Sport

Der Tag, an dem Izzi zur Allzeit-Legende wurde

14.02.2026 • 22:40 Uhr
GEPA-20260212-101-133-0083
GEPA

Reportage. Am Donnerstag ist Alessandro Hämmerle in Livigno zum zweiten Mal SBX-Olympiasieger geworden. Die NEUE begleitete seine Familie, seine Freunde und seinen Fanklub am Renntag und war dann auch bei Izzis privater Siegesfeier eingeladen. Ein exklusiver Lokalaugenschein eines historischen Tags, der unter die Haut geht.

Donnerstag, 11.37 Uhr auf der Zuschauerterrasse im Zielgelände des Snowboardcross-Olympiahangs. Vor ein paar Minuten ist der Setzlauf zu Ende gegangen, der über die Einteilung des Rennrasters entschieden hat. Alessandro Hämmerle ist Siebter geworden, was ihm eine ordentliche Ausgangslage für das Rennen verschafft, das in knapp zwei Stunden um 13.45 Uhr beginnt. Wie genau Hämmerles möglicher Weg in ein neuerliches Finale aussieht, ist offen, der Raster ist noch nicht veröffentlicht. Klar ist nur, dass er in der unteren Hälfte gelandet ist und im siebten Achtelfinale startet.
Gefahren wird in Vierer-Heats, die 32 für Olympia qualifizierten Boarder werden also auf acht Läufe aufgeteilt. Die jeweils zwei Schnellsten pro Lauf qualifizieren sich für die nächste Runde, die Dritt- und Viertplatzierten eines Heats sind ausgeschieden.

Der Tag, an dem Izzi zur Allzeit-Legende wurde
Das langatmige Warten auf den Beginn des Rennens. Klaus Hartinger

Einstimmung

Die Familie Hämmerle und Izzis Fanclub haben sich vorerst mittig auf der Zuschauerterrasse ein Plätzchen gesucht. Hämmerles Unterstützer sind mit ihren hellblauen ­T-Shirts, das ein Bild des Olympiasiegers von 2022 trägt, leicht erkennbar. Außerdem haben sie Österreich-Fahnen, Schals und ein Transparent dabei, das sie wie ein Banner mit Fahnenstöcken in die Luft strecken können. Der Fanklub ist also bestens ausgerüstet und ob der rund 30 Köpfe auch stimmgewaltig. Izzis Familie ist schon am Mittwochabend angereist, musste sich aber bei St. Moritz einquartieren, weil im näheren Umkreis von Livigno alle Hotels ausgebucht waren. Zudem hat sich aus dem Montafon noch ein Bus mit weiteren Unterstützern an Bord nach Livigno aufgemacht – einem Wintersportort auf knapp 2000 Metern im Schweizer Grenzgebiet der Lombardei.

Die Anreise ist umständlich über Davos, oder aber bei einer längeren Fahrtstrecke ­ent-spannter über Landeck möglich. Eine Delegation des ­Olympiazentrums Vorarlberg hat sich für die Tiroler Route entschieden, nach Livigno aufgemacht haben sich unter anderem Geschäftsführer Sebastian Manhart, Simon Nussbaumer sowie Kristian Krause. Auch die Abordnung des Olympiazentrums stellt ihre Unterstützung für Hämmerle zur Schau – mit Buchstabentafeln, die ein rot-weiß-rotes „Go Izzi“ ergeben.

