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Warum Adi Hütter nicht nur nach England will

18.04.2026 • 23:08 Uhr
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Momentaufnahme einer Sternstunde: Im September 2024 feierte Adi Hütter mit Monaco in der Champions League einen 2:1-Heimsieg gegen den FC Barcelona. GEPA

Interview. Der Altacher Adi Hütter ist aktuell einer der heißesten Aktien auf dem Trainermarkt. Im exklusiven Sport-Talk spricht Hütter über Monaco, Transferjournalist Fabrizio Romano und natürlich seine Zukunft.

Ich frage Sie jetzt nicht, welche Vereine sich bei Ihnen gemeldet haben, sondern ich frage Sie: Wie erfolgt die Vereinsauswahl? Erstellen Sie Listen mit Pros und Contras oder gehen Sie eher auf Ihr Bauchgefühl: Wie entscheidet man sich als ein Trainer von internationalem Format, wenn man frei auf dem Markt ist?
Adi Hütter:
Das ist ja gleich zu Beginn unseres Gesprächs eine interessante und nicht alltägliche Frage, wie ich finde. Gefällt mir. Es müssen ein paar Parameter zusammenpassen. In erster Linie versuche ich natürlich in einer der Top-fünf-Ligen zu bleiben, also in Deutschland, England, Frankreich, Italien oder Spanien. Es heißt ja medial immer, dass ich nur nach England will. Wenn dem so wäre, hätte ich diesen Schritt schon vor Jahren machen können. Ich habe das nie öffentlich gemacht, weil ich finde, das tut man nicht: Wenn man einem Verein absagt, dann hat man das nicht breit zu treten, so sehe ich das zumindest. Das ist einfach nicht seriös, auch wenn es andere Trainer gibt, die sowas sofort an die große Glocke hängen. Grundsätzlich würde ich gerne zur neuen Saison wieder eine Mannschaft übernehmen. Der Zeitpunkt ist also ein Kriterium bei der Vereinswahl. Sehr wichtig ist natürlich auch, dass der Verein ambitionierte Ziele hat – nicht nur kurzfristige, sondern auch mittelfristige. Dann hängt es davon ab, mit welchen handelnden Personen ich es als Trainer bei dem Verein zu tun habe. Das ist immer maßgeblich entscheidend bei einer Unterschrift. Das ist wie bei jedem anderen Job auch: Es ist eine Grundvoraussetzung, dass die Chemie stimmt, dass man eine gute Gesprächsbasis hat und auf Anhieb ein Vertrauen entwickelt. Das Bauchgefühl muss stimmen. Wenn diese Parameter erfüllt sind, also der Verein in einer Top-fünf-Liga spielt, ambitionierte Ziele hat und ich Vertrauen in die handelnden Personen habe, vielleicht hatte man schon auf die ein oder andere Weise miteinander zu tun, die Fußballwelt ist am Ende kleiner, als man denkt, dann ist das schon mal eine gute Basis für Vertragsgespräche. Eine große Rolle spielt klarerweise die aktuelle sportliche Lage. Wie ist der Kader zusammengestellt? Kann der Verein die besten Spieler halten und ist der Verein auch gewillt, mir als Trainer den ein oder anderen Transferwunsch zu erfüllen? Wenn ich von Transferwünschen spreche, meine ich durchaus konkrete Spielernamen, aber weiter gefasst geht es grundsätzlich um Spielerprofile: Den einen Wunschspieler, den du vielleicht im Kopf hast, bekommst du eben nicht immer. Das ist mir bewusst. Der Verein muss sich aber auf den Fußball einlassen, den ich spielen lassen will – dafür braucht es die Bereitschaft, mir einen Kader an die Hand zu geben, mit dem ich meine Idee auch umsetzen kann. In den Gesprächen zu sagen, dass ist eh toll, wie du Fußball spielen lassen willst, ist nämlich zu wenig. Nein, darauf einlassen heißt, meine Spiel­idee mitzutragen. Ist auch dieser Parameter erfüllt, stimmt schon sehr vieles. Gar nicht so entscheidend ist im heutigen Fußball die Vertragsdauer, was Sie oder die Fans jetzt vielleicht etwas überraschen wird. Klar, ein gewisses Commitment erwartest du dir als Trainer natürlich bei der Vertragsdauer schon, aber ein langfristiger Vertrag bedeutet längst nicht mehr, dass ein Verein in schwierigeren Zeiten zu dir hält, selbst nicht, wenn man davor gemeinsam Erfolge gefeiert hat. Gerade deshalb werden die zuvor beschriebenen Parameter immer wichtiger, dass man als Trainer bei den Gesprächen das Gefühl entwickelt, der Verein und du wollen auf eine gemeinsame Reise gehen – und dass man auch wirklich vom Gleichen spricht.

