Wie Kilian Zündel in die Lifestyle-Falle tappte

Geht es nach der österreichischen Anti-Doping-Rechtskommission ÖADR, soll der von den Graz 99ers entlassene Eishockeyspieler Kilian Zündel nach einem abgekürzten Dopingverfahren für zwei Jahre gesperrt werden. Der 25-jährige Dornbirner hat eine entsprechende Vereinbarung jedoch nicht unterschrieben und gilt daher nicht als gesperrt. Zündel hat das Verfahren gegen sich indirekt selbst ausgelöst – mit einem Instagram-Posting, das im Rahmen einer Kooperation mit einer Longevity-Praxis veröffentlicht wurde.
Es ist so skurril, dass es fast schon tragisch-komisch ist – nur lachen können darüber, hoffentlich, nur die wenigsten: Ein inzwischen gelöschtes Instagram-Posting hat ein Dopingverfahren gegen den Eishockeyspieler Kilian Zündel ausgelöst. Das Foto zeigt Zündel bei einer privaten Lifestyle-Therapie. Es folgte eine Untersuchung, an deren Ende die österreichische Anti-Doping-Rechtskommission dem Dornbirner ein verkürztes Verfahren mit einer Sperre von zwei Jahren anbot. Zündel hat die Vereinbarung nicht unterschrieben und gilt daher als nicht gesperrt. Sein Verein Graz 99ers hat ihn dennoch fristlos entlassen.

Dopingagenturen warnen
Der Verteidiger soll nach der Grazer Meistersaison am 30. April die Höchstmenge der erlaubten intravenösen Infusion von über 100 Milliliter innerhalb von zwölf Stunden überschritten haben. Das hatte, wie die nationale Anti-Doping-Agentur Nada bestätigte, zwar keine positive Dopingprobe zur Folge. Aber: Zündel soll demnach mit einer Vitamin-C-Infusion gegen die Wada-Regel M2 verstoßen haben. Dieser Passus soll verhindern, dass verbotene Substanzen im Blut oder Urin durch eine Flüssigkeit verschleiert werden. Ein Profisportler muss sowas wissen – oder die Sachlage im Vorfeld abklären. Die Vorabprüfung von Medikamenten und Behandlungsmethoden gehört zum Alltag von Leistungssportlern. Denn Unwissenheit schützt vor Strafe nicht.
Konkret unterzog sich Zündel bei einer Ärztin, deren Identität der NEUE bekannt ist, einer sogenannten „Longevity“-Therapie. Darunter sind Maßnahmen zu verstehen, die zum Beispiel mit hochdosierten Präparaten darauf abzielen, die Vitalität oder Leistungsfähigkeit zu steigern. Zündel ließ sich zur Regeneration von einer „kräfteraubenden Saison“ behandeln. Zudem lag hinter dem Eishockeynationalspieler ein einwöchiger Meisterfeier-Marathon mit den 99ers, der den frischgekrönten Meister bis nach Ibiza führte. Mehrere Quellen haben der NEUE geschildert, dass Zündel bei besagter Behandlung vom 30. April eine Vitamin-C-Infusion von 200 Millilitern erhalten hat, womit der Crack die Höchstgrenze um das Doppelte überschritten hätte. Die deutsche Anti-Doping-Agentur warnt auf ihrer Homepage explizit vor jener Art Infusion, die sich Zündel verabreichen hat lassen, und führt unter der Rubrik „Dopingfalle Lifestyle-Infusionen“ aus: „Einige Wellnesseinrichtungen, Spas, Kosmetikstudios, Heilpraktiker, aber auch niedergelassene Ärzte oder ärztlich geführte Schönheitskliniken bieten Infusionen mit hochdosierten Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen an. Diesen Infusionen werden je nach Zusammensetzung unterschiedliche Wirkungen unterstellt, wie die Regeneration nach körperlicher Aktivität und vieles mehr. Für Sportlerinnen und Sportler können diese Infusionen zur Dopingfalle werden.“
Und weiter: „Während Athletinnen und Athleten für bestimmte Infusionen medizinische Ausnahmegenehmigungen erhalten können, sind bei Lifestylebehandlungen die Voraussetzungen für eine Ausnahmegenehmigung nicht gegeben. Zum einen dienen die Infusionen nicht zur Behandlung einer diagnostizierten Erkrankung, zum anderen existieren erlaubte Alternativen, wie Tabletten, Infusionen mit geringerem Volumen oder die Aufteilung auf mehrere Tage.“ Auch die österreichische Anti-Doping-Agentur Nada warnt eindringlich vor Longevity-Behandlungen, verweist auf die aktuellen Anti-Doping-Bestimmungen sowie die Eigenverantwortung.

