Wohnen in Wien im Spagat zwischen Leistbarkeit und Kommerz

“Wien ist ein segmentierter Wohnungsmarkt – und deswegen für die vergleichende Stadtforschung so spannend”, sagte Stadtgeograph Michael Friesenecker zur APA. In der Stadt treffen international einzigartige Elemente wie der große geförderte Wohnbau auf Entwicklungen, die auch viele andere Städte prägen – etwa die zunehmende Kommerzialisierung des Wohnens. Solche und ähnliche Themen werden der Fokus einer Konferenz sein, die kommende Woche an der Universität Wien stattfindet.
Bei der Veranstaltung unter dem Titel “Ungleichheiten und die Stadt. Alte Probleme, neue Herausforderungen” kommen rund 1.200 Forschende aus Disziplinen wie Soziologie, Humangeographie, Architektur und Sozialanthropologie zusammen. In diesem Rahmen wird Friesenecker, der an der Universität für Bodenkultur (Boku) Wien tätig ist, zusammen mit Judith Lehner von der Technischen Universität (TU) Wien u.a. eine Exkursion durch das Wiener Alliierten- und Nordbahnhofviertel leiten. “Der Rundgang orientiert sich am Forschungsprojekt ‘ReHousIn’, in dessen Rahmen wir Wien mit Städten in neun anderen europäischen Ländern vergleichen”, so Friesenecker.
Komplexe Dynamik zeigt sich im zweiten Gemeindebezirk
In der Forschung gilt Wien oft als Best-Practice-Beispiel. Die Dynamik in der Stadt sei jedoch komplexer, was sich anhand der beiden Grätzel im zweiten Wiener Gemeindebezirk zeige. So habe man in Wien nach wie vor viele Möglichkeiten, über gemeinnützige Bauträger geförderten Wohnbau wie im Nordbahnhofviertel zu betreiben. In einer zentralen Gegend, die über gute öffentliche Verkehrsanbindung und große Grünflächen verfügt, seien rund 30 Prozent der Wohnungen Teil des geförderten Wohnbaus. “In vielen Ländern gibt es die Institutionen dafür gar nicht mehr oder es ist politisch nicht gewollt”, so Friesenecker. “Dass mit hoher Qualität in einem leistbaren Bereich gebaut wird, macht Wien schon noch einzigartig.”
Auf der anderen Seite stehe man in der Bundeshauptstadt im Gründerzeitsegment vor einer ganzen Reihe von Herausforderungen, die aus anderen Großstädten bekannt sind. Diese reichen von der Kommerzialisierung und immer profitorientierter arbeitenden Immobilienunternehmen über Airbnb-Wohnungen bis hin zu Konflikten wegen Sanierungen, die angesichts der Klimakrise notwendig sind und zur Frage, wer die Kosten dafür trägt.
Warum die Hitze Neuankömmlinge besonders oft trifft
Ein ähnliches Bild zeigt sich im Hinblick auf zukünftige Herausforderungen, die sich laut dem Forscher primär im Rahmen der Klimakrise, einer zunehmend vielfältigen Bevölkerung und der wachsenden ökonomischen Ungleichheit ergeben. Dabei ist die Stadt Wien seit den 1990er-Jahren um rund eine halbe Million Menschen gewachsen. Dass die Bundeshauptstadt dieses Wachstum bisher vergleichsweise gut bewältigt hat, wertet der Experte als Erfolg – gerade angesichts der Dynamik des Bevölkerungswachstums und der vielfältigen Herkünfte der Zugezogenen.
“Gleichzeitig ist die Stadt Wien für Neuankömmlinge tendenziell weniger gerecht als für Personen, die bereits länger in der Stadt leben und Zugang zu gefördertem Wohnraum haben”, so Friesenecker. So braucht man etwa für eine Gemeindewohnung zwei Jahre lang einen Hauptwohnsitz in Wien. Das habe auch Auswirkungen auf die Hitzebelastung: Neuankömmlinge seien zunächst meist auf den privaten Mietwohnungsmarkt angewiesen. Dieser konzentriert sich in der Bundeshauptstadt überdurchschnittlich in dicht bebauten Gründerzeitvierteln, die häufig zu den sogenannten Hitzeinseln zählen. Das sind jene Orte in der Stadt, an denen mehr Asphalt und weniger Begrünung zu überdurchschnittlich hohen Temperaturen führen.
Für wen wird die Stadt gebaut?
Generell gibt es die Erzählung vom Innovationslabor der Stadt, in dem die Klimakrise gelöst werden kann, erklärte Friesenecker. Auf der anderen Seite sind Städte auch die Orte, an denen die meisten Ressourcen verbraucht werden. “In Zeiten der Klimakrise müssen wir uns fragen, ob wir uns leerstehende Wohnungen und ungenutzte Bürogebäude überhaupt noch leisten können. Letztlich geht es immer um dieselbe Frage: Für wen bauen wir unsere Städte eigentlich?”, resümierte er.
(S E R V I C E – Konferenz RC21 von 20. bis 22.7., Website: ; Link zum Forschungsprojekt “ReHousIn”: )