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Adi Hütter mit Konrad Laimer, der einst in Salzburg sein Spieler war. AFP

Und wenn zwei Vereine in etwa die gleichen Rahmenbedingungen bieten – wonach entscheiden Sie?
Hütter:
Das habe ich so noch gar nicht erlebt, dass ich parallel mit zwei Vereinen gesprochen habe und sich dabei keine klare Präferenz entwickelt hat. In so einem Fall könnte es dann tatsächlich eine Rolle spielen, aus welcher Liga ich das Angebot erhalte. Ich war in Deutschland, ich war in Frankreich – und wenn ich jetzt zwei Angebote auf dem Tisch hätte, die mich reizen und eines käme aus Deutschland und eines aus Spanien, dann würde ich mich wahrscheinlich für den spanischen Verein entscheiden. Weil ich offen dafür bin, ein neues Land, eine neue Kultur, eine neue Liga kennenzulernen. Wobei ich hinzufügen möchte, dass die deutsche Bundesliga nach wie vor eine sehr spannende Liga ist.

Sie wurden medial mit dem abstiegsbedrohten Londoner Premier-League-Klub Tottenham Hotspur in Verbindung gebracht und zogen dann mit einem Statement die Reißleine: Sie haben klargestellt, dass da nichts dran ist. Nerven einen solche Gerüchte oder gehört das schlichtweg dazu?
Hütter:
Wenn es mich nerven würde, wäre ich fehl am Platz. Es war erstens eine Ehre, medial als ein möglicher Kandidat bei Tottenham gehandelt zu werden. Der Klub hat aktuell unverkennbar Probleme, aber noch vor einem Jahr haben die Spurs die Europa League gewonnen. Es gibt Schlimmeres, als mit so einem Traditionsklub in Verbindung gebracht zu werden. (lacht) Und zweitens ist es nicht wirklich überraschend, dass mein Name intern bei den Spurs diskutiert wurde. Mein Statement zielte auch nicht explizit auf das Tottenham-Gerücht ab, ich wurde ja noch mit einigen anderen Vereinen in Verbindung gebracht, wie mit Lazio Rom: Ein ebenfalls sehr spannender Klub mit einer großen Historie und großem Potenzial. Ich wollte mit meinem Statement einfach klarstellen, dass ich in dieser Saison keine Mannschaft mehr übernehmen möchte. Ich bin jemand, der eine Mannschaft entwickeln will, im Frühjahr werden dagegen Feuerwehrmänner gesucht, die innerhalb weniger Wochen das Ruder rumreißen sollen. So eine Aufgabe unterscheidet sich fundamental von einem Trainerjob, den du im Sommer antrittst. Wir haben ja vorhin schon darüber gesprochen, dass ich meine Spielidee implementieren will, sowas kannst du ein paar Wochen vor Saisonende vergessen. Da kannst du fast nur mehr was auf der emotionalen Ebene bewirken, die Spieler bei der Ehre packen, sie reizen, sie motivieren. Ich habe in so einer Situation noch nie ein Team übernommen, trotzdem glaube ich, dass ich auch diese Tools in meinem Werkzeugkasten drinnen habe. Aber: Ich wollte das jetzt nicht ausprobieren. Mein Fokus liegt seit Monaten darauf, dass ich gerne im Sommer wieder einsteigen möchte.

