Kultur

„Stoff – Ein Spitzengeschäft“: Der Film, der Vorarlberg herausfordert

10.02.2026 • 19:39 Uhr
STOFF – Ein Spitzengeschäft
Ob traditionell oder modern, Stickereien sind in Lagos noch immer angesagt. STADTKINO

Nigerianisch-Österreichische Dokumentation gibt Anlass zur Aufarbeitung historischer Verbrechen.

Der Dokumentarfilm „Stoff – Ein Spitzengeschäft“ ist die kontroverseste Kinoproduktion der jüngeren Landesgeschichte. Nicht zuletzt, weil er zeigt, wie Markus Riedmann, Obmann des Vorarlberger Stickereiverbands, die kriminellen Handlungen seiner Branche mit breitem Lachen bagatellisiert. Konkret geht es um die systematische Umgehung des nigerianischen Importverbots von Luxuswaren wie Stickereien in den 1970ern. „Schmuggeln ist womöglich nicht der richtige Begriff, sie wurden nur anders deklariert“, schildert der Unternehmer ohne ersichtliche Scham. „Als was?“, will die nigerianische Journalistin Ireti Bakare-Yusuf von ihm wissen. Die knappe Antwort: „Schulbücher“.

STOFF – Ein Spitzengeschäft
Journalistin Ireti Bakare-Yusuf in ihrer Radiosendung.

Sklaven und Stoffe

Von der Beteiligung Vorarlberger Kaufleute am transatlantischen Sklavenhandel über den Westafrika-Boom der Lustenauer Stickerei zieht die Dokumentation einen groben Bogen, der anhand von Perspektiven aus Nigeria und Vorarlberg diskutiert wird.

„Fäden“ feierte am 30. Jänner im Wiener Stadtkino Premiere und wird am 14. März auf dem Human Vision Film Festival am Dornbirner Spielboden erstmals in Vorarlberg zu sehen sein.

Katharina Weingartner
Katharina Weingartner. OKAZAKI

Dort offenbart sich das Produkt von rund fünf Jahren Gemeinschaftsarbeit nigerianischer und österreichischer Filmemacherinnen wie auch engagierter Bürger. Eine zentrale Inspiration für die Dokumentation kam während eines Besuchs der Biennale in Dakar. Produzentin Katharina Weingartner und die an der Akademie der bildenden Künste in Wien unterrichtende Soziologin Anette Baldauf staunten nicht schlecht, als sie auf den Märkten der Hauptstadt Senegals Fabrikationen Vorarlberger Textilunternehmer wie Getzner prominent vertreten sahen. „Wir sind davon ausgegangen, dass die Ware großteils aus China kommt und kaum mehr etwas von Vorarlberg nach Westafrika geliefert wird“, schildert die aus Feldkirch stammende Baumgartner.

Anette Baldauf
Anette Baldauf. OKAZAKI

Baldauf diagnostiziert dem österreichischen Dokumentarfilm die Tendenz, Afrika-bezogene Filme in Form hochstilisierter Bilder von Armut abzuliefern. Gewillt um einen anderen Weg, war ihnen von Anfang an klar, dass sie „es gemeinsam mit Nigerianerinnen machen wollen und so verschiedene Perspektiven auf das Phänomen zusammen kommen“, berichtet die Soziologin.
„Die Künstlerin und Kuratorin Jumoke Sanwo war unser Ankerpunkt in Lagos. Beim gemeinsamen Radiofeature für den WDR hat sie den Teil in Lagos gemacht, wir die Aufnahmen in Vorarlberg“, beleuchtet Weingartner die Anfänge. Das besagte Feature unter dem Titel „Spitzen-Geschäfte – Eine Textilgeschichte in zwei Teilen“ (2021) ist auf der Homepage des WDR abrufbar und allen, die sich auch nur im Entferntesten für Geschichte interessieren, wärmstens empfohlen.

Chioma Onyenwe
Chioma Onyenwe. Muir

Für Regie und Drehkonzept von „Stoff“ konnten die nigerianischen Filmemacherinnen Chioma Onyenwe und Remy Vaugham-Richards, sowie die Austro-Nigerianerin Joana Adesuwa Reiterer dazu gewonnen werden. Wie schon für das Radio wurde auch der Film separat in Lagos und Vorarlberg gedreht.

TYS Downloadable - Joana Adesuwa Reiterer
Joana Adesuwa Reiterer. Ubi

Kein Film über Geschichte

Das Resultat ist gleichermaßen ambitioniert, professionell und eigenwillig. „Fäden“ ist kein Film über die Geschichte (post-) kolonialer Verstrickungen der Vorarlberger Stickerei- und Textilwirtschaft. Dafür ist die wiedergegebene Faktenlage zu dünn. Viel eher zeigt er, wie verschiedene Personen auf die Geschichte blicken.

