“You Disturb My Sleep”: Blick aus dem Klo

27.07.2026 • 11:09 Uhr
"You Disturb My Sleep": Blick aus dem Klo

Was ist von der Performancekunst der 60er- und 70er-Jahre und deren Spannungen noch übrig? Lässt sich, was einst für Aufsehen sorgte, heute auf einer Bühne reaktivieren? Choreografin Elisabeth Bakambamba Tambwe wollte es wissen und versammelte Studierende der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe um sich. Sie befassen sich mit VALIE EXPORT, Tehching Hsieh oder Stephen Varble. Das Ergebnis fiel bei der Uraufführung von “You Disturb My Sleep” ernüchternd aus.

Als das Publikum die Plätze am Sonntagabend im Kasino am Schwarzenbergplatz im Rahmen des ImPulsTanz-Festivals einnimmt, ist Soheil Honarmand schon eifrig unterwegs. Honarmands Weg führt von einem Klo, das keinerlei Privatsphäre bietet, zu einem in etwa 20 Meter entfernten Spiegel, wo Rasierutensilien bereitliegen. Die Distanz wird laufend zurückgelegt. Für Rasur bzw. Handyscrollen am WC bleibt immer nur wenig Zeit, bevor es wieder einmal über die Bühne geht. Eine Kamera in der Klomuschel und beim Spiegel halten für das Publikum aus nächster Nähe fest, wie es für Honarmand vorangeht. Die Schweißflecken werden rasch größer, der Bart nur langsam weniger.

Läufer hält den Abend am Laufen

Honarmands Auseinandersetzung mit Tehching Hsiehs “One Year Performance 1980-1981 (Time Clock Piece)” fällt noch am eindrücklichsten aus und animiert zum Sinnieren über Gesellschaft, Druck, Technologie und Leistung. Sie hält den Abend, der abseits davon mit viel Leerlauf zu ermüden versteht, am Laufen. Da wäre Ferry Kummich, der sich inspiriert von Stephen Varble – quälend langsam und mit bedeutungsschwangeren Blicken und Gesten aufgeladen – Müll an den Körper klebt und zu einer Art Queen wird. Was sich doch alles aus Weggeworfenem machen lässt.

Mehrere der weiteren Performances – wie etwa Hanna Brauns Versuch, sich mit VALIE EXPORTs “Tapp- und Tastkino” zu befassen und durch eine bewusste Auseinandersetzung mit Nähe und Distanz die Rolle des Publikums zu destabilisieren – bleiben nebulös. An einem Punkt wandert ein süßes, rotes Tuch über die Bühne, später wird gescrollt, gechattet, Social Media bedient. Der Nacken schmerzt. Zwischendurch eingestreute Tanzeinlagen wirken bemüht und Honarmand läuft zum hundertsten Mal über die Bühne.

Dickes Programmheft und Achselzucken

Der Abend setzt viel voraus – das zugehörige Programmheft ist dick -, liefert aber verhältnismäßig wenig Erhellendes. Manche suchten während der rund 75-minütigen Performance das Weite. Vielleicht erhofften sie sich beim Würstelstand ums Eck mehr Schauwert. “Was geschieht, wenn historisch verortete Performances, die oft außerhalb des Theaters, in Kontexten des Experimentierens oder des Bruchs konzipiert wurden, auf die Bühne gebracht werden?”, fragte sich Elisabeth Bakambamba Tambwe. Achselzucken könnte die Antwort darauf sein.

(Von Lukas Wodicka/APA)

(S E R V I C E – “You Disturb My Sleep” im Rahmen des ImPulsTanz-Festivals im Kasino am Schwarzenbergplatz. Künstlerische Leitung und Choreografie: Elisabeth Bakambamba Tambwe. Entwicklung, Szenografie, Kostüme und Performance: Emma Tietze, Ferry Kummich, Hanna Braun, Yüksel Isabel Songurtekin, Nicolas Patzer, Sebastian Hesse, Soheil Honarmand. Musik: Ursula Winterauer. Licht: Peter Kutin. In Koproduktion mit ImPulsTanz und der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe. Weitere Aufführung am 28. Juli um 22.30 Uhr. )