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Der abstiegsbedrohte Londoner Traditionsklub Tottenham Hotspur diskutierte intern über Adi Hütter als Nachfolger für den glücklosen Coach Igor Tudor. AFP

Bis wann würden Sie denn gerne den neuen Verein fixiert haben? Sie haben ja schon anklingen lassen, je früher der Verein feststeht, desto eher können Sie bei den Planungen mitwirken?
Hütter:
Je eher man als Trainer weiß, in welche Richtung es gehen könnte, desto schneller kann man sich mit der Situation befassen. Ich habe mit meinem Management vereinbart, dass ich keine Wasserstandsmeldungen brauche, denn so, wie mich keine Gerüchte interessieren, gebe ich auch nichts auf das übliche Geplänkel. Der Ablauf ist, dass sich ein Verein bei meinem Management meldet, das steckt dann die ersten Parameter ab und bereitet im Hintergrund alles vor.

Und dann?
Hütter:
Wenn das Interesse konkret wird, setzt sich mein Management um Alen Augustincic mit mir in Verbindung, so ist das vereinbart. Anders würde ich es gar nicht wollen. Ich habe Geduld, und die braucht es auch. Für mehrere Vereine in den europäischen Top-Ligen ist inzwischen absehbar, dass die gesteckten Ziele in Gefahr sind, und damit auch die angestrebte mittelfristige Entwicklung stockt. Manche dieser Vereine überlegen sich, während der Saison einen Trainerwechsel zu machen. Aber wenn die Situation nicht akut ist, wollen viele Verantwortliche eine öffentliche Trainerdiskussion vermeiden und warten daher bis zum Saisonende, ehe man eine Entscheidung trifft. Es ist ja auch nicht so, dass mein Management nicht mit dem ein oder anderen Verein in Kontakt steht, dass davon nichts nach außen dringt, finde ich super. Ich bin immer ein Fan davon, die Dinge im Stillen abzuwickeln. Das ist ja auch im Sinne der Vereine. Sie müssen sich mal vorstellen, was ein ambitionierter Verein aus einer der Top-fünf-Ligen mit einem Zuschauerschnitt von 40.000 Zuschauern oder mehr für ein Budget und damit Verantwortung hat. Solche Organisationen können auch aus wirtschaftlicher Sicht keine Unruhe brauchen. Das verstehe ich alles. Natürlich wäre es wünschenswert, wenn sich im Laufe des nächsten Monats ein Engagement konkretisieren würde, aber ich mache mir da keinen Stress. Beim AS Monaco habe ich Anfang Juli unterschrieben, trotzdem sind wir gleich Vizemeister geworden in Frankreich. Ich bleibe auch entspannt, falls sich im Sommer nichts ergibt. Wenn das Paket nicht stimmt, wenn keine Aufgabe dabei ist, die mich wirklich reizt, dann würde ich lieber noch weiter abwarten.

Wie gehen Sie mit Transferjournalisten wie Fabrizio Romano um, der einerseits hervorragend vernetzt ist und andererseits unter dem nicht abwegigen Verdacht steht, sich teilweise seine lancierten Meldungen auch bezahlen zu lassen?
Hütter:
Beim AS Monaco haben die Verantwortlichen mit Fabrizio Romano zu tun gehabt und daher weiß ich, wie er arbeitet. Der Mann ist fußballverrückt, ich glaube, er ist rund um die Uhr erreichbar und hat überall seine Kontaktleute. Er bekommt seine Informationen aus allen Richtungen, von den Vereinen, aber auch von den Beratern oder den Spielern selbst. Wenn der mal eine Meldung raus hat, dann kann man davon ausgehen, dass es zu mindestens 90 Prozent so eintrifft. Das war ja auch bei mir in Monaco so. Er hat geschrieben, dass ich vor dem Aus stehe, als ich selbst noch überhaupt nichts davon wusste. Das ist schon sehr unangenehm. Es wird sicher so sein, dass Top-Leute wie Fabrizio Romano sehr viel Geld mit ihrer Arbeit verdienen. Ob da gewisse Wasserstandsmeldungen gegen Bezahlung lanciert werden, weiß ich nicht. Überraschen würde es mich nicht. Aber so ist der heutige Fußball, so funktioniert heutzutage die Kommunikation, mitunter wollen die Vereine über Kanäle wie Romano die Öffentlichkeit auf Veränderungen vorbereiten.

