Kultur

„Verwoben“ in Bregenz: Frauen erzählen vom Fremdsein und Ankommen

06.10.2026 • 17:52 Uhr
„Verwoben“ in Bregenz: Frauen erzählen vom Fremdsein und Ankommen
Die Künstlerinnen Maribel Rico (im Bild) und Sabine Morgenstern führten die Klasse 6b des Feldkircher Gymnasiums Schillerstraße durch das Haus. Stiplovsek(12)

Im Künstlerhaus Palais Thurn und Taxis begegnen sich vier Ausstellungen. Sie führen von den Lebenswegen migrierter Frauen bis in den Hindukusch.

„Ich bin vor 40 Jahren nach Vorarlberg gekommen und das war gar nicht lustig“, gesteht Sabine Morgenstern. Diese Erfahrung ist ein entscheidender Faktor hinter ihrem Beitrag zur Ausstellung „Verwoben“ im Erdgeschoss des Künstlerhaus Palais Thurn und Taxis. Die Schau ist eine von vier zeitgleich ausgestellten, die sich übergreifend mit den Motiven Migration und Reise fassen lassen.

„Verwoben“ in Bregenz: Frauen erzählen vom Fremdsein und Ankommen
Sabine Morgenstern auf didaktischer Mission.

Der Titel greift gleich mehrfach. Einerseits verbindet Morgenstern Biographien von nach Vorarlberg migrierten Frauen in einer Fotoserie. Dabei treffen sie auf die textilen Arbeiten von Maribel Rico, die ihre Herkunft aus Bolivien und die dortige Textilkultur verarbeitet. Beiden Künstlerinnen ist gemein, dass sie erst im Laufe ihres Lebens nach Vorarlberg gezogen sind.

„Da bleibe ich sicher nicht“

Morgenstern etwa kam für ihre Ausbildung aus der Steiermark nach Vorarlberg. Eigentlich wollte sie Design in Hamburg studieren, was aus finanziellen Gründen nicht möglich war. Stattdessen absolvierte sie einen Aufbaulehrgang an der HTL in Dornbirn. Der Anfang fiel schwer. „Da bleibe ich sicher nicht“, habe sie gedacht. Rico lacht und gesteht, dass es ihr und vielen Frauen, die sie kennt, genau so erging.

„Verwoben“ in Bregenz: Frauen erzählen vom Fremdsein und Ankommen

Geblieben sind sie trotzdem. „Und ja, alle sind wir geblieben“, ergänzt Morgenstern. Genau diese Erfahrung bildet den Ausgangspunkt ihrer Fotoserie. Durch ihre Tätigkeit als Kunstvermittlerin kam die Künstlerin über Jahre mit Frauen aus unterschiedlichen Kulturkreisen in Kontakt. Sie führte Gespräche darüber, wie es sich anfühlt, die ursprüngliche Heimat zu verlassen und in Vorarlberg ein neues Leben aufzubauen. „Diese Frauen sind tausende Kilometer gereist und in ihrem Gepäck haben sie ihre eigene Geschichte.“

„Verwoben“ in Bregenz: Frauen erzählen vom Fremdsein und Ankommen

Claudia aus Buenos Aires etwa unterrichtet Tango und hält damit eine Verbindung zu ihrer Herkunft aufrecht. Fati aus Teheran erzählt von ihrem Bedürfnis, über gemeinsames Kochen ihre Esskultur weiterzugeben. Fernanda aus dem Süden Chiles trägt auf den Fotografien Kleidungsstücke ihrer Mutter.
Morgenstern beleuchtet dabei ausdrücklich die positiven Seiten von Migration. Die porträtierten Frauen hätten sich in Vorarlberg ein Leben aufgebaut und seien beruflich und gesellschaftlich aktiv. Unter ihnen sind Musikerinnen, Lehrerinnen und eine Frau aus der Start-up-Szene. Die Ausstellung soll diese Lebenswege sichtbar machen, ohne Schwierigkeiten des Ankommens auszublenden.

