Kultur

„Bei uns gibt es keine Fettreserven“

09.06.2026 • 17:38 Uhr
PK Kultur fuer Solidaritätskampagne Kunst Kultur
Sabine Benzer (l.) vom Theater am Saumarkt mit IG-Kultur Geschäftsführerin Mirjam Steinbock und Herwig Bauer (Poolbar Festival). Serra(11)

Die neue Kampagne „Kultfür!“stellt sich gegen Sparmaßnahmen im Kulturbereich und warnt vor den Folgen von Kürzungen.

„Ohne eine lebendige Kulturszene ist Vorarlberg wieder ein provinzielles Tal mit vielen Seitentälern“, warnt Poolbar-Geschäftsführer Herwig Bauer bei der Pressekonferenz der neuen Solidaritätskampagne „Kultfür!“, die am Dienstag im Spielboden Dornbirn vorgestellt wurde. Wie ernst die Lage aus Sicht der Kulturszene ist, zeigt eine weitere Aussage des Festivalleiters: Sollte sich die Fördersituation weiter verschlechtern, sei ein Umzug des Poolbar-Festivals aus Feldkirch nicht ausgeschlossen.

PK Kultur fuer Solidaritätskampagne Kunst Kultur
Die Akteurer der Kampange „Kultfür!“ betonen den allgemeinen Wert ihrer jeweils individuellen Arbeit.

Ein Feuer

Auslöser für die Initiative sind die jüngsten Kürzungen der Stadt Feldkirch im Kulturbereich. Für die Organisatoren stellen diese jedoch keinen Einzelfall dar. Vielmehr werden ähnliche Entwicklungen auf Gemeinde-, Landes- und Bundesebene befürchtet beziehungsweise beobachtet. „Die Kunst und Kultur steht extrem auf dem Spiel“, bekräftigt IG-Kultur-Geschäftsführerin Mirjam Steinbock. Gemeinsam mit Sabine Benzer vom Theater am Saumarkt und Herwig Bauer zählt sie zu den Erstunterzeichnenden der Kampagne.
Das „für“ im Namen bekräftigt die Parteinahme und spielt auf den Dialektbegriff für Feuer an. Genau dieses „Feuer“ soll verteidigt und vor dem Erlöschen bewahrt werden.

Die Initiatoren warnen davor, dass Einsparungen in ihrem Bereich nicht mit gewöhnlichen Budgetkürzungen vergleichbar seien.

PK Kultur fuer Solidaritätskampagne Kunst Kultur
Für Brigitta Soraperra ist es widersprüchlich, dass nach Jahren der Fair-Pay-Debatte nun ausgerechnet im Kulturbereich neue Einsparungen drohen.

Während Unternehmen oder öffentliche Einrichtungen oft über Rücklagen verfügen, würden Kulturvereine und Veranstalter seit Jahrzehnten mit minimalen Ressourcen arbeiten.

PK Kultur fuer Solidaritätskampagne Kunst Kultur
Mit der Kampagne „Kultfür!“ wirbt Mirjam Steinbock um Solidarität für den Erhalt kultureller Vielfalt in Vorarlberg.

„Bei uns kann man nicht sparen, weil da ist nicht genug Futter da. Es gibt keine Fettreserven. Es geht sofort an die Substanz“, schildert Steinbock. Jede Kürzung zerstöre gewachsene Strukturen, die sich später nur mit großem Aufwand oder gar nicht mehr wieder aufbauen ließen.

PK Kultur fuer Solidaritätskampagne Kunst Kultur
Sabine Benzer (Theater am Saumarkt) erinnert an die besondere Rolle kleiner Kulturhäuser als Orte der Teilhabe. Neben professionellen Produktionen seien es gerade Kindergruppen, Seniorentheater und Kulturvermittlung, die Gemeinschaft entstehen lassen und kulturelle Vielfalt in die Regionen tragen.

Ähnlich argumentiert Sabine Benzer vom Theater am Saumarkt. Weniger Geld bedeute nicht nur weniger Veranstaltungen, sondern auch weniger mutige Formate. Gerade Literaturveranstaltungen, experimentelle Musik oder andere Nischenprogramme geraten rasch unter Druck.