Warum Adi Hütter nicht nur nach England will
Transferjournalist Fabrizio Romano twitterte drei Tage vor Hütters Entlassung beim AS Monaco, dass Hütters Tage bei den Monegassen gezählt sind. Wikipedia

Und genau darauf wollte ich bei der Frage nach Fabrizio Romano hinaus: Wie geht man als Trainer aufs Vereinsgelände, wenn Romano meldet, dass man vor dem Rauswurf steht: Da muss man doch ein mulmiges Gefühl haben?
Hütter:
Also zunächst einmal finde ich den roten Faden in unserem Gespräch sehr spannend. Romano hat das während der Oktober-Länderspielpause getwittert. Wenn du so eine Meldung über dich liest, dann ist das wirklich sehr unangenehm, zumal es für eine Trainerdiskussion keine Anzeichen gab. Ich bin nach Romanos Tweet mit sehr gemischten Gefühlen zum Vereinsgelände gefahren. Einerseits denkst du dir: Wenn es solche Überlegungen gäbe, dann hätte man doch seitens des Vereins mit dir darüber gesprochen? Aber andererseits weißt du eben, wie gut vernetzt Romano ist und musst davon ausgehen, dass da schon was dran ist. Ich war sehr beliebt beim AS Monaco. Die Angestellten waren ebenfalls alle sehr verwundert, und keiner konnte sich so recht vorstellen, dass es wirklich so kommt. Ich bin mit Monaco Zweiter und Dritter geworden, nachdem der Verein davor als Sechster die internationalen Plätze verpasst hat. In der Champions League haben wir uns 2024/25 für die Play-offs qualifiziert, wir schlugen damals in der Ligaphase unter anderem den FC Barcelona und Aston Villa. Zum Zeitpunkt meiner Freistellung im Oktober 2025 waren wir Fünfter in Frank­reich, mit drei Punkten Rückstand auf Paris St. Germain, in der Champions League hatten wir gerade 2:2 gegen Manchester City gespielt. Das alles geht dir durch den Kopf, wenn du so eine Meldung liest. So etwas habe ich in der Form noch nie erlebt. Nach drei Tagen völliger ­Ungewissheit und ohne Vorwarnung ist es dann so gekommen, wie Romano es getwittert hatte.

Eine Frage brennt mir schon lange auf der Seele: Sie stehen für spektakulären Offensiv-Fußball, für hohes Pressing und Gegenpressing, für Dynamik. Wie entwickelt man eigentlich als Trainer seine Spielphilosophie?
Hütter:
Diese Spielidee hatte ich eigentlich schon während meiner Karriere als Spieler, speziell in der Endphase, als ich mir schon sicher war, dass ich Trainer werden will. Für mich war immer klar, dass ich als Trainer offensiven Fußball spielen lassen will. Das entspricht auch meiner Prägung als Spieler. Ich habe ja bei Salzburg spielen können, wo wir ein paar Mal Meister geworden sind. Als Salzburg waren wir die Mannschaft, die das Spiel machte, während die meisten Gegner nur verteidigten und hofften, aus einer Standardsituation heraus oder aus Distanzschüssen ein Tor zu machen. Dieser Art Ergebnisfußball hat mich nie angesprochen. Für mich ist Fußball auch Entertainment. In Frankfurt zum Beispiel kommen im Schnitt 50.000 Zuschauer ins Stadion, die wollen auch unterhalten werden. Ich habe ja schon als Spieler offensiv gedacht, auch wenn ich kein Edeltechniker war. Ich finde es nur einfach wichtig, dass man versucht, nach vorne zu spielen, dass man Tore erzielen will. Natürlich brauchst du eine gute Defensive, um so einen Stil überhaupt spielen zu können. Aber bevor ich ein langweiliges 1:0 sehe, ist mir ein spektakuläres 4:3 viel lieber, da gehen die Leute danach nämlich fasziniert heim und sagen: Das war ein super Match. Gehe ich zu sehr ins Detail?

