Ollikainen ordnet die Wildheit

Eva Ollikainen brachte Ordnung, Leichtigkeit und Spannung in Strawinskys rhythmische Urgewalt. Zuvor berührte Guido Sant’Anna mit Sibelius’ Violinkonzert.
Im zweiten Orchesterkonzert der Wiener Symphoniker war das Publikum ebenso hingerissen von der ausdrucksstarken Werkauswahl wie von dem erst 21-jährigen brasilianischen Geigensolisten Guido Sant’Anna und der klaren Präsenz der Dirigentin Eva Ollikainen: In der Matinee am Sonntagvormittag tauchte man ein in die archaische Welt von Jean Sibelius und in die musikalische Urkraft von Igor Strawinskys „Le sacre du printemps“.

Beflügelt
Die 44-jährige Eva Ollikainen hat bei den legendären Meistern Leif Segerstam und Jorma Panula studiert und gewann bereits mit 21 Jahren den nach Panula benannten renommierten Wettbewerb. Seit 2020 leitet sie das Iceland Symphony Orchestra, setzt sich für zeitgenössische Komponisten ein und fördert junge Musikerinnen und Musiker. Ihr bei ihrem so klaren und plastischen Dirigat zuzuschauen, ist faszinierend und hat auch die Wiener Symphoniker beflügelt.

Ein Barde geht auf Reisen
Zu seiner Symphonischen Fantasie „Pohjolas Tochter“ op. 49 aus dem Jahre 1906 wurde Sibelius durch das finnische Nationalgedicht Kalevala inspiriert. Beschrieben wird die Reise des alten Barden und Helden Väinämöinen ins düstere Nordland Pohjola. Dieser Name kann allerdings auch für den Gott der Lüfte stehen, dessen wunderschön anzuschauende Tochter im Himmel mit ihrem Spinnrad goldene Fäden spinnt. In der glänzend instrumentierten Fantasie kann man die Geschichte wunderbar nachvollziehen und die Wiener Symphoniker erzählen sie in all ihrer Farbigkeit.

Junger Meistergeiger
Auch der junge brasilianische Geiger Guido Sant’Anna, der schon vor vier Jahren den Fritz Kreisler Wettbewerb für sich entschied, wird von der Dirigentin und dem Orchester im Violinkonzert von Sibelius getragen. Mit feinem Ton hebt er an, spannt gleichsam Silberfäden zwischen Himmel und Erde, verbindet Poesie mit dramatischen Aufwallungen. Im langsamen Satz stimmen die Holzbläser ein Duett an, in das der Geiger mit glutvollem Ton und raunenden Doppelgriffen einstimmt. Und getrieben vom unerbittlichen Puls fangen der Solist, die Dirigentin und das Orchester im Finale an zu fliegen. Mit gleich zwei Zugaben bedankt sich der junge Meistergeiger: In Fritz Kreislers „Recitativo und Scherzo“ entsteht aus ruhigem Atem ein fulminantes Feuerwerk, ein Stück von George Enescu greift den Volksmusikton und die Rhythmen von Sibelius auf: nicht nur das Publikum, auch die Kolleginnen und Kollegen aus dem Orchester sind gebannt vom Spiel des jungen Künstlers.

Hexensabbat
Bis in den letzten Winkel ist das Orchesterpodium für Igor Strawinskys „Le Sacre du printemps“ mit einer Vielzahl von Schlagwerkern, Holz- und Blechbläsern in allen Registern und natürlich der großen Streichergruppe besetzt und doch wirkt das für seine Rhythmuswechsel so berüchtigte Stück unter den Händen von Eva Ollikainen wunderbar leicht und klar strukturiert. Man erlebt gleichsam das Werden des Rhythmus aus einem wabernden Urgrund, das Pulsieren der Erde, das sich mit fünf Pauken und zwei Gongs zu einem fauchenden Hexensabbat steigert. Die Dirigentin bleibt ungemein klar, ist mit allen Instrumentengruppen verbunden, arbeitet die gefährlichen Steigerungen heraus und kehrt zu zerbrechlichen kammermusikalischen Klängen zurück. Schon allein die Körpersprache des Paukisten ist ein ästhetischer Genuss… Ovationen am Sonntagmittag für das prächtig aufgestellte Orchester und eine faszinierende Maestra!
Katharina von Glasenapp