Feuer und Flamme: Der olympische Geist

Segel-Olympiasieger Lukas Mähr kommentiert exklusiv für die NEUE die Winterspiele 2026 und sagt: Bei Olympia muss der Athlet vom Arbeiter zum Performer werden.
Von Lukas Mähr
Es ist ein wunderschönes Gefühl, wenn du es als Athlet zu Olympia geschafft hast und die Spiele eröffnet werden. Das ist dann nämlich der Zeitpunkt, an dem man loslassen kann. Vier Jahre lang hat man sich auf die Olympischen Spiele vorbereitet und war als Spitzensportler immer am Tüfteln, wo man sich, das Material und auch das eigene Umfeld verbessern könnte. Während dieser vier Jahre hat man ständig das Gefühl, noch nicht bereit für die Spiele zu sein, weil man an weitere Verbesserungsmöglichkeiten glaubt. Selbst ein paar Wochen vor Beginn der Spiele ist man noch froh, dass einem noch einige Tage bleiben, um sich zu steigern.
Mit Beginn der Spiele kommt der harte Schnitt: Alle Athletinnen und Athleten müssen dann den Wechsel vom Arbeiter zum Performer schaffen. Während der vierjährigen Olympiavorbereitung bist du, wie beschrieben, der Arbeiter, der analysiert, experimentiert und vor allem wie ein Besessener trainiert. Man versucht, seine Grenzen immer noch weiter nach oben zu verschieben. Bei Olympia bist du dann der Athlet, der du bist, mit dem Material, das du hast, selbst der Raum für die Detailentscheidungen beim Setup hast du dir in den vier Jahren davor zusammen mit deinem Umfeld erarbeitet. Bei Olympia gilt es dann, deine Leistung zu zeigen. Und es geht bei den Spielen dann auch nicht zuletzt darum, sich in einen Zustand zu bringen, in dem man sich wohlfühlt. Lara Vadlau und ich haben den Wechsel zwischen der Arbeiter- und Performerphase auf die Spitze getrieben und vor den Spielen sogar den Trainer gewechselt, weil wir in Marseille keinen mehr brauchten, der uns zum Arbeiten antreibt, sondern einen Trainer, der uns bestärkt und emotional auf uns aufpasst.

Ins Tun kommen
Ich kann den Zeitpunkt genau benennen, an dem bei mir bei den Spielen 2024 in Frankreich der Wechsel vom Arbeiter zum Performer abgeschlossen war: Ich wollte eigentlich auf die Eröffnungsfeier in Paris verzichten und noch weiter an unserem Boot arbeiten. Dann fragte mich unser Trainer Morgan Reeser: Was wären die Olympischen Spiele ohne die Besonderheiten wie die Eröffnungsfeier? Dann wäre Olympia ein ganz gewöhnlicher Wettkampf. Auch wenn diese Einstellung manche Kommentatoren verpönen, aber man darf nicht nur, man muss meiner Meinung nach sogar als Athlet Olympia genießen. Die Olympischen Spiele finden nur alle vier Jahre statt und sind das Highlight einer jeden Karriere. Wenn ich in so einem Moment keine Freude spüren darf, ja wann denn dann? Außerdem kannst du nur performen, wenn du eine Lockerheit mitbringst und Vertrauen in dich hast: Dann lässt man los und kommt ins Tun. Nicht grübeln, nicht zweifeln – machen. Dein Talent hat dich bis hier her gebracht, auf die größte Sportbühne der Welt, das zeigt, dass du einer der Besten bist. Was am Ende rausschaut, hat vielleicht auch ein bisschen was mit Schicksal zu tun. Zwingen lässt sich nichts. Natürlich bringt dich der Wettkampf an deine äußersten Grenzen und vielleicht sogar darüber hinaus, aber du bist dann eins mit dir, wenn du diesen Stress genießt. Unser Trainer war ein wichtiges Puzzleteil für unseren Olympiasieg, das konnte er aber nur sein, weil wir instinktiv spürten, dass wir bei Olympia andere Impulse brauchten. Ohne Morgan Reeser hätten wir nicht Gold gewonnen.