Warum Adi Hütter nicht nur nach England will
Im Oktober 2018 besuchte die NEUE Adi Hütter in Frankfurt, wo der Vorarlberger von 2018 bis 2021 arbeitete. Klaus Hartinger

Nein, ich möchte Sie auf keinen Fall einbremsen.
Hütter:
Es wird ja oft gesagt, dass die Fans ihre Mannschaft kämpfen und rennen sehen wollen. Aber sind wir uns ehrlich: Das sind die absoluten Mindestansprüche. Am Ende wollen die Zuschauer packenden Fußball sehen, dass man nach vorne spielt, das geht ja mir nicht anders. Schon in Altach habe ich Ballbesitz-Fußball spielen lassen. Damals war es mir wichtig, dass unser Fußball gepflegt und schön zum Anschauen war. Als Salzburg-Trainer habe ich dann einen anderen Ansatz kennengelernt: das Pressing. Die zwei Spielphilosophien versuche ich jetzt als Trainer zu vereinen. Ganz allgemein ausgedrückt: Mir gefällt proaktives Verteidigen. Pressing ist zum Modewort geworden, die Kunst ist, klug zu pressen. Wie kannst du zum Beispiel pressen, wenn der Gegner nach einem Pass einen langen Ball spielt? Geht deine erste und zweite Pressinglinie ins Leere, hat der Gegner viel Platz, gerade im heutigen Spitzenfußball, wo die Gegner sehr schnelle Spieler haben. Dann wird dein Pressing zum Spielmacher für den Gegner. Das musst du alles abwägen vor einem Spiel und analysieren: Macht Pressing Sinn? Und wenn ja, wie hohes Pressing? Ich finde, als Trainer darfst du nicht eindimensional denken, sonst läufst du nämlich Gefahr, dass dich deine Spielidee geißelt und du lieber verlierst, als dein System anzupassen. Das ist mir viel zu extrem. Ich habe vorhin gesagt: Ich gewinne lieber 4:3 als 1:0. Aber bevor ich ausgekontert werde und 0:3 verliere, nehme ich natürlich das 1:0. Manchmal ist es die bessere Lösung, etwas tiefer zu stehen. Unterm Strich geht es ja am Ende trotzdem um das Ergebnis, es hilft dir nicht weiter, wenn du zwar dauernd spektakulär und schön spielst, damit aber keine Spiele gewinnst.

Als Fußballbeobachter und Fußballfan sind das genau die Fragen, die einen beschäftigen.
Hütter:
Die sich nicht mit drei Sätzen beantworten lassen, nur leider wird das oft erwartet. Auch das Gegenpressing ist ein sehr wichtiges Element bei meiner Spielphilosophie. Wenn du im Ballbesitz bist, versuchst du, nach vorne zu spielen, verlierst du den Ball, soll der Ball sofort wieder zurückerobert werden. Betonung liegt auf sofort. Das unterscheidet das Pressing vom Gegenpressing. Pressing macht vor allem dann Sinn, wenn der Gegner von hinten sein Spiel geordnet aufbaut und eben nicht einfach nur lange Bälle auf einen Konterstürmer spielt. Gegenpressing macht immer Sinn, weil es unmittelbar nach einem eigenen Ballverlust stattfindet und der Gegner in diesem Moment oft noch nicht für einen eigenen Angriff sortiert ist.

