Sport

Eggers Tränen sind inzwischen getrocknet

31.01.2026 • 22:39 Uhr
Eggers Tränen sind inzwischen getrocknet
Magdalena Egger kann inzwischen wieder Lachen. Dietmar Stiplvosek

Am 10. Jänner hat sich die Lecherin Magdalena Egger eine schwere Knieverletzung zugezogen. Die NEUE begleitet die 25-jährige Skiweltcup­läuferin auf ihrem Weg zurück. Den Beginn macht eine Reportage von einem Medientermin.

Dienstag, 14.40 Uhr. Magdalena Egger liegt auf der Massagebank im Therapieraum von Physiotherapeutin Astrid Rhomberg, deren Praxis sich in Lech nur einen Steinwurf von Eggers Zuhause befindet. Die Chefin persönlich führt die Behandlung bei der verletzten Skirennläuferin durch: Egger erlitt am 10. Jänner bei der Abfahrt in Zauchensee einen Kreuzbandriss, einen Einriss des Seitenbandes sowie eine Quetschung des Außenmeniskus im rechten Knie. Nach ihrer Knieoperation im Sanatorium Kettenbrücke in Innsbruck macht Egger nun die ersten Schritte auf ihrem Weg zurück zum Leistungssport. Das Ungewöhnliche bei dieser Therapiestunde ist, dass eine Heerschar Kameras und Augen auf die Lecherin gerichtet sind. Denn die Physioeinheit findet im Rahmen eines Pressetermins statt, bei dem verschiedene Vorarlberger Medienvertreter anwesend sind. Während die Kollegen vom Fernsehen filmen, schießen die Fotografen Foto um Foto. Egger lächelt etwas verlegen. „Ein bisschen eigenartig fühlt sich das schon an, wenn ihr alle her starrt“, sagt die 25-Jährige und lacht herzlich. Ihre Therapeutin Astrid Rhomberg lacht mit.

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Physiotherapeutin Astrid Rhomberg bei der Behandlung von Egger. Stiplovsek

Verletzlichkeit
Im Hintergrund verfolgt Wolfgang Schwarzmann von Eggers Betreueragentur facts marketing die Szenerie, bis ihm ins Auge sticht, dass Eggers Kopfsponsor Lech Zürs Tourismus gar nicht im Bild ist. Flux platziert der Agenturboss Eggers Kappe auf der Massagebank. Was für Außenstehende mitunter penetrant wirken mag, ist die Umsetzung einer Partnerschaft: Der Kopfsponsor gehört zu Wintersportlern wie der Ring zum Ehepaar. Scheinbar völlig unbeeindruckt von der Betriebsamkeit um sie herum setzen Egger und Rhomberg die Therapie fort. Egger winkelt unter Anleitung das verletzte Bein an und streckt es wieder, dann massiert Rhomberg das Beingewebe. Das alles ist nicht sonderlich spektakulär, und doch sind das Augenblicke, die einem als Betrachter auf Eggers Weg zurück in den Skirennsport mitnehmen. Mal liegt die Skirennläuferin bei der Behandlung auf der Bank, mal sitzt oder steht sie. Zwischendurch spannt sie ihre Beine für eine Widerstandsübung zwischen einem Gummiband ein. Als der NEUE-Fotograf ihre Operationsnarbe am rechten Knie fotografieren möchte, was erfahrungsgemäß nicht alle Athleten so locker aufnehmen, nickt sie lächelnd. Ein Lächeln, für das es viel Mut braucht. Denn eine Narbe steht für Verletzlichkeit.

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Ein kleiner Eindruck von den vielen Kameras und Augen, die beim Medientermin auf Egger gerichtet waren. Hannes Mayer

Kniebandage
Dann legt sich Egger eine Kniebandage an, wie man das einst bei Tennisspieler Goran Prpic gewohnt war, der auch Jahre nach seiner Knieverletzung nur mit Bandage spielte. Nachdem Egger die Bandage angelegt hat, geht die Head-Läuferin auf Krücken ans andere Ende des Raums, setzt sich auf einen Gymnastikball und macht Wurfübungen mit einem Ball. Und obwohl ihr das alles knapp drei Wochen nach ihrer Verletzung sicherlich noch nicht ganz mühelos gelingt, ziert Eggers Gesicht durchgängig ein Lächeln – und lockert gar die Atmosphäre auf, als sie in Richtung der versammelten Medienschar sagt: „Ein bisschen Musik wäre irgendwie nicht schlecht.“ Alle lachen, doch die Musik bleibt natürlich aus, denn Egger will mit ihrem Sager eher nur für Stimmung sorgen: So viele Menschen in einem Raum und doch sind es nur die Klickgeräusche der Kameras, die neben einem Gemurmel die Stille unterbrechen. Doch irgendwie ist es genau diese Stille, die laut wirkt. Denn am Ende wollen freilich alle den besonderen Egger-Moment erhaschen.

