Adventgeschichte: Das Pelzchen

Erika Kronabitter hat Geschichte einer unbekannten Verfasserin ausgewählt.
So, wie wir von Bhutan als jenem Land sprechen, in welchem das Bruttonationalglück gemessen wird, so gab es auch bei uns vor langer Zeit ein Dorf, in welchem alle Leute glücklich waren. Die BewohnerInnen waren freundlich, liefen mit einem Lächeln herum und grüßten jedermann. Was die Menschen aber am meisten liebten, war, einander kleine, weiche Pelzchen zu schenken. Jeder von ihnen besaß einen Beutel, der damit gefüllt war. So oft sich die BewohnerInnen trafen und sie sich etwas Nettes sagen wollten, gab der eine dem anderen ein Pelzchen. Es ist sehr schön, einander ein warmes, weiches Pelzchen zu schenken. Es sagt dem anderen, dass er etwas Besonderes ist. Es ist eine Art „Ich mag dich!“ zu sagen.
Und ebenso schön ist es, von einem anderen ein solches Pelzchen zu bekommen. Du fühlst dich anerkannt und geliebt, wenn jemand dir ein Pelzchen schenkt, und du möchtest auch selbst etwas Gutes, Schönes tun. Die kleinen Leute von Swabedoo gaben und bekamen gern weiche, warme Pelzchen, und ihr gemeinsames Leben war ohne Zweifel sehr glücklich.
Nur einer der Bewohner war etwas merkwürdig. Er wohnte allein in seinem Haus und ging nicht gerne ins Dorf. Jeden Tag zählte er seine Pelzchen und hütete sie eifersüchtig. „Einen schönen Tag, lieber Herr Gram! Wie herrlich doch unser Leben ist!“, sagte da ein Dorfbewohner. „Hier, nimm, das ist ein besonders schönes Pelzchen. Es ist für dich bestimmt“, und schenkte ihm ein kleines Pelzchen. „Behalte dein Pelzchen lieber selbst!“, sagte Herr Gram grimmig. „Wenn du alle Pelzchen verschenkst, hast du bald selbst keines mehr“, und gab dem verdutzten Bewohner das Pelzchen zurück. Ich gebe sicher kein Pelzchen her, dachte er, was, wenn ich plötzlich keine mehr habe? Jeder muss auf seine Pelzchen achten und sie bewachen, dachte er.

Erstaunt und ein wenig hilflos blickte der kleine Bewohner dem grimmigen Herrn Gram nach. Er war so verwirrt, so unglücklich, dass er gar nicht darüber nachdachte, dass das, was Herr Gram da erzählte, überhaupt nicht sein konnte. Denn jeder Bewohner besaß einen unerschöpflichen Vorrat an Pelzchen. Verschenkte er ein Pelzchen, so bekam er sofort von einem anderen ein Pelzchen, und dies geschah immer und immer wieder, ein ganzes Leben lang. Wie sollten dabei die Pelzchen ausgehen?
Vor seinem Haus in Swabedoo saß der kleine, verwirrte Swabedooa und grübelte vor sich hin. Nicht lange, so kam ein guter Bekannter vorbei, mit dem er schon viele weiche Pelzchen ausgetauscht hatte. „Wie schön ist dieser Tag!“, rief der Freund, griff in seinen Beutel und gab ihm ein Pelzchen. Doch dieser nahm es nicht freudig entgegen, sondern wehrte mit den Händen ab. „Nein, nein! Behalte es lieber“, rief der Kleine, „wer weiß, wie schnell sonst dein Vorrat abnimmt. Eines Tages stehst du ohne Pelzchen da!“ Der Freund verstand ihn nicht, zuckte nur mit den Schultern, packte das Pelzchen zurück in seinen Beutel und ging mit leisem Gruß davon. Aber er nahm verwirrte Gedanken mit, und am gleichen Abend konnte man noch dreimal im Dorf hören, wie ein Swabedooa zum anderen sagte: „Es tut mir leid, aber ich habe kein warmes, weiches Pelzchen für dich. Ich muss darauf achten, dass sie mir nicht ausgehen.“