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Hütter wurde im Juli 2023 in Monaco vorgestellt. GEPA

Hat man auf dem Niveau, auf dem Sie sich als Trainer mittlerweile bewegen, eigentlich noch Trainer-Vorbilder?
Hütter:
Heute nicht mehr, aber als Spieler und junger Trainer vor etwa zehn Jahren. Das waren Pep Guardiola mit seinem Ballbesitzfußball und Jürgen Klopp mit seinem völlig anderen Ansatz, dem hohen Pressing. Der Fußball, den Kloppo in Dortmund spielen ließ, hat mir schon sehr imponiert. Beeindruckt hat mich auch immer der pragmatische Ansatz von Carlo Ancelotti, außerdem fand ich es sehr spannend, wie es Diego Simeone verstanden hat, seine Teams mit der meiner Meinung nach besten Defensivstrategie aufs Feld zu schicken und dennoch hoch attackieren ließ.

Mit diesen vier Trainern decken Sie weitestgehend das gesamte taktische Spektrum ab.
Hütter:
Da ist viel dabei. Aber wenn Sie mich fragen, mit welcher Spielweise ich mich als junger Trainer am besten identifizieren konnte, dann war das ohne jeden Zweifel der Klopp-Fußball. Inzwischen habe ich längst meinen eigenen Stil.

Ich stelle jetzt mal eine sicherlich etwas provokante These zu Ihrem Ende beim SCR Altach auf: So schmerzhaft diese Erfahrung für Sie war, aber ihr Rauswurf in Altach war das Beste, was Ihnen passieren konnte. Weil Sie danach raus aus Ihrer Komfortzone mussten.
Hütter:
Das ist eine hypothetische Frage, auf die ich nur eine hypothetische Antwort geben kann: Was wäre, wenn ich in Altach geblieben und aufgestiegen wäre? Dann hätte ich vielleicht einen ganz anderen Weg eingeschlagen, der vielleicht noch besser wäre als mein Weg, den ich danach in Grödig begonnen habe? Wir wissen es nicht. Trotzdem ist mir natürlich klar, was Sie meinen und gehe da schon auch konform mit der These. Ich habe Altach nach dem Bundesliga-Abstieg im Sommer 2009 übernommen, gemeinsam mit dem Sportlichen Leiter Walter Hörmann haben wir eine komplett neue Mannschaft aufstellen müssen. Ich finde, das ist uns gut gelungen, wir haben attraktiven Fußball gespielt, waren in der damals sehr starken Zwölferliga immer mit vorne dabei. Die halbe Liga wollte aufsteigen: Admira Wacker, Austria Lustenau, WAC, St. Pölten, dann stieg der LASK ab, Blau-Weiß Linz kam in die Liga, Hartberg und Grödig entwickelten Ambitionen, sich da durchzusetzen war schon nicht einfach, die vielen Derbys gegen Austria Lustenau, FC Lustenau und in der ersten Saison FC Dornbirn haben die Sache nicht leichter gemacht. Am Ende hat es nicht zum Aufstieg gereicht, aber wir haben guten Fußball gespielt. Und das ist nach einem Abstieg auch nicht unwichtig, dass die Leute auch eine Liga tiefer einen Anreiz haben, ins Stadion zu kommen. Am Ende hat es wohl einfach so sein müssen, dass mein Weg in Altach im Frühjahr 2012 zu Ende gegangen ist. Es hat extrem weh getan. Ich bin in Altach geboren, ich bin dort zur Schule gegangen, habe dort gespielt und wurde dann Trainer in Altach. Es hat ein bisschen gedauert, bis ich meine Entlassung in Altach verarbeitet habe. Die Entscheidung, sich von mir zu trennen, haben ja Personen mitgetragen, die ich seit meiner Kindheit kannte – also seit über 30 Jahren. Das machte es menschlich so schwierig für mich. Aber das Wichtigste ist, dass man nicht am Boden liegen bleibt, sondern wieder aufsteht, weil sonst die Leute auf einem herumtrampeln. Ich habe es geschafft, wieder aufzustehen, bin zu Grödig gegangen, was viele nicht verstanden haben, aber Grödig, und da sind wir wieder bei Ihrer Frage, war sicherlich eine ganz richtungsweisende Trainerstation in meiner Karriere. Rückblickend habe ich in meiner 18-jährigen Trainertätigkeit eigentlich immer die richtigen Entscheidungen getroffen. Die Entwicklungsschritte waren vielleicht nicht immer riesengroß, trotzdem war ich immer von jedem Schritt überzeugt und mein Gefühl hat sich mehr oder weniger immer bewahrheitet.

