Ein ergreifendes Zeugnis des Leidens

Der Rheintaler Bachchor brachte am Samstag gemeinsam mit dem Concerto Stella Matutina Bachs Matthäuspassion in der Kulturbühne AmBach zur Aufführung.
Nichts weniger als die Matthäuspassion, ein sehr großes und sehr herausforderndes Werk für zwei Chöre, zwei Orchester und sieben Solisten wählte der länderübergreifende Rheintalische Bachchor mit Sitz in Altstätten anlässlich seines 10-jährigen Bestehens als Prüfstein und er brachte das knapp dreistündige Werk eindrucksvoll zur Aufführung. Die beiden Teil-Chöre, die aus dem großbesetzten Gesamtchor herausgespalten wurden und die beiden Orchesterteile des Concerto Stella Matutina waren gespiegelt um den Dirigenten aufgestellt und verhalfen auf diese Weise auch optisch der raumgreifenden Musik zu einer eindrücklichen Wirkung. Bach hatte seine große Passion 1727 ja für die beiden gegenüberliegenden Emporen der Thomaskirche in Leipzig erdacht und sein Ensemble in gleicher Weise geteilt.

Ruhig und konzentriert
Alexander Seidel, bekannt auch durch sein Mitwirken in mehreren Ensembles für Alte Musik, steht dem Chor seit 2020 vor und er führte die beiden Teil-Ensembles AmBach mit ruhigen, konzentrierten und klaren Gesten. Er ließ der schön musizierenden Stella viel Freiraum und ermöglichte den Solisten auf diese Weise die nötige Bewegungsfreiheit in der Gestaltung ihrer Parts. Nennenswert wären dabei David Drabek, der das Violin-Solo in der Petrus-Arie „Erbarme dich um meiner Zähren willen“ einfühlsam gestaltete, Bianca Riesner, die die beiden Gamben-Soli in den Arien „Geduld, wenn mich falsche Zungen stechen“ und „komm, süßes Kreuz!“ klangschön auslegte und Fani Vovoni, die das ausgesprochen spektakuläre Violin-Solo in „gebt mir meinen Jesum wieder!“ mit derart exorbitantem Verve herausbrachte, dass man die Münzen förmlich springen hörte, die der verzweifelte Judas auf die Stufen des Tempels warf.

Einfühlsame Arien
Das Solisten-Quartett mit Miriam Feuersinger (Sopran), Martina Gmeinder (Alt), Nik Kevin Koch (Tenor) und Konstantin Wolff (Bass) gestaltete die Passions-Arien klangschön und einfühlsam. Clemens Morgenthaler fügte die Einwürfe des Pilatus und des Judas als eindrucksvoller Widerpart von der Brüstung aus zur Szene. Ganz herausragend war aber sicherlich Daniel Ochoa als sensibler und zugleich strahlender Jesus und die größte Begeisterung löste Daniel Johannsen als Evangelist aus, der seinen Part mit glockenreiner Stimme und selten gehörter Intensität bravourös umsetzte.

Große Leistung
Der großbesetzte Bachchor brachte die vielen Choräle der Passion klangschön zur Geltung, meisterte die heiklen Einsätze in den „Turbae-Chören“ bestens und verlieh den großen Eröffnungschören und dem Schlusschor eindrucksvolle Klangfülle. „Wir setzen uns mit Tränen nieder“ war dann ein bewegender Abschluss, dem ein großer und langer Applaus folgte. Viele Bravos belohnten dieses große, ambitionierte und gelungene Unternehmen.
Thomas Thurnher