wiiw: Osteuropa hängt Eurozone beim Wachstum deutlich ab
Die Wirtschaft in Osteuropa bleibt trotz der durch den Iran-Krieg ausgelösten Energiekrise widerstandsfähig. Das Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw) prognostiziert den dortigen EU-Ländern in seiner am Mittwoch veröffentlichten Frühjahrsprognose ein Wachstum von 2,3 Prozent im Jahr 2026. Damit hängen sie die Eurozone (0,9 Prozent) weiterhin ab. Das bisherige regionale Erfolgsmodell der verlängerten Werkbank wandelt sich indes grundlegend.
Das Modell der mittel- und osteuropäischen Staaten als günstige Produktionsstandorte für westliche Industriekonzerne steht unter Druck. Verantwortlich dafür ist laut den wiiw-Ökonomen ein Verlust an Wettbewerbsfähigkeit durch stark gestiegene Lohnkosten, die nicht durch entsprechende Produktivitätszuwächse ausgeglichen werden. Zudem sinken die ausländischen Direktinvestitionen spürbar, während die Konkurrenz aus China zunimmt. Dieser Strukturwandel führt zu einer historischen Verschiebung: Erstmals seit Beginn der 1990er-Jahre tragen die steigenden Verteidigungsausgaben ebenso stark oder sogar stärker zum regionalen Wirtschaftswachstum bei als ausländische Direktinvestitionen.
Russlands Wirtschaftswachstum auf westeuropäischem Niveau
Ein differenziertes Bild zeigt sich in Russland. In dem wegen seines Krieges gegen die Ukraine mit westlichen Wirtschaftssanktionen belegten Land liegt das Wirtschaftswachstum nur auf dem Niveau Westeuropas. Für 2026 erwartet das wiiw in Russland ein Plus von 0,9 Prozent, was genau dem prognostizierten Wert für die Eurozone entspricht. Im Jahr 2027 soll Russlands Wirtschaftsleistung aber mit 1,5 Prozent stärker zulegen als jene der Euro-Länder (1,1 Prozent). Hohe Leitzinsen von 15 Prozent und ein Arbeitskräftemangel dämpfen zwar das Potenzial, jedoch bescheren die durch den Iran-Krieg stark gestiegenen Öl- und Gaspreise dem russischen Staatshaushalt unerwartete Zusatzeinnahmen.
Anders stellt sich die Lage in der Ukraine dar. Der massive russische Luftkrieg gegen die Energieinfrastruktur sowie kriegsbedingte Importkosten für Treibstoff und Düngemittel drücken das ukrainische Wachstum 2026 auf lediglich 1,0 Prozent – allerdings von einem niedrigen Niveau ausgehend. In Ungarn wiederum könnte die Wirtschaft nach dem Wahlsieg von Péter Magyar gegen Langzeitpremier Viktor Orbán vor einem Umbruch stehen. Die Ausgangslage ist von ökonomischer Stagnation, einem hohen Budgetdefizit und eingefrorenen EU-Geldern geprägt. Der designierte Regierungschef plant ein ambitioniertes Wirtschaftsprogramm mitsamt Euro-Einführung. Die Erholung dürfte jedoch Zeit erfordern, weshalb das wiiw für Ungarn 2026 ein moderates Wachstum von 1,6 Prozent prognostiziert, das 2027 auf 1,8 Prozent steigen soll.
Osteuropa stützt Österreichs Konjunktur
Für Österreich bleibt die Region Mittel-, Ost- und Südosteuropa eine starke Exportstütze. Im Jahr 2026 werden die 23 Staaten der Region mit 0,12 Prozentpunkten den größten Außenbeitrag zum heimischen BIP-Wachstum aller Handelspartner liefern. In Osteuropa produzierende österreichische Unternehmen büßen zwar aufgrund der steigenden Lohnkosten an Wettbewerbsfähigkeit ein, laut wiiw ergeben sich jedoch neue Potenziale. Die osteuropäische Industrie ist durch den Personalmangel gezwungen, verstärkt in die Automatisierung der Fertigung zu investieren – ein Bereich, in dem Anbieter aus Österreich traditionell stark positioniert sind.