STOFF – Ein Spitzengeschäft
Margarethe Bösch (r.) erzählt Anette Baldauf von ihrer Zeit in Nigeria als Geldschmugglerin im Auftrag Lustenauer Stickereien. STADTKINO

Dieser Umstand ist dem Aufbau der Erzählung geschuldet. Spannend beginnt sie in Lustenau, wo die albtraumgeplagte Margarethe Bösch aus ihrem autobiografischen Buch „Margret’s African Connection“ vorließt. Bösch war in den 1970er Jahren für ein Lustenauer Stickereiunternehmen in Nigeria tätig. Das Land entwickelte sich in den späten 1960er Jahren zum zentralen Absatzmarkt für Stickwaren. Da der Import ab 1976 verboten war, schmuggelten die hiesige Industrie und ihre nigerianischen Partner die Waren ins Land. Eindrucksvoll schildert sie, wie mit Stoffen gefüllte Jumbo-Jets wöchentlich gegen Süden flogen und unvorstellbare Summen von Schwarzgeld mit ihrer Hilfe nach Österreich gebracht wurden. Sie ist eine der wenigen Zeitzeuginnen des Films.
Angesprochen auf den Grund erklärt Weingartner: „Wir haben während Interviews in Vorarlberg einen Diskurs vorgefunden, dessen Gewalt und Rassismus wir nicht reproduzieren wollen. Gleichzeitig geht es uns nicht darum, Schuldige vorzuführen. Vielmehr geht es um ein System, an dem wir alle teilnehmen“.

STOFF – Ein Spitzengeschäft
Diese Szene im Soziodrama stellt den Schmuggel von Bargeld nach. STADTKINO

Entscheidende Episoden der Geschichte wurden stattdessen als Soziodrama inszeniert. Eine Gruppe Freiwilliger schlüpft bei diesem mit der Familienaufstellung verwandte Format in verschiedene Rollen, wodurch eine spielende Erforschung der Geschichte angestrebt wird. Während den Teilnehmenden wertvolle Einblicke zuteil wurden, zählt das Soziodrama zu den schwächsten, oberflächlichsten Stellen des Films.

Die Königin der Stickerei

In Lagos folgt man der Journalistin Bakare-Yusuf auf den Stoff-Markt „Gutter“, den ihrer mittlerweile verstorbene Mutter Alhaja Seriki-Yusuf etablierte. Anlass ist der 20 Jahre zurückliegende Tod der sogenannten „Queen of Lace“, den ihre Tochter mit passenden Stoffen zelebrieren möchte. Diese Aufnahmen zeigen den meisten Lustenauern nichts Neues, vermitteln aber gekonnt, was für einen den Stellenwert die Stickerei im Leben der süd-nigerianischen Oberschicht einnimmt.
Zum Abschluss dieser „historischen Reise“ begibt sie sich mit ihrer Schwester nach Vorarlberg. Seltsamerweise zeigt der Film, wie sie vom hinteren Bregenzerwald aus das Rheintal erreichen. Angekommen in Lustenau kommt es zum bereits erwähnten Gespräch mit Riedmann. Um nicht zu viel vorwegzunehmen, endet hier die Nacherzählung in der Mitte des Films.

STOFF – Ein Spitzengeschäft
Die Journalistin besucht den Stoffmarkt „Gutter“ in Lagos.STADTKINO

Überreife Aufgabe

Viele Vorarlberger sehnen sich nach einer kritischen Aufarbeitung der Geschichte, sei es die der Kolonialverbrechen oder Stickerei. Eine überreife Aufgabe, der „Stoff – Ein Spitzengeschäft“ nicht gerecht wird, aber auch nicht gerecht werden kann. Obwohl er vor Halbwissen förmlich überquillt und die Ausbeutung der Arbeitenden in Vorarlberg bestenfalls streift, sollte der Film nicht verpasst werden. Szenen, wie die Passage mit Riedmann, inspirieren dazu, die Geschichte der Stickerei nicht den Stickern zu überlassen. Daher kann ein finales Urteil über die Dokumentation erst getroffen werden, wenn sie ihre Wirkung auf die Öffentlichkeit entfaltet hat. Den im Potential zum Anstoß liegt die wahre Qualität des Films.

Im Anschluss an die Vorarlberg-Premiere diskutieren die Regisseurinnen Anette Baldauf und Katharina Weingartner gemeinsam mit den Soziodrama-Protagonistinnen Nurcan Bakmaz, Teresa Reiter und Sandra Schoch.