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Lang ist’s her: Hütter als Altach-Trainer beim Trainingsauftakt zur Saison 2011/12 am 14. Juni 2011 im Schnabelholz. Dietmar Stiplovsek

Was uns abermals nahtlos zu meiner nächsten Frage führt. Sie hatten bei der Auswahl Ihrer Trainerstationen immer ein ganz feines Gespür. Sie sind mit Grödig aufgestiegen und erreichten im ersten Bundesliga-Jahr den Europacup, danach verließen sie Grödig, weil mit diesem kleinen Verein dieses Niveau dauerhaft nicht zu halten war. Anschließend tat sich die Option auf, zu RB Salzburg zu wechseln, wo Sie nach dem Doublegewinn im ersten Jahr den Rücktritt erklärten, weil Sie mit der Transferpolitik des Vereins nicht zufrieden waren. Es folgte der Schritt ins Ausland zu den Young Boys Bern, dort wurden Sie Schweizer Meister und machten Sie sich international einen Namen. 2018 wechselten Sie zu Frankfurt, mit der Eintracht qualifizierten Sie sich zwei Mal für Europa und wurden 2021 Fünfter. Wie passt da der Wechsel zu Borussia Mönchengladbach im Sommer 2021 in diese Kette, wobei ich hinzufügen muss, dass ich auch dachte, dass es eine gute Entscheidung war?
Hütter:
Ich finde Ihren Zusatz sehr wichtig und fair. Wissen Sie, hinterher wollen es immer alle gewusst haben. Aber das ist ziemlich einfach. Ich bin auch heute noch davon überzeugt, dass zum damaligen Zeitpunkt mit dem damaligen Wissensstand die Entscheidung richtig war, von Frankfurt nach Gladbach zu wechseln. Als ich nämlich im Herbst 2020 meinen Vertrag bei Eintracht Frankfurt verlängert habe, waren die Gegebenheiten noch völlig anders. Wir bildeten bei der Eintracht mit Sportvorstand Fredi Bobic, Sportdirektor Bruno Hübner und mir ein starkes Team. Im Februar 2021 wurde plötzlich bekannt, dass Hübner und Bobic den Verein mit Saisonende verlassen. Ein paar Monate davor war schon der Aufsichtsratsvorsitzende Wolfgang Steubing zurückgetreten, der ebenfalls sehr wichtig war: Für mich persönlich als Mensch und den Erfolg des Vereins. Damit hatte ich meine drei wichtigsten Bezugspersonen in Frankfurt verloren. So kam eines zum anderen. In Gladbach tat sich dann leider völlig unerwarteterweise das gleiche Problem wie in Frankfurt auf: Mit Max Eberl verließ nach einigen Monaten ebenfalls der Sportdirektor den Verein, der mich geholt hatte. Dadurch verlor ich meine wichtigste Vertrauensperson bei der Borussia. Mit seinem Nachfolger hatte ich grundlegende Auffassungsunterschiede über die sportliche Weiterentwicklung der Mannschaft. Mir ist dann schnell klar geworden, dass ich so nicht arbeiten kann. Also haben wir uns an einen Tisch gesessen, um nach Lösungen zu suchen: Die Lösung war dann, dass sich unsere Wege nach einem Jahr trennten. Das war ein sauberer Schnitt. Ich muss an der Stelle meinem ehemaligen Berater Christian Sand ein Kompliment machen. Er hat mich über ein Jahrzehnt lang exzellent vertreten und beraten.

