Sport

Gottwald – ein Champion verrät seine Siegerformel

10.05.2026 • 09:55 Uhr
Gottwald - ein Champion verrät seine Siegerformel
Felix Gottwald im lebendigen Gespräch mit NEUE-Sportchef Hannes Mayer. Klaus Hartinger

Felix Gottwald (50) begeisterte mit seinem Vortrag „Masterclass“ im Altacher Businessklub. Für die NEUE nahm sich Österreichs erfolgreichster Olympionike eine Stunde Zeit. Der Auftakt eines mehrteiligen Interviews.

Sie wollen bei Ihrem Vortag „Zusammenspiel gewinnt“ das Bewusstsein stärken, füreinander da zu sein. Was verstehen Sie unter Füreinander-da-Sein?
Felix Gottwald:
Im besten Fall beginnt das Füreinander-da-Sein bei uns selbst. Wir haben einen physischen Körper, der die ganze Zeit Rückmeldungen gibt. Wir haben ein Herz, das für unsere Emotionen steht und sich ebenfalls die ganze Zeit meldet. Und dann gibt es den Verstand, der traktiert uns Tag ein, Tag aus mit Gedanken. Wenn wir wieder lernen, auf den Körper als Feedback-Unternehmen in uns zu hören, wenn wir wieder unsere Gefühle wahrnehmen und wenn wir mitkriegen, dass das eh alles zusammenhängt, im Sinne von Körper-Herz-Verstand – dann leben wir nicht nur nebeneinander. Und auch nicht nur miteinander, sondern sind wirklich füreinander da. Und da beginnt dann das Teamplay.

Das bedeutet, Füreinander-da-Sein beginnt damit, in sich zu ruhen und für sich selbst da zu sein?
Gottwald:
Ganz genau – uns selbst wieder bewusst zu sein. Bei mir war das als Athlet so: Wir waren als Team fast über 20 Jahre lang jährlich 300 Tage gemeinsam unterwegs. In diesen 300 Tagen gab es Zeiten, in denen wir nur nebeneinander trainiert haben oder einfach nur miteinander unterwegs waren. Aber in den Phasen, in denen wir füreinander da waren, in denen wir uns wirklich gegenseitig den Allerwertesten aufgerissen haben, da hätte ich uns nicht als Gegner haben wollen. Da waren wir nicht nur als Athleten erfolgreich, sondern erlebten einfach eine gute Zeit. Und das meine ich mit Füreinander-da-Sein. Das „Wir“ gewinnt. Die Frage ist halt, wie definieren wir gewinnen? Wenn ich jetzt eine Mannschaft zusammenstellen müsste, dann wäre für mich dabei ein Kriterium: Kann ich mit der Mannschaft auch verlieren? Gemeinsam gewinnen ist leicht, im Erfolg versteht sich jeder mit jedem. Aber wie gehen wir miteinander um, wenn es gerade nicht läuft? Wenn wir eine Talsohle durchschreiten? Hast du ein Team beieinander, bei dem sich auch in solchen Zeiten alle aufeinander verlassen können, dann ist es meiner Meinung nach nur eine Frage der Zeit, bis du zusammen wieder gewinnst. Und allein schon, wenn dir als Team nach einer schwierigen Phase der Umschwung gelingt, hat das „Wir“ schon gewonnen.

Viele Menschen, gerade auch in Familien, leben nur mehr nebeneinander und aneinander vorbei. Woran liegt das Ihrer Meinung nach, dass die Menschen so ein bisschen verlernt haben, wirklich füreinander da zu sein, sich auf­einander einzulassen und nicht nur parallel zu existieren?
Gottwald:
Mit dieser Frage schließen wir an Ihre erste Frage an. Wenn sich der Körper mit Kopfschmerzen meldet, mag der Griff zur Schmerztablette reflex­artig sein. Die Frage nach der Ursache behandelt diese noch nicht. Bekommen wir einen Ausschlag auf der Haut, schmieren wir was drauf und wir denken erst gar nicht darüber nach, was wir damit zudecken. Über das Warum dahinter nachzudenken, bedingt Eigenverantwortung zu übernehmen und die ist oft schmerzvoller als der eigentliche Schmerz. Dieses Hinsehen führt dich zu deinen Gefühlen, deinem Herz und bei diesem genaueren Hinsehen erkennst du mitunter ein emotionales Schmerzmuster – für dieses Hinschauen brauchst du Mut, denn hinter dem Schmerzmus­ter kann sich ein persönliches Thema verstecken. Oder du bist emotional verletzt worden und baust eine Mauer auf, um zu verhindern, dass du dich auf ein Füreinander-da-Sein einlässt. Die Onlinewelt unterstützt diesen Schutzmechanismus, online musst du dich auf niemanden wirklich einlassen, sie lässt uns im Gegenteil ein Stück weit asozial vereinsamen.