Der Tag, an dem Izzi zur Allzeit-Legende wurde
Ein Gruppenbild mit den Hämmerle-Fans. Klaus Hartinger

Mittagessen

12.15 Uhr. Noch 90 Minuten bis Rennbeginn. Die Stimmung ist entspannt. Mama Caterina Hämmerle erzählt, dass Izzi noch am Sonntag mit seiner Frau Julia bei ihnen in Gaschurn zum Mittagessen zu Besuch waren. Es gab Hühnersuppe mit Frittateneinlage, Zander im Backteig mit Petersilkartoffeln, Salat und frisch gebackene Krapfen. „Wir haben nicht übers Rennen gesprochen. Izzi sollte sich ein paar Stunden vor seiner Abreise nochmal entspannen können“, erzählt Mama Hämmerle und offenbart, dass die Olympischen Spiele trotzdem zwangsläufig zum Thema wurden: „Alessandro hat am Fernseher verfolgt, wie Benjamin Karl Olympiasieger geworden ist.“

Der Tag, an dem Izzi zur Allzeit-Legende wurde
Als sich der Hunger rührt, bleibt nur übrig, sein Glück zu versuchen. Der Hotdog ­schmeckt genau so, wie er aussieht: Mehr als bescheiden. Klaus Hartinger

Trickkiste

Alle bei der Familie Hämmerle sind optimistisch, wäre da nur nicht der Infekt, den sich der Boardercrosser eingefangen hat. „Es ist ihm heute Morgen nicht sonderlich gut gegangen“, klärt Gino Hämmerle auf, und der muss es am besten wissen, ist er doch selbst Arzt. Gino beschreibt, dass er vergangenen Sonntag etwas in die Trickkiste gegriffen hat, um seinen Bruder zu beruhigen: „Ich habe ihn durchgecheckt und auch in seinen Hals geschaut. Danach meinte ich zu ihm, ich sehe da keine Entzündung, das ist nur ein kleiner Schnupfen. So ganz ehrlich war ich da nicht zu Izzi“, gesteht der älteste der Hämmerle-Brüder lachend, der einst im SBX-Weltcup fuhr.
Und dann sagt Gino Hämmerle jenen Satz, der so oft in Zusammenhang mit seinem Bruder fällt: „Wenn das einer wegstecken kann, dann Izzi.“

Der Tag, an dem Izzi zur Allzeit-Legende wurde
Gino Hämmerle und Freundin Lina wagen ein Tänzchen. Klaus Hartinger

Wieder mit Grondin

Inzwischen liegt das Rennraster vor. Hämmerle bekommt es in seinem Achtelfinale mit dem Briten Huw Nightingale sowie den Amerikanern Jake Vedder und Cody Winters zu tun. Das sollte machbar sein. Ab dem Viertelfinale wäre Hämmerle wie 2022 in Peking mit Eliot Grondin in einem Lauf. Auch das ist aus mehrerlei Gründen ein gutes Omen: Im Secret Garden schlug Hämmerle im Fotofinish Grondin um ein paar Zentimeter.
Grondin hat sich zwar seither zur prägenden Figur entwickelt, aber der Kanadier ist einer, der wie Hämmerle gerne vornweg fährt. Damit könnten die beiden als hervorragende Starter in einem möglichen gemeinsamen Viertel- und Halbfinale gleich das Feld auseinanderziehen.

Und vor allem hätte Izzi dadurch wie in Peking die Chance, die Linie von Grondin zu studieren. Diesen Plan hatte er schon vor den Spielen exklusiv der NEUE anvertraut: Sollte er wie in Peking abermals schon vor dem Finale auf Grondin treffen, werde er Grondin wie vor vier Jahren ziehen lassen, um sich eine ideale Taktik für das große Finale zurechtzulegen.

Der Tag, an dem Izzi zur Allzeit-Legende wurde
Der Tag, an dem Izzi zur Allzeit-Legende wurde
Der Tag, an dem Izzi zur Allzeit-Legende wurde
Der Tag, an dem Izzi zur Allzeit-Legende wurde
Bilder, die kaum Worte brauchen: Izzis Fans fiebern mit. Sie singen, sie brüllen, sie schicken ein Stoßgebet gen Himmel und können nach jedem Heat befreit aufatmen. Die Stimmung wird immer noch elektrisierender. Klaus Hartinger