Gespräch
15.40 Uhr. Der Rummel um Egger hat sich gelegt, die anderen Medienvertreter sind längst wieder aufgebrochen. Wie vereinbart nimmt sich Egger erst ganz am Ende des Nachmittags Zeit für die NEUE, das eliminiert den Zeitdruck und macht auch das Drumherum viel weniger förmlich.
Zuletzt hat man sich im Juli 2025 im Skimuseum Damüls bei der Eröffnung der Head-Sonderausstellung getroffen, als Egger und Elisabeth Kappaurer mit Hubertus von Hohenlohe und in dessen schrillen Rennanzügen posierte. „Das war wirklich lustig“, erinnert sich die Arlbergerin, was sogleich zur Frage führt, wie wichtig es ist, dass sie sich auch dieser Tage ihren Humor bewahrt hat. „Das ist schon sehr entscheidend. Die Lage wird ja nicht besser, wenn ich meinen Kopf hängen lasse und mit einem traurigen Gesicht durch die Gegend humple“, sagt Egger und schickt passend dazu ein breites Lachen hinterher. Die 25-Jährige schmunzelt.
Doch dann, ganz plötzlich, wird Egger still. Nachdenklich sagt sie: „Es sind aber schon auch Tränen geflossen bei mir.“ Es ist ein vertraulicher Augenblick wie eben während der Therapie. Vorhin teilte sie einen Moment auf der Behandlungsbank, der eigentlich nicht für so viele fremde Blicke bestimmt war, jetzt lässt sie hinter das fröhliche Gesicht tief blicken. „Die Tränen waren wichtig. Man darf seine Traurigkeit nach so einer Verletzung nicht unterdrücken, denn nur wenn du die Tränen rauslässt, kannst du die Emotionen verarbeiten.“

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Nachdem sich der Rummel gelegt hat, nimmt sich Egger Zeit für ein Gespräch mit NEUE-Sportchef Hannes Mayer. Dietmar Stiplovsek

Verpasste Chance
Natürlich ist sich Egger bewusst, was für eine große Chance ihr dieser Kreuzbandriss raubt: Nach ihrem zweiten und siebten Platz bei den Abfahrten in St. Moritz wäre die Speedspezialistin für Olympia qualifiziert gewesen – und hätte darüber hinaus zum erweiterten Kreis der Medaillenkandidatinnen gezählt.
Egger zuckt mit den Schultern. „Es ist, wie es ist. Ich kann es nicht mehr ändern. Olympia war zu Beginn der Saisonvorbereitung nicht in meinem Kopf, weil die Qualifikation sehr weit weg war. Ich bin meine Vorbereitung Tag für Tag angegangen, diesen Zugang möchte ich mir auch für die Reha bewahren. Denn dieses System hat mich sportlich aufs Podium gebracht, in den kommenden Monaten soll mich dieses Denken zurück auf den Schnee bringen.“

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Die 25-jährige Lecherin absolvierte verschiedene Übungen. Stiplovsek

Werdegang
Magdalena, „Mäggy“ wie sie genannt wird, Egger war als Jugendliche die beste Nachwuchsläuferin der Welt. Nach dem Winter 2017/18 wurde sie vom ÖSV als „Rookie of the year“, also Neuling des Jahres, gewählt. 2019 eroberte sie bei den EYOF zwei Gold- und eine Silbermedaille, 2020 in Narvik und 2022 in Panorama krönte sie sich insgesamt zur sechsfachen Junioren-Weltmeisterin. Im November 2020 holte die Lecherin mit 19 bei ihrem erst dritten Weltcup-Einsatz im Slalom von Levi gleich zwölf Punkte.
Doch so rasant ging es nicht weiter. Die Ergebnisse im Weltcup blieben trotz ihres immensen Potenzials aus: Die Arlbergerin konnte ihre Top-Leistungen aus dem Nachwuchs und später dem Europacup nicht so recht in die Beletage des Skisports transformieren. Das änderte sich, als sich die so vielseitige Skirennläuferin mit Beginn des Winter 2024/25 auf die Speeddisziplin konzentrierte. Egger begann konstant in die Punkteränge zu fahren. Der absolute Durchbruch in die Welt­spitze gelang ihr im Dezember 2025, als sie eben bei der Abfahrt in St. Moritz auf Platz zwei fuhr und tags darauf mit Platz sieben ihre Leistung bestätigte. Auch beim darauffolgenden Weltcupwochenende in Val d’Isere zeigte Egger auf.

