Wie diese Frauen mit Sticken ein Zeichen gegen Gewalt an Frauen setzen

Die Initiative „StoP – Stadt(teile) ohne Partnergewalt“ setzt in vier Gemeinden mit lokalen Aktionen ein Zeichen gegen Gewalt an Frauen. In Lustenau entsteht dafür ein Stickkunstwerk.
Ein Stofftuch mit bunt gestickten Wörtern liegt vor Nikola Furtenbach und Michelle Burtscher auf dem Boden. Während die Beiden noch letzte Vorbereitungen beim Aufbau ihres Standes treffen, bleiben die ersten Passanten stehen. „Die Sticken ja, warum das denn?“, ist vom Wegesrand zu vernehmen. Genau das wollen sie erreichen, genau über diesen Weg ins Gespräch kommen.
Lokale Aktionen
Jede dritte Frau ab dem Alter von 15 Jahren ist einmal in ihrem Leben von körperlicher und/oder sexueller Gewalt betroffen. „Sticken gegen Gewalt“ ist eine der vier Aktionen, die von der Initiative „StoP – Stadt(teile) ohne Partnergewalt“ dieses Jahr umgesetzt werden. „Sticken hat in Lustenau eine große Tradition. Wir dachten, auf diesem Weg erreicht man die Menschen. Hier entsteht eine niederschwellige Möglichkeit, sich zu beteiligen und selbst ein Zeichen gegen Gewalt zu setzen“, erklärt Furtenbach, die die Initiative in Vorarlberg bereits seit 2021 leitet.

Auch in drei anderen Gemeinden in Vorarlberg gibt es in diesem Jahr Aktionen dieser Art. So werden in Bregenz Boote aus Treibholz gestaltet, die Bevölkerung kann sich hier beteiligen, indem sie Treibholz sammelt oder bei der Ausgestaltung der Boote hilft. In Feldkirch werden Geschirrtücher gesammelt und zu einem großen Segel zusammengenäht. Geschirrtücher deswegen, weil sie ein Symbol für zuhause sind, dem Ort, an dem die Gewalt oft passiert. In Hohenems wiederum werden hunderte, einzelne Portraitfotos gesammelt, um sie dann am Ende zu einem großen, gesamten Portraitbild einer Frau zusammenzufügen. All diese Aktionen laufen schon das ganze Jahr über und finden ihren Höhepunkt im Rahmen der „16 Tage gegen Gewalt an Frauen“ (25. November bis zum 10. Dezember. In diesem Zeitraum sollen die entstandenen Kunstwerke dann in der jeweiligen Stadt ausgestellt werden. Beteiligen und informieren können Interessierte sich online, auf der Website www.stop-partnergewalt.at/stop-vorarlberg.
Starke Worte
Jede Person soll sich individuell einbringen können. In Lustenau gibt es dafür kleine Stick-Patches, auf die Begriffe, Sätze oder Bilder gestickt werden können. Nach und nach werden diese Patches dann auf ein großes Stoffbanner genäht und zu einem Kunstwerk zusammengefügt. „Je mehr unterschiedliche kleine Aussagen wir sammeln können, desto größer wird am Ende die Botschaft“, so Furtenbach.

„Manchmal entstehen Gespräche, oder es werden Sätze aufgeschrieben, bei denen ich selbst schlucken muss. In Feldkirch hat jemand auf ein Geschirrtuch geschrieben ‚Ich möchte nicht mehr geschlagen werden.‘“ Die Initiatorin schildert, dass sich solche Situationen immer wieder ergeben. Viele Frauen trauen sich während der Aktionen, über ihre Gewalterfahrungen zu sprechen, weil sie merken, dass das Thema Aufmerksamkeit bekommt und sie sich dadurch weniger allein fühlen. Aber auch Männer werden auf die Aktion aufmerksam, wie Furtenbach erklärt. „Das ist kein Frauenthema, sondern ein gesellschaftliches Thema.“
Hilfe kann Leben retten
Eingreifen dürfen die Mitarbeitenden allerdings nicht, wenn sie von Gewalterfahrungen hören. „Wir dürfen niemals über Betroffene hinweg handeln“, sagt Furtenbach. Viele der Opfer trauen sich lange Zeit nicht sich zu melden, aus genau dieser Angst. „Sie kennen aus ihrer Beziehung, dass über sie hinweg gehandelt wird und nehmen an, dass das außerhalb davon auch so sein wird und sie damit die Kontrolle über die gesamte Situation verlieren. Alles, was wir tun können, ist es, zuzuhören und zu schauen, was die Betroffenen brauchen. Wir machen sie natürlich auf die Beratungseinrichtungen aufmerksam, die es in Vorarlberg gibt.“ Furtenbach appelliert an die Menschen, hinzuschauen, wenn sie hinter verschlossenen Türen Gewalt vermuten: „Ein Streit findet auf Augenhöhe statt. Das ist eine Handlung, bei der beide Parteien auf gleicher Ebene sind. Bei Gewalt verschieben sich diese Ebenen. Gewalt ist nichts Privates. Eingreifen, oder die Polizei rufen, kann Leben retten.“
Unterstützungsangebote für Frauen in Vorarlberg
Gewaltschutzzentrum: +43 5 1755535
ifs FrauennotWohnung: +43 5 1755577
ifs Frauenberatungsstelle bei sexueller Gewalt: +43 5 1755536
Nikola Furtenbach sieht die Entwicklung des Gewaltschutzgesetztes in Österreich als Erfolgsgeschichte. Gleichzeitig fordert sie jedoch eine stärkere und dauerhaft verankerte Prävention, die nicht jedes Jahr wieder von Neuem diskutiert werden muss.
(NEUE Vorarlberger Tageszeitung)