Langatmig

Die Diskussionen über das Rennraster sind jedenfalls eine willkommene Abwechslung, denn das Warten auf den Rennbeginn wird mittlerweile von einer quälenden Langatmigkeit untermalt. Es fühlt sich an, als würden die Zeiger auf der Uhr von einer unsichtbaren Macht zurückgehalten werden. Jetzt schaut Christian Speckle bei den Hämmerles vorbei. Der Projektleiter der WM Montafon 2027 fungiert in seinem zweiten Leben seit vielen Jahren als Stadionsprecher im Snowboardcross-Zirkus, auch in Livigno ist er als englischsprachiger Einpeitscher engagiert. Deshalb muss er auch gleich weiter. Dann erzählt Mama Caterina eine Geschichte, die auf Wiedervorlage kommen sollte: „Eliot hat mir gesagt: Wenn ihn einer schlägt, dann möchte er, dass es wieder Izzi ist.“

12.45 Uhr. Eine Stunde vor Rennbeginn. Nach und nach füllt sich nun die Zuschauerterrasse, in einem Eck haben sich die deutschen Schlachtenbummler versammelt, im nächs-ten die Kanadier, die Italiener, die Briten, die Niederländer, die Amerikaner, die Spanier, die Australier sowie die Fangruppen der anderen drei österreichischen Starter. So präsentiert sich ein Farben- und Fahnenmeer, das noch mehr Lust auf das anstehende Rennen macht: Es herrscht eine Multikulti-Länderspielstimmung. Mama Hämmerle unterhält sich derweil, wie schon bei der WM in St. Moritz im Vorjahr, mit der Mama von Omar Visintin, zweifacher Medaillengewinner von Peking. Inzwischen hat die offizielle Renneinstimmung begonnen.

Der Tag, an dem Izzi zur Allzeit-Legende wurde
Izzis Fanlager beim frenetischen Anfeuern. Klaus Hartinger

Tänzchen gewagt

Ein italienischer Moderator macht mit seinem Mikro und einem Kamerateam im Schlepptau Halt bei den verschiedenen Fangruppen und landet dabei rasch bei den Hämmerles, die sich auf Bitte formieren, das Plakat aufrichten und ihren Schlachtgesang zum Besten geben: „Izzi Izzi Izzi Izzi vor, Izzi vor, Izzi voooooor“. Die Bilder werden über die große Leinwand übertragen, der Gesang schallt durch große Lautsprecher durch den Zielraum.

Gino und Lina lassen sich sogar zu einem Tänzchen bewegen. Doch mittlerweile täuscht der erste Eindruck vollends: So locker, wie sich Izzis Fans jetzt geben, sind sie längst nicht mehr. Da und dort wird an einer der Mini-Bierflaschen des Veranstalters genippt, bei den kleinen Einheiten besteht keine Gefahr, dass einer der Beteilig-ten das Wichtigste, sprich das Rennen, zu angeheitert verpasst: Der Nerventrunk beruhigt vielmehr das ein oder andere langsam in Wallung geratene Gemüt. Als weiterer Seelentrös-ter werden Gummibärchen herumgereicht, zumal das Essen an den Versorgerständen genau so schlecht schmeckt, wie es aussieht.

Der Tag, an dem Izzi zur Allzeit-Legende wurde
Eine IOC-Beauftragte kommt nach dem Halbfinallauf zu Mama Caterina Hämmerle und erklärt ihr, dass vier Familienmitglieder in den Innenraum dürfen, wenn Izzi eine Medaille gewinnt. Klaus Hartinger

