“Der Schritt von Collien Fernandes verdient größten Respekt”

Die Schauspielerin ging mit den Vorwürfen digitaler sexueller Gewalt gegen ihren Ex-Mann an die Öffentlichkeit. Vorarlberger Frauen reagieren mit Solidarität für Fernandes und zeigen sich über das Ausmaß des Problems schockiert.
Unter dem Titel „Du hast mich virtuell vergewaltigt“ veröffentlichte der „Spiegel“ vergangene Woche einen Bericht, der im gesamten deutschen Raum für einen großen Aufschrei sorgte: Jahrelang suchte Schauspielerin und Moderatorin Collien Fernandes nach demjenigen, der Deepfakes mit sexualisiertem Kontext von ihr veröffentlicht haben soll. Wie sich herausstellte, steckt offenbar ihr Ex-Mann Christian Ulmen dahinter.
Laut dem Bericht soll der Schauspieler unter dem Namen von Fernandes und ohne ihr Wissen Fake-Accounts bei sozialen Medien erstellt und darüber Männern pornografische Videos und Bilder geschickt haben. Er habe sich außerdem mit Männern zum Telefonsex verabredet und sich dabei als seine damalige Frau ausgegeben. Inzwischen sieht die Staatsanwaltschaft Itzehoe einen Anfangsverdacht gegen Ulmen, der Vorwurf lautet Nachstellung. Der Schauspieler ließ wiederum die Vorwürfe von Fernandes über seinen Anwalt zurückweisen und will gegen den „Spiegel“ rechtlich vorgehen. Solange Ulmen nicht rechtskräftig verurteilt ist, gilt die Unschuldsvermutung.
In Deutschland, aber auch in Österreich solidarisierten sich Tausende mit Collien Fernandes. In zahlreichen deutschen Städten gab es Demonstrationen gegen sexualisierte Gewalt. Teilnehmende fordern eine Gesetzesänderung, um Frauen auch im digitalen Raum davor zu schützen. Die NEUE hat mit Frauen aus Vorarlberg über das Thema gesprochen.
Laura Bilgeri, Schauspielerin und Sängerin
“Ich finde es sehr mutig von Collien Fernándes, mit ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen. Dieser Schritt verdient großen Respekt, denn er zeigt, wie wichtig es ist, nicht länger zu schweigen, sondern Missstände klar zu benennen.
Es ist höchste Zeit, dass Licht auf solche dunklen Taten fällt. Dass solche Übergriffe vom eigenen Ex-Mann ausgehen, ist besonders schockierend und kaum in Worte zu fassen. Gerade wir Frauen müssen in solchen Momenten zusammenstehen: solidarisch, unterstützend und vor allem laut. Die Anonymität im Netz senkt für viele die Hemmschwelle – Grenzen werden schneller überschritten und der Respekt geht verloren. Sexuelle Gewalt im digitalen Raum wird viel zu oft verharmlost, obwohl sie real ist und absolut keinen Platz in unserer Gesellschaft haben darf!”

Brigitte Stadelmann, Verein Amazone
“Es ist so mutig und wichtig, dass Collien Fernandes ihre Gewalterfahrungen öffentlich macht. Sie verschafft einem Thema Gehör, von dem viele Mädchen und Frauen betroffen sind. Nur selten werden sie mit ihren Erfahrungen ernst genommen – entsprechend fehlt es häufig an Unterstützungsangeboten, die geschlechtsspezifische Aspekte von Gewalt entsprechend thematisieren.
Erschreckend und bittere Realität ist – und auch das ist nicht neu – dass die Täter in den meisten Fällen aus dem engsten Umfeld stammen, es sind etwa Ehemänner oder Ex-Partner der Betroffenen.Längst ist klar: Dabei handelt es sich nicht um Einzelfälle. Männergewalt an Frauen* ist in unserer Gesellschaft strukturell verankert und erreicht mit technischen Möglichkeiten wie Deep Fakes neue Dimensionen sexualisierter Gewalt.
Politik und Gesellschaft übernehmen nach wie vor zu wenig Verantwortung: Es braucht endlich adäquate Mittel für Präventions- und Unterstützungsangebote sowie entsprechende rechtliche Rahmenbedingungen und eine konsequente Plattformregulierung. Die Anbieter müssen in die Verantwortung genommen werden. Es gibt also ganz spezifisch in Hinblick auf den Schutz vor sexualisierter Gewalt im Netz ganz dringenden Handlungsbedarf.”

Angelika Wehinger, ifs Frauenberatungsstelle bei sexueller Gewalt
“Der Fall verdeutlicht das erschreckende Ausmaß an Frauenverachtung in unserer Gesellschaft. Frauen erleben Gewalt in vielen Formen, zunehmend auch im digitalen Raum. Täter nutzen stereotype Rollenbilder, um zu erniedrigen. Viele verbreiten Inhalte weiter, kommentieren oder beschimpfen. Schämen müssen sich aber die Täter, nicht die Betroffenen.
Sexualisierte Gewalt im digitalen Raum ist allgegenwärtig und kann jederzeit passieren – ohne die Möglichkeit, dass Betroffene sich wirksam schützen oder zurückziehen. Die Formen ändern sich ständig, was Unterstützung zusätzlich erschwert. Zudem greifen diese Taten massiv in die Würde und Privatsphäre ein und können traumatisierende Folgen haben. Digitale und reale Welt lassen sich für Betroffene nicht mehr trennen.
Es ist aufgrund der komplexen Formen notwendig, die bestehenden rechtlichen Möglichkeiten bei digitaler Gewalt nachzuschärfen. Plattformbetreiber sollten verbindlich verpflichtet werden, erniedrigende Inhalte schnell und konsequent zu löschen. Prävention braucht zudem respektvolle Frauenbilder in Medien und Gesellschaft, denn frauenverachtende Haltungen bilden den Boden für Gewalt gegen Frauen.”

Ann-Kathrin Freude, Tierschützerin
“Bei sexueller Gewalt denkt man oft direkt an körperliche Angriffe. Aber bis dahin ist es ein weiter Weg. Wenn jemand das Bild meines Körpers klaut und damit dasselbe macht wie in der Wirklichkeit, meinen viele, das tut niemandem etwas. Vielen Männern ist gar nicht bewusst, dass das definitiv eine Grenzüberschreitung darstellt.
Diesbezüglich muss viel mehr Aufklärung vonseiten der Männer kommen. Meistens hört man von Frauenseite, dass sich jemand beschwert und sagt, dass gewisse Dinge nicht in Ordnung sind. Die Männerseite begibt sich dann oft in die Opferrolle – von wegen: „Ich und meine Freunde, wir machen das nicht“. Ich habe das Thema in meinem Bekanntenkreis angesprochen und war schockiert darüber, wie viele gesagt haben, dass es sie nichts angeht, was ihre freunde privat machen.
Bezüglich eigener Erfahrungen mit dem Thema digitale sexuelle Gewalt: Einer Person aus meinem engsten Kreis wurden Bilder geklaut und damit ein neues Social-Media-Profil erstellt. Außerdem hat mich ein enger Freund einmal gewarnt, man müsse davon ausgehen, dass sich die Bekanntschaft mit Fotos vergnügt, auf denen man als Frau im Kleid zu sehen ist. Das fand ich so gruselig, dass ich jahrelang kein Bild von mir auf meinem Social-Media-Account gepostet habe.”

(NEUE am Sonntag)