Kultur

Künstlerin kritisiert Veto zur Fristenlösung: „Der Erbprinz sollte einmal eine Schwangerschaft durchleben“

22.10.2026 • 17:59 Uhr
Atelier Besuch bei der Künstlerin Christine Lederer in ihrem Atelier
Christine Lederer: „In der Politik tut man immer so, als ob es keinen Spielraum gäbe. Aber das stimmt nicht.“ Serra

Die Bludenzer Künstlerin Christine Lederer kritisiert das Veto des Liechtensteiner Erbprinzen gegen die Fristenlösung. Ihre feministische Kunst ist derzeit auch in Paris zu sehen.

„Wer entscheidet über den Körper der Frau? Wer entscheidet, dass sie ein Kind austragen muss?“, fragt die Bludenzer Künstlerin Christine Lederer sichtlich entsetzt. Anlass ist das Veto von Erbprinz Alois gegen die Einführung der Fristenlösung im Fürstentum Liechtenstein. Anfang September hatte der Landtag mit 13 zu zwölf Stimmen für eine entsprechende Gesetzesänderung gestimmt. Dass ein einzelner Mann die Entscheidung des Parlaments blockieren kann, empört die Mutter eines Sohnes besonders. „Der Erbprinz sollte einmal eine Schwangerschaft durchleben und alleine ein Kind groß ziehen. Eine Entscheidung wie die zum Veto kann er dann gar nicht mehr treffen.“

Aufruf gegen das Bravsein

Die Auseinandersetzung mit patriarchalen Machtverhältnissen ist ein zentraler Aspekt ihres künstlerischen Schaffens. Dass sie damit weit über Vorarlberg hinaus Anklang findet, veranschaulicht die Arbeit „Bitte leise putzen“.

Bitte leise putzen
Die Edition ist in unlimitierter Auflage erhältlich. Lederer

Der mit roter Farbe auf ein Küchentuch gemalte Schriftzug war im Frühjahr in der Wiener Albertina und im September auf der Kunstmesse Parallel Vienna zu sehen. Nun ist sie mit dem serialen Werk auch bei der Parallel Paris vertreten, die noch bis Samstag stattfindet.

"Bitte leise putzen"
Die Parallel Paris endet am 24. Oktober 2026.Eggl

Maximal reduziert, spricht der passiv-aggressive Slogan unterschiedliche Erfahrungen an. Während der Bezug zu Frauen, die unbezahlte Care-Arbeit verrichten und dabei nicht stören sollen, offenkundig ist, gibt es auch Männer, die lärmend Hausarbeit verrichten. Gleichzeitig kann es als „Aufruf gegen das Bravsein“ verstanden werden. Denn auch der politische Widerstand werde nur so lange geduldet, wie er die herrschenden Verhältnisse nicht ernsthaft störe. „Man darf schon protestieren, aber es muss möglichst leise sein.“

„Das Land brennt nicht“

Wie unterschiedlich gesellschaftliche Konflikte ausgetragen und wahrgenommen werden, erlebt Lederer derzeit in Marseille. Ein Jahresstipendium des Landes Vorarlberg ermöglicht ihr dort einen Arbeitsaufenthalt in einer privat organisierten Künstlerresidenz. Die Wohnung wird von einer Tirolerin zur Verfügung gestellt, eine institutionelle Anbindung besteht nicht. „Das Land brennt nicht“, widerspricht Lederer dem Eindruck, den Bilder von Ausschreitungen vermitteln könnten. Zwar seien Verwüstungen in einzelnen Gegenden sichtbar, doch werde dadurch der Blick auf die Ursachen verstellt. Vandalismus lehnt sie ausdrücklich ab, unterscheidet aber zwischen den Ausschreitungen und den Anliegen der Demonstrierenden. „Das Problem ist die Zukunftslosigkeit der jungen Menschen.“ Friedliche Proteste würden ihrer Wahrnehmung nach von der Berichterstattung über Gewalt überlagert.

Atelier Besuch bei der Künstlerin Christine Lederer in ihrem Atelier
Serra

Kunst des Möglichen

Bei aller Empörung über politische Entwicklungen ist Lederer allerdings weit davon entfernt, gesellschaftliche Veränderung für aussichtslos zu halten. „In der Politik tut man immer so, als ob es keinen Spielraum gäbe. Aber das stimmt nicht.“

Atelier Besuch bei der Künstlerin Christine Lederer in ihrem Atelier
Ein Blick in das Atelier der Künstlerin. Serra

Dass gesellschaftlicher Widerstand erfolgreich sein kann, erlebte Lederer bereits als Jugendliche. Als ein Lehrer ihrer Hauptschule wegen kirchenkritischer Äußerungen seine Stelle verlieren sollte, setzte sich ihr Vater für ihn ein. Mit zahlreichen Diskussionen und beharrlichem Widerstand konnte er die Entlassung verhindern. „Er war der Einzige, der aufgestanden ist.“ Die Erfahrung habe ihr gezeigt, „was möglich ist als Einzelperson in einem System, wenn man sich für andere einsetzt“.

Die Kraft der Zuwendung

Entscheidend ist für Lederer dabei nicht allein der Mut zum Widerspruch, sondern auch die Bereitschaft, einander zuzuhören. Gerade daran mangele es ihr zufolge zunehmend, auch in der Bludenzer Kommunalpolitik.

Sprechstunde im EG mit Christine Lederer
Christine Lederer lud im November 2024 zur Sprechstunde nach Bregen. wgn_projects

Dabei sieht die Künstlerin im Austausch eine essenzielle Voraussetzung gesellschaftlicher Veränderung. Nicht zufällig widmete sie diesem Gedanken bereits ihre künstlerische „Sprechstunde“, bei der die Bludenzerin Besuchern zehn Minuten lang ihre ungeteilte Aufmerksamkeit schenkte. Trotz ihrer wachsenden Skepsis hält Lederer an der Möglichkeit fest, durch Begegnungen und Gespräche etwas zu verändern. „Ich bin sehr hoffnungsvoll, immer“, bekräftigt sie. Und selbst wenn diese Zuversicht bisweilen an Grenzen stoße: „Aber die Grenze heißt natürlich nicht Hoffnungslosigkeit.“