Wetterumschwung

Ehefrau Julia steht derweil die Anspannung ins Gesicht geschrieben, sie wird immer noch ruhiger, ihre Gedanken sind bei ihrem Izzi. Papa Hanno Hämmerle bestätigt: „Langsam kommt die Stimmung bei mir in Fahrt. Aber ich bin nicht nervös, eigentlich ist es bei mir nur eine Vorfreude. Ich weiß, was Izzi kann, ich genieße es, hier zu sein.“ Beim WM-Rennen in St. Moritz hatte er noch gefehlt, da er für die Gäste seiner Pension Rudolph da sein musste.
Mama Caterina Hämmerle erklärt mit schon etwas zittriger Stimme: „Meine Knie sind schon sehr weich.“ 13.20 Uhr. Plötzlich schlägt das Wetter um. Schneefall setzt ein, auch leichter Wind kommt auf. Das Ganze weckt unliebsame Erinnerungen an Sotschi 2014, als am Morgen vor dem Rennen plötzlich Plustemperaturen herrschten und Regen einsetzte. Das österreichische Team hatte nur einen Servicemann, der, auf sich allein gestellt, darauf nicht mehr reagieren konnte. Mit verheerenden Folgen für die ÖSV-Boardercrosser: Mitfavorit Markus Schairer glitt auf der weichen Piste wie in Zeitlupe über die Strecke und schied bereits im Achtelfinale aus, für den 20-jährigen Alessandro Hämmerle war bei seinen ersten Spielen im Viertelfinale Schluss.
Ob sich diese Geschichte nun wiederholen könnte? „Nein“, beruhigt der jüngste der Hämmerle-SBX-Dynastie Luca, Junioren-Weltmeister von 2016. „Soweit ich das aus Erzählungen weiß, hat uns damals der Wetterumschwung völlig überrascht. Ich bin mir sehr sicher, dass wir heute auf den Schneefall vorbereitet sind.“ Wie aufs Stichwort sind oben am Hang abseits der Strecke weiß gekleidete Boarder zu erkennen. Luca Hämmerle deutet mit dem Zeigefinger auf den Hang und sagt: „Die gehören zum österreichischen Team, die machen jetzt die letzten Materialtests. Es ist alles gut.“

Nun sucht sich das Hämmerle-Lager einen neuen Standort, ganz links vorne ist noch ein letztes Plätzchen frei, das sich als ideal erweist, denn es befindet sich hinter dem Zielraum. Allerdings beginnen die Zuschauerplätze gut und gerne erst 200 Meter hinter dem Zielraum.

Der Tag, an dem Izzi zur Allzeit-Legende wurde
Ehefrau Julia steht die Anspannung ins Gesicht geschrieben. Klaus Hartinger

Rennbeginn

Dann ist es endlich 13.45 Uhr. Das Warten hat ein Ende. Gleich im ersten Heat ist mit David Pickl ein Österreicher am Start, dessen Olympia-Premiere endet jedoch als Dritter gleich nach dem ersten ersten Lauf. Im zweiten Lauf macht es der Wiener Jakob Dusek viel besser, er gewinnt seinen Lauf souverän. Die Hämmerle-Fans bejubeln Duseks Laufsieg, stimmen „Immer wieder Österreich“ an, was eine mehr also nur noble Geste ist, denn Dusek hatte im Vorjahr in St. Moritz Hämmerle auf dem Weg zum WM-Titel blockiert. Papa Hanno Hämmerle huscht ein Lächeln übers Gesicht: „Die Bretter laufen, das ist ein gutes Zeichen.“
Optimistisch stimmt auch der Kurs: Mit der technisch anspruchsvollen langen Startgeraden, den vielen schwierigen Elementen sowie einer langen Laufzeit von über einer Minute ist der Kurs selektiv und somit genau nach dem Geschmack von Alessandro Hämmerle. Im Weltcup sind die Läufe oft deutlich kürzer und haben kaum Schwierigkeiten zu bieten. Dieser Kurs wimmelt nur so von Schlüsselstellen, wie die vielen Wellen im Schlussdrittel. Und als ob es noch eine Bestätigung dafür gebraucht hätte, dass dieser Kurs nichts mit dem Standardläufen im Weltcup zu hat, scheidet in Achtelfinallauf drei der Weltcupführende Adam Lambert sang- und klanglos aus.

