Weltmuseum Wien erzählt “verborgene Geschichten”

Dieses Thema ist wahrlich nicht an den Haaren herbeigezogen: Eine der “verborgenen Geschichten”, die das Weltmuseum Wien bei der Präsentation von “Schätzen aus den Sammlungen” erzählt, handelt von Kämmen und Haarnadeln und zeigt die vielfältige spirituelle, ästhetische und gesellschaftliche Bedeutung der Haarpracht in unterschiedlichen Kulturen. Es ist nur ein Aspekt, denn Direktorin Claudia Banz möchte bei der neuen Schau vor allem die Vielfalt des Museums betonen.
“Gerade die Verschiedenheit macht sichtbar, wie breit die Sammlungen des Weltmuseums angelegt sind”, sagte Banz, die seit Februar 2025 das im KHM Museumsverband integrierte Haus leitet, am Dienstag bei einem Pressetermin. “Es sind sehr vielschichtige Sammlungen, die alle auf sehr unterschiedliche Weise in unser Museum gekommen sind. Es ist eine große Sammlung voller Überraschungen. Wir möchten zeigen, welche Geschichten sich darin entdecken lassen.” Daher habe sie die Kuratoren und Kuratorinnen des Hauses um Ideen gebeten. Herausgekommen ist eine dreiteilige Schau, die die unterschiedlichsten Aspekte der Museumsarbeit abdeckt.
Steinskulpturen und pakistanische Kunst
In “Stein für Stein” werden Steinskulpturen aus den Amerikas und Asien herangezogen, um Einblick in die gerade in kolonialen Kontexten zunehmend wichtiger gewordene Provenienzforschung zu geben. Kuratorin Bettina Zorn hat neun Objekte dafür ausgewählt, die meist Teile religiöser Bauten waren, ehe sie im 19. Jahrhundert in die Sammlung gelangten. Ein Objekt darf man angreifen. Es macht die ganze Problematik sichtbar: 2012 katalogisiert, ist sowohl Ursprung als auch Erwerbsgeschichte unklar. Anders als die antik wirkende Machart der Frauenfigur nahelegt, vermutet die Objektbeschriftung “China, Anfang 20. Jh.?” als Provenienz: “Aufgrund des derzeitigen Wissensstands deutet diese Figur auf ein Konstrukt hin, das bewusst (?) irreführend, eventuell als Fälschung, gearbeitet wurde.”
Ein weiteres Ausstellungskapitel ist einer 2018 gemachten Schenkung der ehemaligen UN-Mitarbeiterin Brigitte Neubacher gewidmet, die 1990 bis 2000 in Pakistan und Afghanistan lebte und zeitgenössische pakistanische Kunst sammelte. “Es ist eine kleine Ausstellung für die ganz Großen der pakistanischen Kunst, die in Österreich noch nicht so bekannt sind, aber weltweit eine große Rolle spielen”, sagte Kurator Tobias Mörike. Alle gezeigten Künstlerinnen und Künstler sind Absolventinnen des National College of Arts in Lahore, einer 1958 nach dem Vorbild des Bauhaus gegründeten Kunstschule. Zu sehen sind gesellschaftskritische und feministische Positionen von Salima Hashmi, Quddus Mira und anderen.
Der “Schwarsnegger Cut”
“Ein Museum ist nicht nur ein Ort des Wissens, sondern auch ein Ort des Staunens”, sagte Claudia Banz, und tatsächlich darf man staunen, wie vielfältig die Aspekte sind, die Kuratorin Henrie Dennis in das Haarthema einflechten konnte. Scheinbare Alltagsobjekte wie Kämme entfalten hier sowohl in der Masse, als auch im Fokus einen Zauber. Gezeigt werden Objekte aus Knochen, Horn, Metall, Holz, Muschelschalen oder Elfenbein, nicht alle von der Schönheit und Bedeutung einer über die Sammlung Heinrich von Siebolds in das Haus gekommenen japanischen Haarnadel aus dem Jahr 1899, aber alle mit unmittelbarem Bezug zum Menschen, dem Haut und Haar seit jeher konstituierende Teile von Identität und Selbstverständnis waren.
Die Kuratorin hat aber auch zeitgenössische Kunst in einer großen Installation von Joy Anwulika Alphonsus und Sofia Ishola und einem Video mit einbezogen und eine Frisiersalon-Ecke eingerichtet. “Ich wollte auch ein Barbershop-Feeling hineinbringen”, erklärte die Kuratorin zu dem vor einen großen Spiegel installierten gepolsterten Drehsessel. An den Wänden hängen Schautafeln, die wohl afrikanischen Frisiersalons entstammen. So hatte man 1991 in Ghana etwa die Qual der Wahl zwischen einem “Boeing 707 Cut”, einem “Invasion USA Cut” und einem “Schwarsnegger Cut”. Die Schau läuft bis 30. Mai 2027 – und ohne Haarspalterei betreiben zu wollen, hat man das Gefühl: Dieses Thema ist noch lange nicht auserzählt.
Indigene Volksgruppe Paraguays begegnet der eigenen Geschichte
In einer Pop-Up-Ausstellung vernetzt sich das Weltmuseum Wien indes bis 24. Jänner mit heutigen Vertretern der indigenen Gemeinschaft der Ishír (Chamacoco) aus dem Gran Chaco, einem weiträumigen und durch Landraub, Abholzung und Monokulturen stark bedrohten Gebiet im Westen von Paraguay. Die Einladung an in Wien weilende Vertreter, die auf die historische Sammlung des italienischen Malers, Fotografen und Ethnologen Guido Boggiani (1861-1902) zurückgehenden Sammlungsbestände des Weltmuseums zu besichtigen, brachte Überraschendes zutage, berichtete Kuratorin Claudia Augustat. Vertreter dieser heute nur noch rund 1.500 Personen umfassenden Gemeinschaft wären dabei voll Stolz Objekten ihrer eigenen Geschichte begegnet.
35 Objekte und Fotografien aus der Sammlung Boggianis treffen in der Ausstellung auf neue Perspektiven, Geschichten und künstlerische Positionen. Bei drei Terminen wird ein Schamane in die Riten der Ishír einführen. “Das Weltmuseum kann und muss und soll international denken”, sagte Claudia Banz und hob die Bedeutung von Netzwerken und Allianzen, in diesem Fall vor allem die Zusammenarbeit mit dem Lateinamerika-Institut, hervor: “Das alles steht für das Verständnis eines Museums, das seine Sammlung nicht als etwas Abgeschlossenes begreift.”
(S E R V I C E – Ausstellungen im Weltmuseum Wien: “Verborgene Geschichten. Schätze aus den Sammlungen”, 16. September 2026 bis 30. Mai 2027, “Ishír: Lebendige Erinnerung aus Paraguay”, 16. September 2026 bis 24. Jänner 2027. )