Wurm verschiebt das Maß der Dinge

Das Dornbirner Flatz Museum zeigt „Über das Absurde – Photographic Sculpture | Erwin Wurm“.
„Alles, was ich mache, sind Skulpturen“, bekräftigt Künstler Erwin Wurm mit verschmitztem Ernst. Eine Haltung, die sich wie ein roter Faden durch die neue Foto-Ausstellung im Dornbirner Flatz Museum zieht. Die Schau mit dem Titel „Über das Absurde – Photographic Sculpture | Erwin Wurm“ wurde am Freitag, dem 20. Februar, eröffnet und kann bis zum 30. Mai besucht werden.
Humor und Pathos
Der 1954 in Bruck an der Mur geborene Wurm zählt zu den bedeutendsten und teuersten österreichischen Künstlern der Gegenwart. Das Flatz Museum gewährt einen reduzierten Überblick zu seinem Werdegang von den späten 1980er-Jahren bis in die nahe Gegenwart. In diesen frühen Jahren machte er die Bekanntschaft mit Gerald Matt, der auch die Schau in Dornbirn kuratiert hat.

Ursprünglich wollte der Künstler Maler werden. Stattdessen wurde die Skulptur sein zentrales Medium. Die markante Formsprache entwickelte Wurm laut Matt in Abgrenzung zum Pathos und „moralischen Zeigefinger“ des Wiener Aktionismus.

Stattdessen fand er im Humor ein Vehikel für Gesellschaftskritik, die in seiner Facon als leicht verdauliches Spiel und Widerspiegelung des Absurden erscheint. Wurms Begriff der „Erweiterten Skulptur“ kann als ernstgemeinter Scherz verstanden werden, mit dem der Künstler die Ränder des institutionell Möglichen auslotet.

Bilder fangen ein
Die Fotografien wirken auf den ersten Blick wie Dokumentationen skulpturaler Performances, sind aber als eigenständige Werke gedacht.
Besonders deutlich wird das bei den „One Minute Sculptures“. Menschen folgen klaren Handlungsanweisungen und werden für kurze Zeit selbst zur Skulptur. Nach sechzig Sekunden ist die Pose vorbei. Das Bild bleibt als Spur dieser Setzung.

In diesen Arbeiten verfestigen sich temporäre Verschränkungen von Körper, Objekt und Raum. Ein Pullover wird zur architektonischen Hülle, der menschliche Körper zur formbaren Masse. Das Absurde entsteht aus minimalen Verschiebungen. Gewohntes kippt ins Ungewohnte, ohne seine Herkunft aus dem Alltag zu verleugnen.

Über- statt unterschwellig
Frühere schwarz-weiße Arbeiten stehen im Flatz Museum neben späteren, farbintensiven Serien. Sichtbar wird eine kontinuierliche Auseinandersetzung mit Volumen, Proportion und der Frage, wie weit sich der Skulpturenbegriff dehnen lässt.

Das aus sich quellende „Fat House“ erscheint unter diesem Gesichtspunkt wie ein überschwelliger Ausdruck des Wurmschen Pathos. Das Einfamilienhaus, Symbol bürgerlicher Ordnung und Besitzlogik, verliert seine klaren Konturen und wölbt sich ins Maßlose. Architektur wird hier zur Körpermetapher, zur gereizten Hülle einer Gesellschaft, die Expansion mit Stabilität verwechselt.
Wurm übersetzt damit soziale Zustände in plastische Bilder, die jüngeren Generationen an Memes erinnern dürften.

Vielleicht liegt darin die eigentliche Pointe seiner „Erweiterten Skulptur“: Sie endet nicht am Objekt, sondern setzt sich im Denken der Betrachtenden fort.
Erwin Wurm und Jackson Pollock
Matt hat für heuer noch ein weiteres Projekt mit Wurm geplant. Denn im Herbst werden die Skulpturen des Künstlers in New York gezeigt, wo sie auf die radikal gegensätzlichen Malereien des abstrakten Expressionisten Jackson Pollock treffen werden.
SAV