„Verwoben“ in Bregenz: Frauen erzählen vom Fremdsein und Ankommen

Farben im Kontext der Kultur

Die Frage nach kultureller Identität führt Rico über ihr Medium Stoff weiter. Sie und Morgenstern verbindet dabei noch eine zweite biografische Gemeinsamkeit: Beide erhielten eine klassische Textilausbildung. Handarbeiten waren für sie zunächst eng mit traditionellen Vorstellungen der Frauenrolle verbunden. Künstlerisch wollten sich beide davon lösen. Die gebürtige Bolivianerin nahm diesen sprichwörtlichen Faden dennoch wieder auf. So markieren ihre textilen Arbeiten biographische Brüche und Kontinuität zugleich.

„Verwoben“ in Bregenz: Frauen erzählen vom Fremdsein und Ankommen

Ricos Werke sind sichtlich durch die Kultur ihrer Heimat geprägt. Bedingt durch die, wie sie sagt, karge Landschaft, sei der Stellenwert der Farbe in Bolivien besonders hoch. Gerade deren Verwendung musste sie nach ihrer Ankunft in Vorarlberg zunächst neu austarieren. „Bei uns spiegeln sie den Wunsch, froh und bunt zu sein wider. Hier in Vorarlberg geht man eher sparsam damit um“, schildert die Frohnatur.

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Schnitzel und Sonnenblumen

Das Motiv der Reise endet nicht im Erdgeschoss. So zeigt der in Rumänien geborene und als Kind mit seinen Eltern nach Österreich geflohene Künstler Filip Caranica seine mehrteilige Video- und Sound-Installation „Heralds‘ Waves“ im Keller. Besonders der Film „Klangaustreibung (Österreich)“ weckt eine eigentümliche Faszination. Konkret zeigt er einen äußerst detailreichen Fetzen in der Form Österreichs. Gleich einem Schnitzel wirkt dieser wie von einem unsichtbaren Klopfer getroffen, wodurch ein brachial-meditativer Rhythmus den Keller durchdringt.

„Verwoben“ in Bregenz: Frauen erzählen vom Fremdsein und Ankommen

Im ersten Obergeschoss ist der in Radstadt lebende Bildhauer Wilhelm Scheruebl mit seiner Schau „Die Sonne scheint“ präsent. Im Zentrum stehen Strukturen und Prozesse des Natürlichen, Werden und Vergehen, Ordnung und Chaos sowie die ständige Veränderung von Materie.

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Die Pflanze dient dabei als Sinnbild für Wachstum, Blüte, Verfall und Neubeginn. Eine zentrale Rolle nimmt die Sonnenblume ein. Vor ihrem globalen Siegeszug wurde sie in den Amerikas kultiviert. Hier taucht das übergeordnete Motiv in unterschiedlichen Medien auf, von Zeichnungen und Aquarellen bis zu Fotoarbeiten, Bronze und Installationen.

„Verwoben“ in Bregenz: Frauen erzählen vom Fremdsein und Ankommen

Dichterinnen aus dem Hindukusch

Bei Bianca Tschaikner wird das Unterwegssein schließlich wieder ganz konkret. „Hindukush Notebook: Das verbotene Land“ geht auf eine Recherchereise der Künstlerin im Jahr 2022 zurück. Im Mittelpunkt steht die geheime Dichtung der Frauen im Hindukusch, das sogenannte Dappa. Die Texte handeln von Liebe, Krieg, Unterdrückung und weiblicher Selbstbestimmung.

„Verwoben“ in Bregenz: Frauen erzählen vom Fremdsein und Ankommen

Tschaikner überführt die Erfahrungen dieser Reise in hauchdünne, teilweise beim Brand verformte Porzellanplatten. Landkarten, Malereien und Gedichtfragmente treffen dabei aufeinander. Ergänzt werden sie durch Arbeiten auf Porzellanzylindern. Die fragile Materialität steht in einem spannungsvollen Verhältnis zu den teils drastischen Inhalten der Texte.

„Verwoben“ in Bregenz: Frauen erzählen vom Fremdsein und Ankommen

Die vier Ausstellungen im Künstlerhaus Palais Thurn und Taxis sind noch bis 15. November zu sehen. Geöffnet ist von Mittwoch bis Samstag jeweils von 14 bis 18 Uhr sowie an Sonn- und Feiertagen von 11 bis 17 Uhr.