Achtelfinale

Die Anspannung bei den Hämmerles steigt von Minute zu Minute, das Wetter bleibt ein Thema, denn der Schneefall wird immer dichter und dichter, und aus dem Lüftchen von vorhin ist ein ausgewachsener Wind geworden. 14.07 Uhr. Die Stunde null ist gekommen. Achtelfinal-Heat sieben mit Alessandro Hämmerle steht an. Als Izzi auf der Leinwand ins Bild kommt, brandet lauter Jubel im Izzi-Lager auf.

Einerseits drücken sie damit ihre Unterstützung aus, andererseits brüllen sie damit ihre Nervosität heraus. Hämmerle fährt einen fantastischen Lauf. Er biegt zwar nur als Zweiter in die erste Kurve ein, macht dann aber auf der zweiten Geraden ­enorm viel Tempo und setzt sich danach deutlich vom Feld ab. Der 32-Jährige ist so weit vorn, dass er aufrecht salutierend über die Ziellinie fährt – unter dem Jubel seiner Fans. Spätestens jetzt weiß jeder, der Hämmerle kennt: Der Mann ist gut drauf und fühlt sich wohl auf der Strecke. Wer hier und heute Gold holen will, muss am Montafoner vorbei.

Der Tag, an dem Izzi zur Allzeit-Legende wurde
Anfeuern vor dem Viertelfinallauf. Klaus Hartinger

Es spitzt sich zu

14.34 Uhr. Hämmerles Viertelfinallauf steht an, wie angenommen trifft er dabei auf Grondin. Und es kommt so, wie Hämmerle das vorskizziert hat: Der Kanadier kontrolliert bei nun wieder moderatem Wind wie erwartet den Lauf, Hämmerle lässt aber nie abreißen und macht im langen Zielhang enorm Tempo. Gleichauf bewältigen die beiden Großmeister die letzten Meter, ehe sich der Montafoner wieder aufrichtet und Grondin hauchdünn den Laufsieg schenkt. Oder anders ausgedrückt: Ihn in Sicherheit wiegt. Jetzt geht alles Schlag auf Schlag. Um 14.46 Uhr steht bereits der zweite Halbfinallauf an. Gerade eben hat sich Jakob Duesek für das große Finale qualifiziert. In das will nun auch Alessandro Hämmerle. Der Olympiasieger legt es auf der Strecke wieder gleich an, lässt Grondin den Vortritt, wobei Hämmerle dieses Mal einen Nadelstich setzt: Auf der zweiten Geraden mit den vielen Wellen arbeitet er sich an Grondin vorbei, lässt ihn danach aber gleich wieder kampflos vorbei. Im Zielhang pirscht sich dann US-Haudegen Nick Baumgartner sehr nah an den Vorarlberger heran, das geschulte Auge erkennt es jedoch schon vor dem Zieleinlauffoto: Hämmerle ist ein paar Zentimeter vorn; und trotzdem: Hämmerle deutet danach bei der offiziellen Ergebnisverkündung mit einer Geste an, dass er das ein bisschen zu spannend gemacht hat. Hämmerle steht wie vor vier Jahren wieder im Finale. 14.51 Uhr. Eine IOC-Beauftragte geht auf die Hämmerles zu und erklärt Mama Caterina, dass vier Familienmitglieder in den Innenraum dürfen, wenn ihr Sohn eine Medaille gewinnt.

