Kultur

Frauen liebende Nationalsozialistin und Malerin aus Lustenau kommt ins Kino

03.07.2026 • 19:08 Uhr
Im Schatten der Bilder
Die Deutsche Schauspielerin Irina Wrona übt sich als Stephanie Hollenstein.Weizenegger Film

„Im Schatten der Bilder“ wirft einen emotionalen Blick auf das Leben von Stephanie Hollenstein.

Sie war Kunstmalerin, Soldat im Ersten Weltkrieg, lesbisch und glühende Nationalsozialistin. Angesichts dieser Umstände überrascht es nicht, dass Stephanie Hollensteins (1886-1944) Leben bis heute fasziniert. Nach Brigitte Herrmanns Roman „Die Suche nach der eigenen Farbe“ (2025) und Nina Schedlmayers Biografie „Hitlers queere Künstlerin“ (2025) widmet sich nun auch die Filmemacherin Birgitta Weizenegger dem Leben der Lustenauer Bauerntochter. Ihr 90-minütiger Film „Im Schatten der Bilder“ feiert am Sonntag im Kinok St. Gallen Uraufführung.

Im Schatten der Bilder
Birgitta Weizenegger.Weizenegger Film

Die NEUE sprach im Vorfeld mit der Allgäuer Regisseurin über die Entstehungsgeschichte und Form der Produktion.

Bei der Suche nach einem neuen Dokumentarfilm sei zu zufällig auf einen Bericht über die expressionistische Malerin, die im Nationalsozialismus Karriere machte gestoßen und fragte sich „Wie passt das zusammen?“

Kurz darauf fuhr die langjährige Lindenstraße-Schauspielerin zur Recherche nach Lustenau. Am Friedhof im Kirchdorf angekommen, fand sie viele Gräber mit dem Namen Hollenstein, nur nicht gleich das richtige. Sichtlich suchend, sei die gebürtige Oberstauferin von einer älteren Frau angesprochen und auf das korrekte Grab verwiesen worden.

Im Schatten der Bilder
Das Grab lügt: Hollenstein war keine akademische Malerin. Weizenegger Film

Als Weizenegger Hollensteins allgemein bekannte Mitgliedschaft in der NSDAP erwähnte, reagierte die Frau überrascht. „Unsere Steffi?“, habe sie geantwortet. „Von diesem Moment an kam ich eigentlich nicht mehr los“, erinnert sich die Filmemacherin.

Kaum Vorwissen

Weizenegger gesteht, dass sie zur Geschichte Vorarlbergs kaum Vorwissen hatte. So begab sie sich in einen engen Austausch mit Gemeindearchivar Oliver Heinzle und der Kunsthistorikerin Nina Schedlmayer, die zeitgleich an ihrer Hollenstein-Biografie arbeitete. Auch das Dock20, das den künstlerischen Nachlass der Malerin verwaltet, wurde zu einer wichtigen Anlaufstelle. „Am Anfang hatte ich nur diese eine Frage. Dann kamen immer mehr Puzzleteile dazu“, erzählt die Regisseurin.

Im Schatten der Bilder
Weizenegger Film

Sie entschied sich gegen ein klassisches, sachorientiertes Format. Der Film kann daher nur bedingt als Dokumentation bezeichnet werden.

„Über Stephanie Hollenstein sind nur wenige private Zeugnisse erhalten. Es gibt Briefe an sie, aber kaum persönliche Aufzeichnungen.“ Während sich die äußeren Stationen ihres Lebens gut rekonstruieren ließen, blieb ihr Innenleben weitgehend im Dunkeln. „Mir fehlte ihre emotionale Stimme.“

Im Schatten der Bilder
Weizenegger Film

Aus dieser Lücke entwickelte Weizenegger schließlich den künstlerischen Zugang des Films. Statt Schauspielern ein fertiges Drehbuch vorzulegen, entwarf sie ein essayistisches Dokumentar-Drama.

Experten kommen zu Wort

Interviews mit Experten bilden das sachliche Rückgrat der Produktion. Interviews mit Experten bilden das sachliche Rückgrat der Produktion. Neben Heinzle und Schedlmayer kommen Georgia Holz (Vereinigung bildender Künstlerinnen Österreichs), Kunsthistorikerin Sabine Plakolm-Forsthuber, Hollenstein-Sammler Alwin Rohner sowie Hannes Sulzenbacher (QWien – Zentrum für queere Geschichte) zu Wort.

Im Schatten der Bilder
Alwin Rohner. Weizenegger Film

Sie richten sich dabei nicht nur an das Publikum, sondern auch an die Hollenstein spielende Schauspielerin Irina Wrona. Weizenegger wollte ausdrücklich vermeiden, dass diese die Malerin einfach nachspielt. Stattdessen entwickelte sie ihre Szenen durch eine mit der Familienaufstellung verwandte Technik. „Mich interessierte nicht, wie jemand eine Nationalsozialistin spielt“, bekräftigt die Regisseurin. „Mich interessierte das Innenleben.“

Im Schatten der Bilder
Weizenegger Film

Wrona erhielt deshalb vor Beginn der Dreharbeiten nur wenige Informationen über Hollenstein. Weder las sie Biografien noch studierte sie historische Dokumente. Erst vor laufender Kamera konfrontierte Weizenegger sie Schritt für Schritt mit Aussagen der Expertinnen und Experten. Aber auch die Regisseurin kommt zu Wort. Als Beispiel erwähnt die Allgäuerin eine Szene, in der „Hollenstein“ erst stolz betont, dass eine Galerie nach ihr benannt ist. Brüskiert reagiert sie auf den Umstand, dass die einstige Galerie Hollenstein jetzt Dock20 heißt und ihre Bilder nicht in einer Dauerausstellung, sondern im Archiv zu finden sind.

Vier Jahre Arbeit

Weizenegger arbeitet rund vier Jahre an der Produktion. Neben der Regie gestaltete sie das Drehbuch, den Schnitt und die Kameraführung. Als weitere Schauspielerin sollte Louisa Sophie Egger erwähnt werden, die in der Rolle der jungen Hollenstein zu sehen ist.

Bereits im vergangenen Jahr testete Weizenegger ihre unkonventionelle Form bei mehreren internen Vorführungen. Die Reaktionen fielen naturgemäß unterschiedlich aus. „Einige haben gesagt: Genau diese emotionale Ebene brauche ich.“ Andere hätten sich hingegen einen klassischen Dokumentarfilm gewünscht.

Im Schatten der Bilder
Weizenegger Film

Für sie sei zentral, dass der Film kein moralisches Urteil trifft und viel eher in Form nachhallender Fragen auf das Publikum einwirkt. Auf Nachfrage räumt Weizenegger allerdings ein, dass sie sich mit der Forschung zur Genese reaktionärer Subjekte nicht näher beschäftigt hat. Daher ist es fraglich, ob der emotionale Fokus als Erkenntnisstragie aufgehen wird.
Die erste Möglichkeit einer Antwort bietet sich bei der Uraufführung am Sonntag um 11 Uhr, wo im Anschluss ein Gespräch mit Weizenegger und der Schauspielerin Egger stattfinden wird.