Gottwald - ein Champion verrät seine Siegerformel
Gottwald ließ in dem Gespräch tief blicken. Klaus Hartinger

Welche Rolle spielt die künstliche Intelligenz?
Gottwald:
Die künstliche Intelligenz werden wir nicht mehr wegbringen. Aber: Wenn die Maschinen, die künstlichen Intelligenzen immer besser werden, dann wäre es schon lässig, wenn wir Menschen auch besser würden. Und das können wir üben, womit ich auf den Punkt komme: Auch die Begegnungsqualität kann geübt werden. Jeder, der seine Finger nicht vom Handy lassen kann, kann üben, wieder voll und ganz bei seinem Gegenüber zu sein und seine Zeit nicht nur am Handy­screen wegzuwischen. Oft sind es nämlich genau die Dauerwischer, die sich wundern, warum die Zeit so schnell vergeht und wo denn die Lebenszeit geblieben ist. Die Fortgeschrittenen wundern sich noch nicht mal mehr darüber, warum die Zeit so schnell vergeht. Aus diesen Gedanken heraus ist auch der Titel meines Buchs entstanden: Keine Zeit für Heute. Das durchgestrichene „Keine“ steht für die Ausreden. Wer etwas nicht will, findet immer Gründe, aber wenn wir die Ausreden beiseite schieben, wenn wir das „Keine“ wegstreichen, bleibt Zeit für Heute übrig. Du musst als Athlet immer ganz im Heute und nicht nur physisch anwesend sein. Das ist mir nicht nur ein Mal passiert bei Olympischen Spielen, sondern öfter, das ist mir beim Schreiben des Buchs wieder so richtig klargeworden. Der rote Faden in meinem Buch sind ja die 42 Tagebuch-Einträge mit den jeweils drei Themen. Als Athlet habe ich handschriftlich ein Trainings-Tagebuch geführt. Handschriftlich darum, weil die Handschrift für mich etwas Verbindliches hat, darum gibt es wahrscheinlich auch die Unterschrift als Vertragsbesiegelung. Aus meiner Sicht macht es beim Tagebuchführen einen Unterschied aus, ob ich am Ende des Tages schon wieder vor einem Bildschirm sitze und schon wieder herumtippe, oder ob ich ein Tagebuch aufschlage und mir die Zeit nehme, meine Gedanken hineinzuschreiben und so auch schon das Schriftbild selbst etwas ausdrückt. Ein ganz wichtiger Effekt beim Tagebuchführen ist, dass du keine Begegnung unbedacht an dir vorüberziehen lässt, weil du möchtest ja am Ende des Tages nicht schreiben müssen, dass der Tag ohne mich stattgefunden hat.

Das Tagebuch als Aufmerksamkeitsschärfer.
Gottwald:
Ja. Darüber hinaus ist es ein wunderschönes Ritual, den Tag abzuschließen und das dir hilft, danach befreit einschlafen zu können. Eine andere erstaunliche Erkenntnis beim Tagebuchschreiben war, was in einem Tag alles enthalten ist. Also wie viel Potenzial so ein einzelnes Heute hat. Ich hab’ mich ja selbst dabei erwischt, dass ich mir beim Tagebuchschreiben für das Buch Sorgen gemacht habe, ob mir am 37. und 38. Tag auch noch was einfällt, oder ob mir zum Schluss sinnbildlich gesprochen die Luft ausgeht. Diese Vorstellung hat mich gestresst. Ich habe mich dann aber wieder rückbesinnt auf das Hier und Jetzt und nicht mehr darüber nachgedacht, was ich morgen oder in einem Monat schreiben könnte, im Vertrauen, dass die Themen schon kommen. Letztendlich habe ich über 126 Themen geschrieben und hatte hinterher nicht das Gefühl, fertig zu sein. Aber irgendwann musst du bei einem Buch einfach einen Schlusspunkt setzen. Das Tagebuchschreiben zeigt dir auf, und das ist faszinierend, dass in jedem einzelnen Tag das ganze Leben, das, was uns ausmacht, enthalten ist. Dir wird auch klar, dass alles ist mit einem verbunden ist – und wie fahrlässig es ist, das Heute zu verpassen, weil wir nicht bei uns selbst sind und dadurch auch nicht füreinander da sein können.