Die Entscheidung

15.01 Uhr. Der große Moment, auf den alle hofften, dass er wieder eintreten würde, ist gekommen: Hämmerle steht im olympischen Finallauf im Startgate. Jetzt geht es um alles. Izzi kann sich zur lebenden Legende machen, wenn er seinen Olympiasieg wiederholt. Die Stimmung im Ziel ist elektrisierend. Selbstverständlich sind alle bei den Hämmerles angespannt, und doch ist es eine ganz andere Nervosität als vor dem Achtelfinale. Izzi schwört sich in den Sekunden vor dem Start ein, er hat seinen Blick gesenkt, wirkt ganz bei sich, als ob er alles um ihn herum ausblenden würde. Sein Start ist verhalten, der Franzose Aidan Chollet und eben Grondin kommen am besten weg, Hämmerle reiht sich als Dritter ein. Es ist mit Händen greifbar, dass der Montafoner auf seinen Moment wartet, nach der Zielkurve rutscht er im dichten Pulk sogar kurzzeitig auf Rang vier zurück. Grondin führt. Alles ist offen. Alles ist wie erhofft. Jetzt war der Moment gekommen, von dem Hämmerle vor drei Wochen am Esstisch seiner Wohnung in Bludenz gesprochen hatte: Jetzt kann er im Zielhang seinen Angriff starten.

Der Sieg

Izzi lässt sich aus seiner Warte nach links abdriften, auf den Wellen macht er Tempo und schließt vor dem Zielsprung zu Grondin auf. Bereits in der Luft geht er an ihm vorbei, bei der Landung ist er ein paar Zentimeter vorn – und das seitlich, Windschatten wirkt hier keiner. Ein paar Meter sind es jetzt noch bis zum Ziel, wie vor vier Jahren im Secret Garden gehen Hämmerle und Grondin tief in die Knie, um sich dafür bereit zu machen, mit gestrecktem Board die Ziellinie zu queren. Hämmerle ist in Führung, wenn er jetzt den richtigen Zeitpunkt für das Abtauchen findet, ist er wieder Olympiasieger. Izzis Fans brüllen ihren Liebling lautstark ins Ziel, mache schreiben „Hopp“, manche versuchen einfach nur einen Ton herauszubringen, und das, was da aus den Kehlen dringt, klingt von Augenblick zu Augenblick freudiger. Und tatsächlich: Izzi bewahrt die Nerven.

Während Grondin einen Mü zu früh sein Gewicht nach hinten verlagert und sein Brett anhebt, macht Hämmerle einen Bruchteil einer Sekunde länger Tempo und richtet seine Brettspitze erst wenige Zentimeter vor der Ziellinie auf. Es ist der pompöse Schlussakkord einer taktischen Meisterleistung, vielleicht des besten Rennens, das je ein Boardercrosser bei olympischen Spielen abgeliefert hat: Hämmerle ist wieder Olympiasieger – und das weiß er auch sofort.

Einige Meter von Hämmerle entfernt liegt Grondin geschlagen im Schnee. Auch der 24-jährige Kanadier weiß sofort, dass er wieder um ein paar Zentimeter Olympiagold gegen Hämmerle verloren hat. Und auch, wenn es knapp war, es braucht kein Zielfoto: Alessandro Hämmerle hat seinen Olympiasieg von 2022 wiederholt, er ist Doppel-Olympiasieger. Izzis Fans baden in Glückseligkeit. Mama und Papa Hämmerle umarmen sich, es fließen Tränen, die Brüder Luca und Gino hüpfen, Gattin Julia greift sich überwältigt an den Kopf, es wird getanzt vor Glück, gejubelt, geschluchzt, gelacht – und all das irgendwie gleichzeitig. Wieder fühlt es sich an, als wäre die Zeit angehalten worden, jetzt aber kann kein Augenblick zu lang sein. Sogleich branden wieder „Izzi“-Rufe auf, die von Schrei zu Schrei immer noch eindringlicher werden: Es schwingt Freude, Bewunderung, Stolz mit.

