Vorarlberg

Warum noch immer an die NS-Zeit erinnern?

09.05.2026 • 16:05 Uhr
Warum noch immer an die NS-Zeit erinnern?
Victoria Kumar, Niko Hofinger, Jeffrey Wiśnicki und Dominik Markl referierten beim Vorarlberger Zeitgeschichtetag in der Remise Bludenz. Canva/Bereuter, Bundschuh

Beim Vorarlberger Zeitgeschichtetag referierte Victoria Kumar über den Wert von Erinnerungskultur und ihre Lücken.

Von Kurt Bereuter

In Bludenz erinnert ein „Grenzstein“ an Józef Wiśnicki. Die Anzahl der Gedenkzeichen an die Opfer des Nationalsozialismus und die Orte des NS-Terrors ist in den letzten Jahren auch in Vorarlberg deutlich gestiegen. „Derla“ macht auf solche Orte und Verfolgte aufmerksam. Victoria Kumar von „erinnern.at“ ist neue Obfrau der Malingesellschaft, die sich seit den 1980er-Jahren intensiv um die Aufarbeitung der NS-Zeit in Vorarlberg widmet, und war beim 9. Vorarlberger Zeitgeschichtetag in Bludenz Mitveranstalterin.

Warum noch immer an die NS-Zeit erinnern?
Victoria Kumar definiert Erinnerungsorte als “sichtbare Verweise in der Öffentlichkeit auf Verbrechen des Nationalsozialismus”. Bundschuh

Kumar thematisierte in ihrer Rede „Diagnosen zur Krise der Erinnerungskultur“: Sie sei es wert, als Errungenschaft verteidigt zu werden, aber kritikwürdig, weil sie zur ritualisierten Selbstgefälligkeit verkommen sei, so der Befund mancher Historiker. Erinnerungsorte seien sichtbare Verweise in der Öffentlichkeit auf Verbrechen des Nationalsozialismus, dass NS-Verbrechen nicht nur in großen Konzentrationslagern verübt wurden, sondern auch hier vor Ort. Sie würden aufzeigen, worauf sich Gesellschaften geeinigt haben, was erinnerungswürdig ist. Diese Erinnerungsorte würden den Opfern der NS-Gewaltherrschaft ihren Platz in der Mitte der Gesellschaft zurückgeben. Sie führten sie an die Orte zurück, an welchen sie verfolgt und aus denen sie verbtrieben wurden. Deshalb seien es wichtige Orte für die Opfer und ihre Nachkommen. Orte des lebendigen Erinnerns, auch abseits von Gedenktagen im Alltag.

Leerstellen der Erinnerung

Es habe in Österreich nach dem Krieg nur eine kurze Phase der Erinnerung an Opfer und den Widerstand gegeben, bald abgelöst vom Gedenken an das Soldatenleid und die Gefallenen im Krieg. Es entstanden Kriegsdenkmäler oder jene aus dem Ersten Weltkrieg wurden erweitert. Erst in den 1980er-Jahren setzte ein gesellschaftspolitischer und erinnerungskultureller Wandel ein, erläuterte Kumar. In Folge entstanden zahlreiche Gedenkorte und Gedenkzeichen an NS-Opfer und Orte des NS-Terrors. Und doch gebe es noch viele „Leerstellen“: Opfergruppen, welchen bisher in Vorarlberg keine eigenen Gedenkzeichen gewidmet seien, beispielsweise Romnija und Roma, Sintize und Sinti sowie homosexuelle Verfolgte. Dazu seien weitere Forschungen notwendig.

Im Falle der letztgenannten Opfergruppe können zeitnah Forschungsergebnisse präsentiert werden. Und warum Erinnern? Kumar: „Ein würdiges und kontinuierliches Erinnern sind wir nicht nur den Opfern und ihren Nachkommen schuldig. Wir schulden es unserer Selbstachtung als Bürgerinnen und Bürger.“

Seit 2021 werden sämtliche Erinnerungsorte und -zeichen auf der Website www.erinnerungslandschaft.at dokumentiert und sind einsehbar.