Gottwald - ein Champion verrät seine Siegerformel
Bei den Winterspielen 2006 in Turin gewann Felix Gottwald zwei Mal Gold und ein Mal Silber. Am Salzburger Kapitelplatz wurde er von 5000 Fans empfangen. Reuters

Wer Tagebuch führt, gibt sich also die Chance, bewusster zu leben?
Gottwald:
Ja, das deckt sich zumindest mit meiner Wahrnehmung, und ich glaube, diese These wird immer noch mehr Gültigkeit bekommen. Trotzdem habe ich bewusst darauf verzichtet, mein Buch als eine Art Tagebuchvorlage zu stilisieren. Der Antrieb, ein Tagebuch zu führen, darf schon aus einem selbst kommen – und wenn der da ist, wird jeder auch die richtige Form für sich finden. Es ist natürlich auch ein Statement, zu sagen: Nein, ich habe keine Zeit, am Abend ein Tagebuch zu führen.

Keine Zeit zu haben heißt nichts anderes, als sich keine Zeit nehmen zu wollen.
Gottwald:
Genau: Keine Zeit für Heute. Meine Einladung wäre: Nimm dir wenigstens Zeit für einen Satz. Welcher Satz charakterisiert deinen zurückliegenden Tag am besten? Und wer weiß, vielleicht werden daraus bald zwei oder mehr Sätze – und wenn nicht, dann passt das ja auch. Oder noch spartanischer: Fasse deinen Tag mit einem Wort zusammen. Das klingt einfach und banal, aber um ein passendes Wort für den Tag zu finden, dürfen wir sehr aktiv reflektieren, was wir erlebt haben, um das passende Wort zu finden. Es geht mir auch nicht vordergründig um das Nachlesen des Geschriebenen, vielmehr ums Niederschreiben selbst.

Also das Tagebuchführen als ein Loslassen, als ein Es-sich-von-der-Seele-Schreiben?
Gottwald:
Ich habe gegenüber einem Unternehmen, mit dem ich schon lange als Trainer zusammenarbeite, die Einladung ausgesprochen, dass alle Mitarbeiter drei Wochen vor unserem nächsten Trainingstag damit beginnen, ein Tagebuch zu schreiben. Und dabei angefügt, dass sie idealerweise damit auch drei Wochen nach dem Trainingstag weitermachen, dann hätte das Tagebuch einen Umfang von sechs Wochen – in dieser Zeitspanne können sich Veränderungen zu neuen Routinen auf faire Weise etablieren. Mit einem Mitarbeiter, der das Tagebuch geführt hat, habe ich beim Training darüber reflektiert. Er meinte, er hätte sich nach den sechs Wochen sein Tagebuch durchgelesen und kam zur Erkenntnis: Mit dem, was ich da niederschreibe, möchte ich lieber nichts mehr zu tun haben. Wenn er das seinem bes­ten Freund vorlesen würde, würde er ihm den Vogel zeigen und ihm gleichzeitig sagen, das geht vorüber. Die Konsequenz war am Ende, dass der Mann lieber wieder aufgehört hat, sein Tagebuch zu schreiben, statt etwas zu verändern. Das ist eine wirklich gravierende Entscheidung, zu beschließen, ich mache gleich weiter, schreibe aber einfach kein Tagebuch mehr, damit ich mich damit nicht noch zusätzlich konfrontiere. Das ist ein Paradebeispiel dafür, dass du tagtäglich darüber entscheidest, wer du bist und wer du sein willst, und, ob du wachsen möchtest oder einfach so weitermachst.

Es geht ja auch darum, sich Zeit zu nehmen, weil irgendwann läuft die Zeit ab, die eigene Zeit auf dieser Welt, die Zeit miteinander, die Zeit im Job, die Zeit als Athlet, die Zeit, in der es zum Beispiel bei den Bewegungsmöglichkeiten keine Einschränkungen gibt und vieles mehr. Das Leben ist endlich und ich glaube, viele blenden das komplett aus?
Gottwald:
Leider ist das so. Ich lasse ganz bewusst die Zeit als Währung in meinem Alltag mitlaufen. Also wie viele Euro verdienst du, wie viele Euro brauchst du zum Leben und wie viel Zeit verdienst du? Also wie viel Zeit bleibt da eigentlich in so einem Heute, in so einer Woche, in so einem Monat übrig für dich? Also wie reich bist du an Zeit? Das ist schon ein spannender Gedanke, weil dann kannst du vielleicht einerseits milliardenschwer und gleichzeitig auch ein armer Schlucker in Sachen Zeit sein. Auch das ist für gewöhnlich eine bewusste Entscheidung, deren Tragweite uns im besten Fall jedoch bewusst sein sollte. Denn ja: Zeit ist endlich. Ich habe das Buch für mich geschrieben, also aus einem ureigensten Interesse heraus, für meine beiden Kinder und für jeden, der mitlesen will – genau in dieser Reihenfolge. Zufällig bin ich im Jänner 50 geworden, diese Lebensmitte, wie diese Alterszahl gerne beschrieben wird, habe ich natürlich auf mich zukommen sehen, und dachte, das ist eine gute Gelegenheit, dass ich mich jetzt mit einem Buch für mich selbst beschenke. Denn du bist nach dem Schreiben eines Buchs ein anderer Mensch wie davor. Ich habe letztes Jahr nebenberuflich 900 Stunden investiert in das Buch. Ehrlicherweise habe ich wenig geschlafen in dieser Zeit, weil ich zum Schreiben sehr früh aufgestanden bin, damit der Rest auch stattfinden kann. Die Faszination war, wenn ich mich so einem Projekt wirklich hingebe, welche Zeitressourcen sich plötzlich auftun. Wobei das Umfeld so ein Projekt auch mittragen und einen unterstützen muss, das ist klar. Das Leben bleibt ein Teambewerb.