Der Tag, an dem Izzi zur Allzeit-Legende wurde
Der Siegerkuss: Ehefrau Julia ist so stolz auf ihren Izzi. Klaus Hartinger

Hymne

Es ist 15.07 Uhr. So langsam weicht die Anspannung, es mischt sich nun immer mehr Lachen in das Stimmengewirr. Dann folgt die Siegerehrung: Um exakt 15.20 Uhr wird Izzi als Olympiasieger auf das oberste Podest gerufen: Von Christian Speckle, auf dessen langgezogenes „Alessandroooo“ das Izzi-Fanlager mit einem frenetischen „Hämmerle“ in die Speckle-Ansage einstimmen. Wieder brandet Jubel auf, gefolgt von schnell aufeinanderfolgenden „Izzi-Izzi-Izzi“-Rufen. 15.21 Uhr. Die österreichische Bundeshymne erklingt. Die Textsicheren singen mit, die anderen summen mit. Danach stellen sich alle dieselbe Frage: Wie kommen sie am schnellsten zu ihrem Izzi, dem König der Boardercrosser? Zwei übereifrige Ordner lassen seit Minuten niemanden vorbei, auch der Hinweis fruchtet nicht, dass zuvor am anderen Ende der proppenvollen Zuschauerterrasse die Ordner die Fans der Finalisten durchgelassen haben.

Jetzt beginnt aufs Neue das Warten – das Warten auf das erste Wort mit Hämmerle. Der Doppel-Olympiasieger muss jetzt einen Interview-Marathon bewältigen und anschließend zur Dopingkontrolle. Das wird dauern. Wie lange, lässt sich nicht im Geringsten abschätzen. Immerhin: Nun stößt nach und nach die ÖSV-Crew zu den wartenden Fans. Der aus Bürs stammende Co-Trainer Gernot Raitmair bestätigt sofort: „Bei dem Rennen war vom ersten bis zum letzten Lauf viel weniger Zufall dabei, als das von außen vielleicht wirkte. Alessandro hat das alles bewusst so gemacht, aber eine Sache zu planen ist das eine, es dann auch ganz genau so umzusetzen, ist dann nochmal was ganz anderes. ÖSV-Snowboardchef Christian Galler stößt kurz darauf ins selbe Horn.
Nun tut sich ein neues Problem auf: Die Fans müssen die Zuschauerterrasse räumen, denn am Abend steht ein anderer Wettbewerb an. Erst dürfen sich die Fans noch auf dem Gelände vor der ebenerdigen Tribüne aufhalten, dann müssen sie das Zielgelände ganz verlassen und vor den Eingangsbereich.

Der Tag, an dem Izzi zur Allzeit-Legende wurde
Um 17.16 Uhr erreicht Hämmerle seine Feier in Miky’s Disco Club in Livigno. Der DJ holt ihn auf die Bühne und spielt „We are the Champions“ für ihn. Klaus Hartinger

Und die Party geht ab

Doch auch vor dem Einlassbereich dürfen die Fans nicht bleiben. Um 16.35 Uhr macht sich Izzis Fanlager zu Miky’s Apres-Ski-Bar auf der gegenüberliegenden Straßenseite auf, dort soll gefeiert werden – und die NEUE ist dazu eingeladen. „Ja selbstverständlich kommt ihr mit“, sagt Mama Hämmerle, „ihr wart immer dabei und das seid ihr auch heute“. Izzis bessere Hälfte Julia unterstreicht mit einem Lächeln die Einladung. Was für eine Ehre. Die Stimmung auf der Terrasse der Apres-Ski-Bar ist gut, der Discjockey, der die Lage sofort erkennt, tut sein Übriges dafür. Und doch: Alle werden immer ungeduldiger, alle wollen endlich Izzi sehen. Wir als NEUE haben das Problem, dass wir so langsam die Heimreise antreten sollten. Fast im Minutentakt verwerfen wir unsere kurz davor gefassten Pläne.

