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Ich verbrachte eine Nacht im Kloster und traf den wohl lustigsten Mönch Vorarlbergs

06.06.2026 • 06:30 Uhr
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Pater Maurus führte NEUE-Redakteur Sebastian Vetter durch das Kloster, wo er eines der neuen Gästezimmer ausprobierten durfte. NEUE/Steurer/Canva

Nach fast 20 Stunden im Kloster Mehrerau bleibt vor allem eine Erkenntnis zurück: Altmodisch waren die eigenen Vorurteile.

„Der erste Gast ist da“, spricht Pater Maurus in sein Handy. Dass die säkulare Welt mit dem 30-jährigen Franken einen intellektuellen Komiker erster Güte verloren hat, lässt sich noch nicht erahnen.

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Die Mehrerau aus Vogelperspektive. steurer

Es ist 17 Uhr am 1. Juni und ich bin eingeladen, eine Nacht im Zisterzienserkloster Mehrerau zu verbringen. Wenige Augenblicke später öffnet sich die Pforte des Ordenshauses. Pater Prior Henrik begrüßt mich herzlich und führt mich zu meinem Zimmer.

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Während draußen Schüler Fußball spielen, beginnt hinter den Mauern der Mehrerau eine kleine Reise in eine andere Welt. Eine Welt mit lateinischen Gebeten, schweigenden Abendessen, jahrhundertealter Geschichte und schier endlos viel Humor.

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Wo früher Mönche lebten

Das Zimmer gehört zu jenem Gästebereich, den das Kloster kürzlich nach umfassender Renovierung wieder eröffnet hat. Der Raum war früher für Mönche vorgesehen, wobei nichts mehr an die kargen Zellen erinnert. Mit seinem schlichten wie eleganten Interieur aus Holz und einem modernen Badezimmer ist er für Gäste des Hauses gedacht.

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Die Pracht ist das Kirchenvolk

Wenig später beginnt das erste Abendgebet in der modernen Klosterkirche. Der schlichte Bau wirkt wie formgewordene Demut. Barocke Pracht sucht man vergeblich. „Der Raum lädt dazu ein, Kirche als versammeltes Volk zu verstehen und nicht als Haus“, wird Pater Maurus später erzählen.

Doch heute Abend versammelt sich hier kein Volk. Während die Presse-Gäste und ein schüchternes Paar in Türnähe schweigen, schwingen die gregorianischen Gesänge der Mönche im Kirchenschiff empor.

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„Euren Gesang halten sie auch noch aus“

Nie zuvor konnte ich einer Messe auf Latein lauschen, nie zuvor musste ich anhand einzelner Wörter erraten, dass sie vom Buch Exodus handelt. „Der heilige Augustinus hat gesagt: Wer singt, betet zweimal“, bekräftigt Pater Maurus am nächsten Morgen. Und wer Sorge habe, den Ton nicht zu treffen, dem nimmt er die Angst gleich mit einem verschmitzten Lächeln: „Die Engel haben alle möglichen Tonarten schon mitgemacht. Euren Gesang halten sie auch noch aus.“

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Schweigend Abendessen

Das anschließende Abendessen mit den Ordensbrüdern ist ein Privileg. Gästen des regulären „Bed and Breakfast“-Betriebs bleibt dieser Teil des Klosterlebens normalerweise verwehrt. Serviert werden Bratwürste, Kartoffelpüree, Röstzwiebeln und Kopfsalat. Zuerst erhält Abt Vinzenz sein Essen, dann die Mönche, schließlich die Gäste. Von einer erhöhten Kanzel liest Pater Maurus zunächst aus einer Heiligenchronik. Überraschend folgt der Kommentar einer Wiener Religionspädagogin, die sich für die Abschaffung des Apostolischen Nuntius, des diplomatischen Arms des Vatikans, fordert. „Die Hauptmahlzeit ist nicht das, was auf dem Teller liegt, sondern das, was das Wort Gottes uns schenkt“, bekräftigt der junge Mönch.

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Der Tabernakel der Mehrerauer Kirche verweist laut Pater Maurus auf den Mutterleib beziehungsweise eine Vulva als Zeichen für Leben und Schöpfung. Steurer

Während andernorts schon die falsche Formulierung genügt, um Debatten zu beenden oder Fronten zu verhärten, wird hier eine intellektuelle Offenheit gepflegt.

Skater am Kloster Mehrerau
Victor Mairhofer. NEUE

Ich schwänze ein Gebet

Leicht beschämt, beim zweiten Gebet erneut zu schweigen, spaziere ich stattdessen durch das Gelände. Als ich sehe, wie der 12-jährige Victor Mairhofer mit dem Skateboard durch das Gelände surft, werde ich erneut überrascht. Der Internatsschüler aus Liechtenstein rollt mit einer für mich ungewohnten Selbstverständlichkeit durch das Gelände und verdeutlicht mir erneut: Die Mehrerau ist nicht altmodisch, nur meine bisherige Vorstellung von ihr.