Schlaflose Nächte
Der Reiz der Olympischen Spiele macht auch die Vergleichbarkeit aus. In allen Sportarten werden Gold, Silber und Bronze vergeben, und kein Preisgeld macht einen Unterschied aus: Alle Athleten, die Gold gewinnen, sind Olympiasieger. Egal, in welcher Sportart. Ohne jede Abstufung. Superstars wie Überraschungssieger. Der Stellenwert eines Olympiasiegs ist auf der ganzen Welt gleichhoch. Wobei mich, so wie viele andere Athleten, auch einfach immer das Flair des olympischen Gedankens gepackt hat: Es geht natürlich um sportliche Höchstleistungen, aber alle Athleten verbindet auch Respekt, Fairness und ein Gemeinschaftssinn. Dieses Interkulturelle und der Respekt allen Menschen auf der Welt gegenüber spürt man nie und nirgendwo anders so stark wie bei Olympischen Spielen. Man wird zu einer großen Familie. Die Vorfreude auf den eigenen Wettkampf kippt eine Nacht vor Beginn des Events. Da war ich in Marseille wirklich sehr aufgeregt.
Eine Segelregatta dauert knapp eine Woche und ich hatte an jedem Abend größte Schwierigkeiten, ruhig zu schlafen, aber in der Nacht vor dem ersten Wettkampftag war es am schlimmsten.
Was allerdings Alessandro Hämmerle in der heutigen NEUE-Ausgabe sagt, ist absolut richtig und löst eine Gänsehaut bei mir aus: Man braucht in dieser Nacht vor dem Bewerb den Schlaf gar nicht so dringend. Du bist als Athlet bereit am nächsten Morgen, außerdem kann man sich sicher sein, dass auch die allermeisten anderen Athleten eine unruhige Nacht hinter sich hatten. Hämmerle ist in Peking nach einer schlaflosen Nacht Olympiasieger geworden. Der Erfolg beginnt im Kopf. Du musst mental stark sein, gerade an Tagen, an denen Unplanmäßiges passiert: Zum Beispiel, weil der Wettkampf ausfällt. Das kann bei Freiluftsportarten immer passieren und könnte nun auch auf die Sportler bei den Winterspielen in Mailand und Cortina zukommen: Wenn der Nebel auf der Piste hängt oder der Schneefall dicht ist, kann nicht gefahren werden. Beim Segeln hängt alles vom Wind ab, in Marseille musste das entscheidende Medal Race um einen Tag verschoben werden.
Solche Tage sind mental eine große Herausforderung. Denn du bist auf einen Tagesablauf programmiert und musst plötzlich improvisieren, in der Regel wird der Bewerb ja nicht sofort abgesagt für diesen Tag, sondern stundenweise nach hinten verschoben. Solange keine endgültige Entscheidung gefällt wurde, musst du immer bereit dafür sein, dass es in wenigen Minuten los gehen könnte: Das ist eine der schwierigsten Situationen überhaupt im Spitzensport, weil sie sehr kräfteraubend sind. Ich habe in solchen Momenten immer versucht, zu 100 Prozent im Augenblick zu bleiben.

Tu, was dir gut tut
Einfacher, aber auch nicht ohne, sind planmäßige Ruhetage. Auf diesen freien Tag kannst du dich vorbereiten. In Marseille war meine Familie dabei, meine Kinder waren an den freien Tagen so vereinnahmend, dass ich alles rundherum vergessen habe. Was mich wieder zum Unterschied zwischen dem Arbeiter in der langen Vorbereitungsphase und dem Performer beim Wettkampf bringt: Während du dich zum Beispiel bei einem Trainingslager ständig pushen musst, ist es während der Wettkampfphase völlig egal, wie du den Tag verbringst, solange du beim Bewerb performst. Du kannst vor und nach dem Wettkampf stundenlang am Handy verbringen, wenn dir das gut tut, dann mach es.
Was zählt, ist nur die Leistung während der zweiminütigen Abfahrt, den wenigen Sekunden beim Sprung auf der Schanze oder, wie es bei uns war, der 30-minütigen Wettfahrt. Vor allem muss dir als Athlet auch völlig egal sein, wie die anderen das bewerten, was du außerhalb des Wettkampfs machst: Denn die stecken nicht in deiner Haut und waren auch nicht in den vielen Tausenden Trainingsstunden an deiner Stelle. Keiner weiß so gut wie man selbst, was man braucht, um sich gut zu fühlen.
Ich habe es immer geliebt, die anderen Wettkämpfe am TV zu verfolgen, gerade in Marseille, als ich selbst dabei war. In unserem Teamhaus stand im Aufenthaltsraum ein Fernseher, auf dem immer die Spiele liefen, auch während den Therapien. Ich bin ein absoluter Olympia-Fan, mich energetisiert es, anderen Athletinnen und Athleten dabei zuzuschauen, wie sie ihre Höchstleistungen bringen. Bei unserer Besprechung vor dem Medal Race hat uns Trainer Morgan Reesser vorgelesen, was der amerikanische Golfer Scottie Scheffler über seine Goldmedaille gesagt hat: Seine Gedanken vor dem letzten Wettkampftag waren, dass er einfach nur dankbar war, bei den Spielen so gut zu performen. Das war die letzten Worte, die uns unser Trainer mit auf den Weg gegeben hat. Danach holten wir Gold.
Ich glaube, ein Teil der Magie der Olympischen Spiele ist, dass die Athleten zu Sendern und Empfängern werden und sie so gemeinsam eine Schwingung aufbauen, die alle Beteiligten, Athleten, Trainer, Funktionäre und Zuschauer als olympischen Geist wahrnehmen. Genau dieser Spirit ist es, der einen Brückenschlag zwischen den Nationen schafft und die vergangenen Spiele mit ihren Teilnehmern und Champions mit heute verbinden. Man wird Teil der größten Sportgeschichte der Menschheit, und das ist eine mystische Erfahrung, die für immer bleibt.