Das Ganze fühlt sich wie eine Geburtstagsparty ohne das Geburtstagskind an. Mehrere Familienmitglieder versuchen, Izzi zu erreichen. Um 16.49 Uhr versuchen wir von der NEUE tollkühn unser Glück, wenngleich wir uns fragen, warum Hämmerle bei uns abheben sollte. Es klingelt, was schon mal gut ist, sein Handy ist also eingeschaltet. Und tatsächlich erklingt vom anderen Ende der Leitung wie aus dem Nirvana plötzlich ein „Hallo“. Auf der Bar-Terrasse ist es allerdings so laut, dass unklar ist, ob das die Mobilbox oder tatsächlich der Held der Stunde ist. „Izzi, bist du es?“ Er ist es. „Ich bin noch bei der Dopingkontrolle.“ Es stellt sich heraus, dass er spätestens in einer halben Stunde nachkommen kann. „Wo seid ihr?“, fragt der Olympionike. Die Bar ist zwar nicht so schwer zu finden, aber jemand, der seinen Olympiasieg so genau plant, will natürlich auch beim Auffinden seiner Feier nichts dem Zufall überlassen: „Schick mir doch deinen Standort“, dann kann nichts schiefgehen.

Der Tag, an dem Izzi zur Allzeit-Legende wurde
Mama Caterina umarmt ihren Sprössling. Klaus Hartinger

Für die Ewigkeit

Um 17.16 Uhr ist es dann soweit: Alessandro Hämmerle trifft bei seiner eigenen Feier ein. Jubel setzt ein, jetzt gibt es kein Halten mehr. Der DJ unterbricht sofort sein Standardprogramm, kommt aus seinem Kabäuschen, steigt mit Hämmerle auf einer improvisierten Bühne und verkündet über sein Handmikro: „Wir haben einen Olympiasieger unter uns: Alessandro Hämmerle, Snowboardcross“. Momente für die Ewigkeit. Dann setzt der Stimmungsmacher noch einen drauf und spielt die Siegerhymne schlechthin: „We are the Champions“. Was für ein Gänsehautmoment. Als Izzi mitsingen soll, sagt er: „Ich glaube nicht, dass man das hören will, aber machen wir es alle gemeinsam.“ Alle singen den Refrain mit, als das Lied ein letztes Mal zur Stelle kommt „Cause we are the Champions“, also „weil wir sind die Champions“, schließt Hämmerle die Augen, wirft seinen Kopf in den Nacken, streckt seine Goldmedaille gen Himmel und vollendet ehrfürchtig: „Of the world“. Wohl dem, der diese Zeile im Wissen mitsingen kann, dass dem tatsächlich so ist, dass man in einer Sache der Beste der Welt ist.

Alle wollen mit Hämmerle sprechen, ihn umarmen, beglückwünschen, einfach ein paar Worte reden, ein erstes Foto mit ihm und dessen Goldmedaille erhaschen. Hämmerle ist gerührt, kämpft teils mit den Tränen, strahlt dann wieder über das ganze Gesicht. Jetzt wird er auf die Schultern genommen.

Der Tag, an dem Izzi zur Allzeit-Legende wurde
Izzis Papa Hanno stolz und überglücklich. Klaus Hartinger

Einfach der Wahnsinn

Als Hämmerle das NEUE-Team entdeckt, deutet er anerkennend mit dem Zeigefinger auf uns, viele Umarmungen und Fotowünsche später sagt er zu uns: „Es ist so schön, dass ihr auch da seid.“ Es wird freilich umgekehrt ein Schuh draus, doch jetzt ist wirklich der Zeitpunkt gekommen, an dem wir Hämmerle und die Seinigen unter sich lassen wollen. Bei der Verabschiedung sagt Izzi zu uns: „Das ist schon einfach geil, oder? Einfach der Wahnsinn.“ Dem ist nichts hinzuzufügen. Das war ein Tag für die Geschichtsbücher.

Der Tag, an dem Izzi zur Allzeit-Legende wurde
Hämmerle im Gespräch mit NEUE-Sportchef Hannes Mayer. Klaus Hartinger

Anmerkung: Alessandro Hämmerle verpasst heute krankheitsbedingt den Mixed-Bewerb.