Instagram-Promi
Zündel gilt als Fan der Longevity-Bewegung. In der betreffenden Praxis hatte er schon davor unbedenkliche Behandlungen in der Kältekammer durchführen lassen. Zudem tritt der 25-Jährige auf Instagram als „Content Creator“ auf, also als eine Art Influencer. Der Dornbirner präsentiert sich auf seinem Kanal mit knapp 100.000 Followern als Modell. Das It-Girl Maria Maksimovic nennt er dabei eine wichtige Beraterin, wenn es um seinen Online-Auftritt geht – und darum, an private Sponsorendeals zu kommen. Mit der Praxis, in der sich Zündel die umstrittene Vitamin-Infusion verabreichen hat lassen, hatte Zündel eine Kooperation. Und das hat den Fall ins Rollen gebracht. Im Rahmen dieser Kooperation postete die Ärztin ein anscheinend von Zündel nicht freigegebenes Foto von dessen Infusion. Demnach hatte die Ärztin nicht die Erlaubnis zur Veröffentlichung der Aufnahme – was die Angelegenheit für Zündel noch bitterer macht, wenngleich die NEUE die Medizinerin zur Abklärung dieser Detailfrage nicht erreicht hat. Zündel wiederum wollte sich nicht äußern.
Auf dem Foto war jedenfalls ersichtlich, dass der bei Zündel angehängte Infusionsbeutel das Höchstvolumen von 100 Milliliter überschreitet. Ein Internetuser hat einen Screenshot von diesem Posting an die Nada weitergeleitet. So ist Zündel nicht nur seine Unbedachtheit, sondern auch sein Nebenerwerb als Instagram-Promi zum Verhängnis geworden. Würde er auf Instagram nicht sein Leben vermarkten, hätte er nicht so viele Follower – dann wäre es nicht zur Kooperation mit der Praxis gekommen und das Fehlverhalten wäre ein privater Lapsus ohne Folgen geblieben.

Facettenreich
Die Frage ist nun, wie groß und wie folgenschwer der Fehler von Zündel war. Zündel wurde von der österreichischen Anti-Doping-Agentur eben ein verkürztes Verfahren mit einer Sperre von zwei statt bis zu vier Jahren angeboten. Entgegen einer Aussendung der 99ers will der Vorarlberger die Sache jedoch ausfechten – in der Hoffnung auf mildernde Umstände, aber mit dem Risiko, eine noch härtere Strafe zu kassieren, womit seine Spielerkarriere wohl zu Ende wäre. Die Angelegenheit hat viele Facetten: Festzuhalten ist, dass Zündel keine verbotene Substanz zu sich genommen hat. Vitamin C steht selbstredend nicht auf der Dopingliste. Ein Profisportler kann unbegrenzt Vitamin C zu sich nehmen, über die Nahrung, als oral eingenommene Flüssigkeit oder in Tablettenform.
Gegen die Dopingregularien verstößt nur die Methodik, also die intravenöse Infusion, in Kombination mit der Menge, also den zitierten 100 Milliliter und das innerhalb eines Zeitraums von zwölf Stunden. Entscheidend ist nun, inwieweit nachweisbar ist, dass der gesamte Inhalt des auf dem Foto ersichtlichen Infusionsbeutels auch tatsächlich in die Blutbahn von Zündel gelangte. Und das während einer Behandlung und nicht an zum Beispiel zwei aufeinanderfolgenden Tagen, was wiederum straffrei wäre. Auch diesbezüglich könnte Zündel ein Posting in die Bredouille bringen, denn der Vorarlberger schrieb: „Mir ist natürlich völlig bewusst, dass ich einen Fehler gemacht habe.“ Damit gesteht er grundsätzlich ein Fehlverhalten ein, wobei freilich auch entscheidend sein wird, was er bei den bisherigen Ermittlungen zu Protokoll gab; zudem soll die betreffende Ärztin Akteneinsicht gewährt haben.

Verein preschte vor
Am Ende bleibt ein mutmaßlicher Dopingfall ohne positiven Dopingbescheid, ohne verbotene Substanzen und ohne sportlichen Nutzen. Wenngleich Kritiker Zündel eine Verschleierung anderer Substanzen vorwerfen könnten, ohne dies aber beweisen zu können. Vielmehr gilt natürlich die Unschuldsvermutung. Warum die 99ers ihren Spieler trotzdem nicht erst nur suspendierten, um die Rechtskräftigkeit der Sperre abzuwarten, und warum die Steirer kommunizierten, dass Zündel die Sperre hinnimmt, sind durchaus auch Themen, die den Eishockeycrack beschäftigen dürften. Ohne die Vereinsaussendung vom 15. September wäre der Fall noch gar nicht öffentlich, da von der Nada nur rechtskräftige Dopingsperren kommuniziert werden. Erst nach dem Statement der 99ers bestätigte die Nada das Beweisverfahren.
Letztlich ist der Fall ein warnendes Beispiel für mindestens alle Leistungssportler: Wer auf die neuesten medizinischen Lifestyle-Trends aufspringt, sollte dringend aufs Kleingedruckte achten. Und, salopp gesagt, nicht jeder durchtrainierte junge Sportler braucht sich als Instagram-Promi zu inszenieren und für ein paar Euro Kooperationen mit Partnern einzugehen, um die man in letzter Konsequenz besser einen weiten Bogen gemacht hätte. Zündel lernt diese Lektion nun womöglich auf die ganz harte Tour.