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In St. Moritz wurde Egger Zweite. AFP

Update
Bis Egger schließlich am 10. Jänner 2026 bei der Abfahrt in Zauchensee stürzte und sich dabei die schweren Knieverletzungen zuzog. „Ich habe meinen Sturz natürlich analysiert, das ist das Wesen im Leistungssport, dass du jede Fahrt aufarbeitest, auch bei so einem Fall. Deshalb weiß ich ganz genau, wie der Sturzhergang war“, beschreibt Egger fast schon kühl. „Der Sturz ist aus einem Fahrfehler herausentstanden. Ich bin in der Panoramakurve in eine Stresssituation gekommen, mein Schwerpunkt hat sich verlagert, das war kein großer Fehler, solche Kleinigkeiten passieren am laufenden Band, aber das war der Auslöser für das, was danach passiert ist.“ Diese Klarheit zu haben, ist Egger wichtig, sie hilft ihr auch, den Sturz loszulassen – was wiederum die Voraussetzung dafür ist, dass sie nach ihrem Comeback wieder ans Limit gehen kann. „Ich vergleiche das mit einem System­update auf dem Computer. Ein Update funktioniert nicht im Standby-Modus, sondern nur, wenn du das Gerät neu startest. Der Neustart kostet dir zwar Zeit, dafür steht dir danach ein verbessertes System mit neuen Tools zur Verfügung. So ist das auch mit meiner Verletzung. Natürlich bremst mich mein Kreuzbandriss jetzt aus, ich gewinne dadurch aber auch Zeit, meine körperlichen Voraussetzungen weiterzuentwickeln.“ Was für eine reife Sichtweise.

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Egger braucht freilich Krücken zum Gehen. Dietmar Stiplovsek

Dann eben TV
Eggers Alltag verläuft aktuell sehr monoton. Sie regeneriert viel, macht ihre Übungen und beschäftigt sich intensiv mit ihrem Körper, hört auf die kleinsten Signale, wenn sie ihre Kniestreckübungen macht. Für Abwechslung sorgen die verschiedenen Sportübertragungen: „Ich schaue mir jedes Skirennen und ganz viele andere Live-Übertragungen an“, erzählt die aktuell 14. des Abfahrtsweltcup und sagt tatsächlich: „Ich freue mich auch schon darauf, die Olympischen Spiele im Fernsehen zu verfolgen.“
Bitte was? Ja werden diese Bilder denn nicht wie ein Stich in ihr Athletenherz sein? Egger schüttelt ihren Kopf. „Es kann schon sein, dass ich mir bei der Damen-Abfahrt denken werde, dass ich da jetzt auch stehen könnte, aber mich interessieren die Rennen brennend. Skirennfahren ist meine große Leidenschaft. Das bleibt so, auch wenn ich aktuell nicht dabei sein kann.“
Die nächsten Wochen wird Egger ihre Reha weiterhin in Lech bei Astrid Rhomberg absolvieren. Wenn sie wieder selbstständig Auto fahren kann, verlegt sie ihre Reha schrittweise ins Olympiazentrum nach Dornbirn. Egger bleibt positiv: „Man musste mir kein Bein amputieren, ich verliere einen ­halben Winter, davon geht die Welt nicht unter. Meine Perspektive bleibt positiv.“

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Auf einem Gymnastikball sitzend absolvierte Egger eine Wurfübung. Stiplovsek

Besser so als anders
Wie das einst auch schon Elisabeth Kappaurer und Ariane Rädler nach ihren vielen Verletzungen betonten, erklärt auch Egger, dass ihre starke Form vor ihrem Kreuzbandriss ihren Weg zurück auf die Ski einfacher macht: „Wären meine Ergebnisse vor der Verletzung nicht gut gewesen, müsste ich nicht nur körperlich wieder in Form kommen, sondern hätte auch technische Probleme zu lösen. So weiß ich, dass ich unter Anführungszeichen nur wieder fit werden muss.“ Inzwischen ist es nach 16 Uhr. Das Gespräch neigt sich dem Ende zu. Für dieses Mal. Die NEUE wird nämlich Magdalena Egger in den kommenden Monaten mit regelmäßigen Einblicken hinter die Kulissen bei ihrer Reha begleiten – und dabei verschiedene Perspektiven einnehmen und unter anderem auch beleuchten, was eine solche Verletzung finanziell und organisatorisch für sie als Skiweltcupläuferin und ihr Umfeld bedeutet.
Auch das werden ungewöhnlich ungeschminkte Nahaufnahmen, die die Leser eindringlich auf Eggers Weg zurück auf die Rennpisten dieser Welt mitnehmen: Ihr Weg bis zum Comeback ist noch weit, doch jeder Weg beginnt mit den ersten Schritten. Und die liegen bereits hinter ihr. Fortsetzung folgt.