Kultur

Bei den Festspielen geht es bierselig zum Mond

08.07.2026 • 19:08 Uhr
Bei den Festspielen geht es bierselig zum Mond
Mit der Hausoper „Die Ausflüge des Herrn Brouček“ bieten die Festspiele eine selten gespielte Satire.

Während auf der Seebühne Violettas Spiegel zerbricht, hebt im Festspielhaus Janáčeks Antiheld Brouček ab. Die Bregenzer Festspiele setzen im Jubiläumssommer auf zwei radikal unterschiedliche Opernwelten

Zwei Opern, zwei Welten und ein Jubiläumssommer: Beim Pressetag der Bregenzer Festspiele wurde am Mittwoch deutlich, wie gegensätzlich die beiden großen Musiktheaterproduktionen angelegt sind. Giuseppe Verdis „La traviata“ feiert am 22. Juli erstmals Premiere auf der Seebühne. Einen Tag später folgt im Festspielhaus Leoš Janáčeks selten gespielte satirische Oper „Die Ausflüge des Herrn Brouček“. Seit Mitte Juni wird zweimal täglich geprobt, am Wochenende treffen auch die Wiener Symphoniker ein.

Pressetag 2026 Bregenzer Festspiele
V.l.: Babette Karner (Pressesprecherin), Lilli Paasikivi (Intendantin), Kirill Karabits (Musikalische Leitung „La traviata”), Damiano Michieletto (Inszenierung „La traviata”), Paolo Fantin (Bühne „La traviata”), Marjukka Tepponen (Violetta „La traviata”). Festspiele/Koehler

Spektakulär und intim

Regisseur Damiano Michieletto stellt „La traviata“ in den schillernden Kosmos der 1920er-Jahre. Für den Italiener widersprechen sich die Größe der Bühne und die Intimität des Stückes nicht. Viele Opern lebten von spektakulären Momenten und privaten Konflikten zugleich. Entscheidend sei, für die Seebühne ein starkes Symbol zu finden. Dieses Symbol ist ein monumentaler, zerbrochener Spiegel. Er steht für Violetta, die von der Gesellschaft wegen ihres glamourösen Erscheinungsbildes gefeiert wird, innerlich aber zerbricht. Sie ist krank, manipuliert und hat kaum die Möglichkeit, von einer Zukunft zu träumen.
Bühnenbildner Paolo Fantin versteht diesen Spiegel als Bild des „fragilen Augenblicks“. Was in der Wirklichkeit nur eine Sekunde dauere, nämlich der Moment, in dem ein Spiegel fällt und zerbricht, werde auf der Seebühne über den ganzen Abend hinweg gedehnt.

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Die Ähnlichkeit der Seebühne mit dem abgestürzten Raumschiff Millennium Falcon aus Star Wars sei laut Bühnenbilder Paolo Fantin nicht beabsichtigt worden. steurer

„Extreme-Sport-Version der Oper“

Dirigent Kirill Karabits stellte sich vor „La traviata“ die Frage, warum die Welt noch eine weitere Interpretation dieses oft gespielten Werkes brauche. Die Antwort fand er in der Direktheit der Musik. Verdi schreibe über eigene Erfahrungen, Liebe, familiären Druck und gesellschaftliche Enge. Dazu komme seine Gabe, Melodien zu schreiben, die nach einer Probe die ganze Nacht weiterklingen.

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Steurer

Eine Art „Extreme-Sport-Version der Oper“ erlebt Violetta-Sängerin Marjukka Tepponen in Bregenz. Die Finnin ist seit vielen Jahren mit der Rolle vertraut, blickt heute aber mit mehr Lebenserfahrung auf deren Brüche. Die Seebühne verlange zusätzlich Kondition: große Wege, große Gesten, Atemkontrolle und den Eindruck völliger Mühelosigkeit.

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Bierselig auf den Mond fliegen

Wesentlich unbekannter ist die Hausoper „Die Ausflüge des Herrn Brouček“. Janáčeks Werk lässt seinen Titelhelden samt Wohnung von Prag aus auf den Mond fliegen, bevor sie sich tief in die Katakomben der tschechischen Hauptstadt bohrt. Regisseur Yuval Sharon sieht darin eine Begegnung mit dem Unbekannten. Brouček sei ein Mensch, der lieber daheim sitze, Bier trinke, Würstchen esse und fernsehe. Gerade deshalb sei er gegenwärtig. Sharon erkennt in ihm einen durchaus schlauen Menschen, ohne Neugier, der sich in seinen Ansichten zur Welt einkapselt. Die Reise zum Mond führt ihn zu Wesen, die von Liebe, Schönheit und Kunst sprechen. Die Reise ins Erdreich konfrontiert ihn mit der eigenen Geschichte, die dem Protagonisten dennoch fremd bleibe.

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V.l.: Babette Karner (Pressesprecherin), Lilli Paasikivi (Intendantin), Robert Jindra (Musikalische Leitung „Die Ausflüge des Herrn Brouček”), Yuval Sharon (Inszenierung „Die Ausflüge des Herrn Brouček”), Jon Bausor (Bühne und Kostüm „Die Ausflüge des Herrn Brouček”), Peter Hoare (Brouček „Die Ausflüge des Herrn Brouček”). steurer

Dirigent Robert Jindra, selbst aus Prag, beschreibt Brouček als sehr tschechische Figur. In Prag treffe er „jeden Tag 100 Broučeks“, sagt er. Gemeint ist ein typischer Antiheld, der über alles klagt und immer alles besser weiß. Gerade deshalb sei Janáčeks Oper für ihn so reizvoll.

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Sänger Hoare nimmt für die Rolle des Brouček seinen zweitältesten Bruder zum Vorbild. steurer
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Tschechischer Chor

Musikalisch sei das Stück enorm schwer, gerade weil Sprache, Rhythmus und Bühne ständig miteinander reagieren müssen. Dass in Bregenz auf Tschechisch gesungen wird, hält Jindra für entscheidend. Janáčeks Musik sei untrennbar mit dem Klang der Sprache verbunden. Umso glücklicher ist der Umstand, dass mit dem Prager Philharmonischen Chor Muttersprachler am Werk sind. Die drei grundverschiedenen Designs wurden vom Bühnen- und Kostümbildner Jon Bausor entworfen. Wo Replikationen von Tapeten aus der DDR Broučeks zweidimensionale Wohnwelt schmücken, ließ er sich für die Mond-Szene von Science-Fiction Klassikern wie „Die Reise zum Mond“ (1902) und „2001: Odyssee im Weltraum“ beeinflussen.

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Jon Bausor und Peter Hoare. Steurer

Obwohl Brouček-Darsteller Peter Hoare die Partie auf Tschechisch singt, bedeutet das allerdings nicht, dass er sich in Prag ohne Weiteres unterhalten könnte. Auf die Frage, ob der Brite dort zumindest ein Bier bestellen könne, antwortet er lachend, das gelinge vermutlich schon. Allerdings erinnere ihn die Situation an einen Moment in Mailand. Dort habe er in seinem vertrauten, altmodischen Opernitalienisch einen Kellner angesprochen. Die Bestellung glückte, auch wenn der Kellner überaus verdutzt auf ihn guckte.

SAV