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Abt Vinzenz und Pater Maurus. STIPLOVSEK

Die Nacht

Nach einem ausführlichen Gespräch mit Abt Vinzenz und Pater Maurus, das bald in der NEUE erscheinen wird, kehrt langsam Ruhe ein. Die Nacht verbringe ich in meinem Zimmer im neuen Gästetrakt. Während das keusche Einzelbett etwas schmal geraten ist und das Kopfkissen – freundlich formuliert – sehr groß ausfällt, überzeugt die hochwertige Qualität der Bettwäsche. Am nächsten Morgen wartet ein einfaches Frühstück. Brot, Aufstriche, Kaffee und alles, was nötig ist, um in den Tag zu starten. Und der hat es in sich.

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Die „Lifestyle-Führung“ beginnt

Von 9.30 Uhr bis 11.30 Uhr folge ich Pater Maurus durch beinahe tausend Jahre Klostergeschichte. „Es hatte seine Höhen und Tiefen, über die man ununterbrochen referieren könnte, aber das hier ist keine Vorlesung, sondern eine Lifestyle-Führung“, lacht der kecke Theologe mit ehrlichem Stolz. Er gibt gut 60 Führungen im Jahr und das mit sichtlicher Leidenschaft.

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Ferienhaus am Bodensee

„Der Mammutbaum im Hof wurde 1865 gepflanzt. Vermutlich lebt er noch, weil er ständig von Touristen umarmt wird. Im Vergleich zum Wal Timmy droht er Gott sei Dank nicht zu explodieren.“

Wenig später erzählt Maurus, wie die ersten Mönche ursprünglich in Andelsbuch lebten und ihren Stifter schließlich um die Übersiedlung an den Bodensee baten. „Man muss sich das ungefähr so vorstellen: Die Mönche fragen, ob sie umziehen dürfen. Der Graf fragt: Wohin? Und die Mönche antworten: Du hast uns ein Ferienhaus am Bodensee geschenkt. Wir würden gerne dort leben, wo wir Urlaub machen.“

Zwischen solchen Pointen vermittelt der nach eigenen Angaben E-Zigarette rauchende Mönch mit Apple Watch erstaunlich viel Wissen. Steine der einstigen Klosterkirche wurden unter der bayerischen Herrschaft Anfang des 19. Jahrhunderts nach Lindau transportiert und dort für den Hafenbau verwendet. Die Mehrerau besitzt heute rund 246 Fußballfelder Grund. Der Wald des Klosters liefert Trinkwasser für die Stadt Bregenz. Und die drei Bibliotheken beherbergen bis zu 200.000 Bücher.

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Besonders stolz scheint er auf letztere zu sein. Zwischen hohen Regalen bleibt der Mönch stehen und formuliert, was viel über ihn und diesen Ort verrät: „In dieser Bibliothek findest du nie das, was du suchst. Sondern immer das, was der Herrgott für dich aussucht.“

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„Wir haben wirklich alle Vögel da. Von stockkatholisch bis letztlich katholisch“

Auch über die Menschen, die hierherkommen, spricht der 30-Jährige gerne. „Der Durchschnittsgast ist weiblich, Mitte 50 und trägt das halbe Leben in sich.“ Viele kämen mit Fragen, Sorgen oder dem Wunsch nach Orientierung. Kurz darauf folgt bereits der nächste trockene Kommentar: „Wir haben wirklich alle Vögel da. Von stockkatholisch bis letztlich katholisch.“

Spätestens an diesem Punkt wird klar, warum manche Besucher mehrfach zu seinen Führungen erscheinen. Maurus führt nicht durch ein Museum. Er führt durch einen lebendigen Organismus, dessen durchaus strengen Regeln er sich freiwillig unterworfen hat.

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Als die Führung in der Krypta unter der Kirche ankommt, schildert er den diese Entscheidung mit seiner typischen Mischung aus Selbstironie und Ernsthaftigkeit. „Kein Gehalt, kein Urlaub, kein Rentenanspruch.“ Dann folgt eine kurze Pause. „Damit holst du niemanden.“ Und dennoch steht er vor uns, umgeben von Sarkophagen früherer Äbte.

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Wer sich selbst auf eine „Lifestyle-Führung“ begeben möchte, muss dafür übrigens nicht tief in die Tasche greifen. „Die Führung kostet bei mir zehn Euro pro Person“, erklärt Maurus. Bei kleineren Gruppen verrechnet die Mehrerau einen Pauschalpreis von 50 Euro. Ein Schnäppchen, das man sich auch als „Ungläubiger“ nicht entgehen lassen sollte.