Pensionistenstadt”. Sie rufe nicht zu Widerstand und Durchhalten auf, denn die rettende Verstärkung sei nicht zu erwarten, sondern vielmehr zu “Mut, der Handeln beinhaltet, auch wenn es verzweifeltes Handeln ist”.
Graz und die Steiermark müssten sich daher auf die systemkritische Tradition von Institutionen wie dem steirischen herbst besinnen. Auch wenn hierzulande Zivilcourage nie besonders hoch gehalten worden sei, so habe es in Österreich eine ausgeprägte “Kunstcourage” gegeben – jene Schriftsteller und Künstlerinnen, die den Mut haben, Politik und Gesellschaft “gegen den Strich zu bürsten”. In diesem Sinne gelte es zu handeln, denn diese “Kulturcourage” sei stärker, schloss Degot.
Show-Wrestling als Eröffnungsperformance
Im Anschluss der Rede fand auf dem Karmeliterplatz die Performance “Paradise Lost: Dieser Kampf ist kein Zeichen” statt. Unter Mitwirkung des queerfeministischen Grrrls Chors, des Musikvereins Ilz und der Cheerleaders der Graz Giants inszenierte der in München lebende Künstler und Kurator Julian Warner ein buntes, mitunter an ein Kasperltheater für Erwachsene erinnerndes Show-Wrestling-Spektakel in der am Ende der brave “Steirerman” (Wrestlerin Jessy Jay) die böse Koalition aus rechtspopulistischem “falscher Prophet” und dem “bürgerlichen Lager” aufs Kreuz legt.
Auf dem Programm für den Eröffnungsabend stand auch noch die Premiere des neuen Programms “Angelic Conversation” des britischen Star-Choreografen Alex Baczyński-Jenkins in der Helmut List-Halle. Die diesjährige Hauptausstellung des Festivals auf dem Grazer Griesplatz wird am Freitag offiziell eröffnet. Das Festival mit seinen zahlreichen Performances, Theateraufführungen, Konzerten, Diskursveranstaltungen sowie weiteren Ausstellungen im Partnerprogramm dauert noch bis 18. Oktober.
(S E R V I C E – )