PK Kultur fuer Solidaritätskampagne Kunst Kultur
Sarah Kirsch, Präsidentin der Berufsvereinigung Bildender Künstlerinnen und Künstler Vorarlberg, erinnert an die die oft übersehenen Folgewirkungen von Kürzungen. Betroffen seien nicht nur Künstler und Ausstellungshäuser, sondern auch Druckereien, Grafiker, Hotels und zahlreiche weitere Akteure.

Am Limit des Machbaren

Auch Spielboden-Geschäftsführerin Heike Kaufmann weist die häufig geäußerte Forderung zurück, Kulturhäuser müssten eben weniger Programm machen. Schließlich würden damit auch die Einnahmen aus der Gastronomie merklich schwinden. „Wir wehren uns nicht gegen das Sparen, aber wir haben nichts mehr zu sparen“, betont sie. Bereits heute arbeite die Szene am Limit.
Unterstützung erhält die Kampagne auch aus Teilen der Wirtschaft.

PK Kultur fuer Solidaritätskampagne Kunst Kultur
Spielboden-Geschäftsführerin Heike Kaufmann betont die Rolle des Spielbodens als kultureller Pionier. Viele heute etablierte Veranstaltungsformate und Künstler hätten ihre ersten größeren Auftritte in Dornbirn erlebt. Aufbauarbeit in der Kultur entstehe über Jahre und lasse sich nicht kurzfristig ersetzen.

Kommunikationsunternehmer Sigi Ramoser (Sägenvier) bezeichnet Kunst und Kultur als wichtigen Standortfaktor und hob insbesondere die Haltung vieler Kulturschaffender hervor.

PK Kultur fuer Solidaritätskampagne Kunst Kultur
Sigi Ramoser (Sägenvier): „Ohne Kunst und Kultur werden wir nicht reicher, sondern ärmer.“

„Ich kenne in meinem Bekanntenkreis und aus Medienberichten keinen Kultur- und Kunstschaffenden, der Dienst nach Vorschrift macht“, lobt er. Vielmehr handle es sich um Menschen, die mit großer Eigeninitiative, hoher Selbstreflexion und oft unter prekären Bedingungen arbeiteten. Dieses Engagement sei ein gesellschaftliches Kapital, von dem andere Bereiche lernen könnten.

PK Kultur fuer Solidaritätskampagne Kunst Kultur
Leon Boch, Galerist in Liechtenstein und Obmann des Vereins Ultramateria, zieht Vergleiche zu Liechtenstein und verweist auf die dort praktizierte Zusammenarbeit zwischen Kultur und Wirtschaft. Auch dort beobachtet er eine zunehmende Zurückhaltung bei Förderungen und Sponsorings. Trotz grundsätzlich größerer finanzieller Möglichkeiten seien Unsicherheit und Sparzwänge mittlerweile auch im Kulturbereich des Fürstentums spürbar.

Schaden für Wirtschaftsstandort

Auch Bauer teilt diese Ansicht und verweist auf Diskussionen, die er im Rahmen der Entwicklung der Marke Vorarlberg mit Vertretern aus Wirtschaft und Industrie geführt habe.

PK Kultur fuer Solidaritätskampagne Kunst Kultur
Herwig Bauer: „Würde die Stadt ein Festival wie die Poolbar von einer Agentur organisieren lassen, würde das locker das Fünf- bis Zehnfache kosten.“

Dort sei wiederholt betont worden, dass eine lebendige Kulturszene wesentlich zur Attraktivität des Landes beitrage und mit Blick auf den Fachkräftemangel von großer Tragweite sei.

PK Kultur fuer Solidaritätskampagne Kunst Kultur
Yener Polat vom interkulturellen Theaterverein Motif formuliert die ungleiche Beziehung zwischen freier Kulturszene und potenziellen Geldgebern: „Für Augenhöhe muss man schon auf ein paar Stühle stehen.“ Unterstützung erhalte der Theaterverein oftmals von kleinen Betrieben. „Gott sei Dank haben wir Dönerbuden.“

Während einzelne Unternehmer wie Collini-CEO Günther Reis oder die Hoteliers Josef Walch und Andrea Schwärzler die Kampagne unterstützen, berichten Kulturschaffende andernorts von großer Zurückhaltung.