Gottwald - ein Champion verrät seine Siegerformel
Das “Wir” gewinnt: Felix Gottwald holt zusammen mit Bernhard Gruber, David Kreiner,  und Mario Stecher in Vancouver 2010 Gold im Teambewerb. APA

Womit wir wieder an Punkt angelangt sind, dass es darum geht, sich die Zeit für jemanden oder für ein Projekt zu nehmen. Denn die Zeit ist ja da, wir setzen sie nur anders ein?
Gottwald:
Ich habe 17 Jahre keine Zeit für mein zweites Buch gefunden. 2008 ist mein erstes Buch erschienen, und seit damals wollte ich wieder ein Buch schreiben. Letztes Jahr habe ich keine Ausreden mehr gelten lassen. Ich war jetzt gerade in Oberösterreich im Paneum, der Wunderkammer des Brotes, das ist von Peter Augendopler – dem Erfinder des Kornspitz – eine Ausstellung über die Geschichte des Brots. Er ist ein Kunstfreak und hat Abertausende Exponate, einen Teil davon hat er ausgestellt. Jedenfalls steht im Paneum geschrieben: „Solange Wissen nicht niedergeschrieben wird, ist das Vergessen sein Schicksal.“ Und das trifft es sehr gut. Darum war es auch so ein gutes Gefühl, all die Sachen niedergeschrieben zu haben, die mich beschäftigt haben. Und mich freuen die Rückmeldungen der Menschen, die mein Buch gelesen haben. Da fasziniert mich, was die Menschen aus so einem Buch mitnehmen, also nicht nur, dass sie inspiriert werden, sondern wie sie Kleinigkeiten in ihren Alltag, in ihr Heute bringen. Ein älterer Mensch, ein 85-Jähriger, hat mir geschrieben, dass er in seinem Leben sehr viele Bücher gelesen hat: Aber dieses Buch macht was mit ihm, schade, dass er es erst jetzt gelesen hätte. Aber da kann ich nur entgegnen: Ich hätte ­dieses Buch so auch nicht früher schreiben können. Ich war also nicht freiwillig langsam bei der Umsetzung, sondern es war ­einfach erst jetzt die Zeit reif dafür.

Eine Verwandte, die Bergbäuerin war, hat mich gebeten, ihre Memoiren zu schreiben, damit ihr Wirken und die Lebensrealitäten früher Zeiten nicht vergessen werden.
Gottwald:
Was für ein wunderschöner Gedanke. Ich würde sehr gerne in dem Lebensbuch meines Vaters blättern. Ich habe auch immer zu meinem Trainer und Mentor Günther Chromecek gesagt, dass er ein Buch schreiben soll, jetzt kann er das nicht mehr, weil er nach seinem Unfall gefangen in seinem Körper ist. Aber ich glaube, dadurch, dass er mich so geprägt hat, habe ich bei meinem Buch so ein bisschen für ihn mitgeschrieben. Als mich die Nationalbibliothek aufgefordert hat, ihnen mein Buch zu schicken, habe ich das sehr gerne gemacht. Denn dann weißt du, dein Wissen, dein Erlebtes geht nicht mehr verloren, weil es ab jetzt Teil des Nationalarchivs ist.
Fortsetzung folgt

Felix Gottwald

Geboren am: 13.1.1976 in Zell am See
Disziplin: Nordische Kombination
Größte Erfolge: Olympia: Drei Mal Gold, ein Mal Silber, drei Mal Bronze; WM: Drei Mal Gold, zwei Mal Silber, sechs Mal Bronze; Weltcup: 24 Weltcupsiege (23 Einzel,
1 Team); Gesamtweltcup (2000/01), Sprintweltcup (2000/01)
Beruf: Unternehmer, Speaker, Buchautor
Bücher: Keine Zeit für Heute (2025), Felix Gottwald, Ein Tag in meinem Leben (2008)