Um zum Abschluss den Kreis zu schließen: Ein Trainer hat mal zu mir gesagt, allerdings einer, der während der Saison wieder einsteigen wollte, dass er von den Vereinen, die mitunter in Kürze den Trainer freistellen, die Spiele analysiert: So, als ob er dort schon in der Verantwortung wäre. Sie werden ja auch ein paar Vereine im Auge haben, bei denen Sie landen könnten: Machen Sie das ähnlich – arbeiten Sie jetzt schon vor und schauen sich die Leistungen dieser potenziellen neuen Vereine ganz genau an?
Hütter:
Das ist eine professionelle Herangehensweise, die es so auf beiden Seiten gibt. Du kannst als Trainer nicht von heute auf morgen bei einem Verein anfangen, ohne dich intensiv mit dem Kader und der Gesamtsituation beschäftigt zu haben. Aber das trifft eben auch andersrum zu. Wenn der Verein nicht zufrieden mit der sportlichen Entwicklung ist, dann ist es doch nur all zu verständlich, wenn sich der Klub auf dem Trainermarkt umsieht. In meiner ersten Saison bei der Eintracht hatten wir nach fünf Spieltagen nur vier Punkte, im Supercup mussten wir gegen die Bayern ein 0:5 einstecken und im DFB-Pokal sind wir in der ers­ten Runde ausgeschieden. Ich weiß, dass die Eintracht damals schon mit anderen Trainern telefoniert hat. Das ist völlig normal. Ein Verein muss sich auf alle Eventualitäten vorbereiten. Uns gelang danach der Umschwung, wir gewannen klar gegen Hannover und zeigten eine Gala gegen Lazio Rom, anschließend starteten wir eine Siegesserie. Wenn wir gegen Hannover verloren hätten, wäre es kritisch geworden, dann wären wir als aktueller Pokalsieger auf einem Abstiegsplatz gestanden. Mir war bewusst, dass die Partie richtungsweisend ist. Jeder Trainer, der in so einer Situation ist, weiß, dass sich der Verein bereits mit anderen Trainern beschäftigt. Jetzt bin ich einer der Trainer, mit dem sich die Vereine als potenzieller neuer Trainer auseinandersetzen, während ich prüfen kann, welcher Verein zu mir passt. Diese Chance will ich für den nächsten Karriereschritt nutzen.

Adi Hütter

Geboren am: 11.2.1970 in Hohenems
Wohnhaft: Seekirchen
Trainerkarriere: RB Juniors (2008/09), SCR Altach (2009–12), Grödig (2012–14), RB Salzburg (2014/15), YB Bern (2015–18), Eintracht Frankfurt (2018-21), Gladbach (2021/22), AS Monaco (2023–25);
Größte Erfolge:
Eintracht Frankfurt: Fünfter in der Bundesliga (2020/21), Halbfinaleinzug in der Europa League (2018/19);
AS Monaco: Einzug in die Play-offs der Champions League (2024/25), Zweiter (2023/24) und Dritter (2024/25) in der Ligue 1;
Weiters: Schweizer Meister (2017/18), österreichischer Meister (2014/15), ÖFB-Cup-Sieger (2014/15);
Ehrungen: zweifacher VDV-Trainer der Saison (2018/19, 2020/21);
Spielerkarriere: SCR Altach (bis 1988, 1991/92), GAK (1988/89, 1992/93, 2000–02), LASK (1989–91), Austria Salzburg (1993–2000), Kapfenberg (2002–05), RB Juniors (2005–07);
Größte Erfolge: Einzug UEFA-Cup-Finale (1994), dreifacher österreichischer Meister (1994, 1995, 1997), österreichischer Cup-Sieger (2002)