Am kommenden Tag hatte sich dies alles im ganzen Dorf ausgebreitet. Jedermann begann, seine Pelzchen aufzuheben. Man begann, sich argwöhnisch zu beobachten. Manche trieben es so weit, dass sie ihre Pelzbeutel unter den Betten versteckten. Streitigkeiten brachen darüber aus, wie viele Pelzchen der oder der besaß. Es gab sogar einige Fälle von Pelzchenraub! An dämmerigen Abenden fühlte man sich draußen nicht mehr sicher: An Abenden, an denen früher die Swabedooas gern auf den Straßen spazieren gegangen waren, blieben die Leute zu Hause.
Zur Person
Erika Kronabitter wurde 1959 in Hartberg geboren. Studium der Vergleichenden Literaturwissenschaft, Germanistik und Kunstgeschichte in Innsbruck. Schriftstellerin und Künstlerin. Initiatorin für Feldkircher Lyrikpreis und Literaturbahnhof Feldkirch. Seit Jänner Präsidentin von Literatur Vorarlberg.
Dann begann sich die Gesundheit der kleinen Leute zu verändern. Viele klagten über Schmerzen in den Schultern und im Rücken, und mit der Zeit befiel immer mehr Swabedooas eine Krankheit, die Rückgraterweichung genannt wird. Die kleinen Leute liefen gebückt und in schweren Fällen bis zum Boden geneigt umher. Die Pelzbeutelchen schleiften auf der Erde. Viele fingen an zu glauben, dass die Ursache ihrer Krankheit das Gewicht der Beutel sei. Es dauerte nicht lange, und man konnte kaum noch einen Swabedooa mit einem Pelzbeutel auf dem Rücken antreffen. Bald darauf starben einige Leute in Swabedoo. Nun war alles Glück aus dem Dorf verschwunden.
So geschah es, dass der kleine, verwirrte Swabedooa immer wieder unter sein Bett kroch, den Beutel mit den warmen, weichen Pelzchen hervorzog, zart darüber streichelte – so warm und weich! Wenn… wenn… wenn er wieder ein paar der Pelzchen verschenken würde, dachte er… und dachte an die leuchtenden Augen der Beschenkten.

Und wie die Augen leuchteten! Mancher der Beschenkten lief schnell in sein Haus zurück, kramte ebenfalls den Pelzbeutel hervor, um auch selbst ein Pelzchen zurückzuschenken. Es holten bei weitem nicht alle Swabedooas ihre Pelzbeutelchen wieder hervor. Wahrscheinlich wären sie wohl alle gern zurückgekehrt zu den unbeschwerten Zeiten. Aber zu sehr hatten sich die grimmigen Gedanken des Herrn Gram in den Köpfen der kleinen Leute eingenistet. Wenn einer einem Freund begegnete, wünschte er sich im Geheimen, dass ihm der andere ein kleines, weiches Pelzchen schenken möge. Manch einer träumte von früher und wie sie alle auf der Straße mit einem fröhlichen, lachenden Gesicht herumgingen und sich Pelzchen schenkten. Wenn er dann aufwachte, hielt ihn aber immer etwas davon zurück, es auch wirklich zu tun.
Das ist der Grund, warum das Verschenken von warmen, weichen Pelzchen nur noch selten geschieht. Aber wenn Ihr es genau beobachtet: Gerade jetzt zur Weihnachtszeit passiert es wieder. Manche tun es, ohne darüber zu sprechen. Hier und dort, immer wieder. Du vielleicht auch…?
Es geht ums Glück
Erika Kronabitter zur Auswahl ihrer Geschichte.
Das ist wie Weihnachten“, sagen manche Menschen, wenn sie sich besonders freuen oder glücklich sind. Diese Geschichte, die ich vor vielen Jahren gelesen habe, hat sich stark in mein Gedächtnis eingraviert. Es geht um Glück, es geht darum, wie über Beziehung und Zuwendung Glück geschaffen werden kann. Und es geht darum, was passiert, wenn die Menschen beginnen, „zuzumachen“. Die Pelzchen stehen für jene nicht käuflichen Dinge im Leben, die, auch wenn sie geteilt und verschenkt werden, nie weniger werden. Darauf können wir bauen: Wir teilen die Liebe, und sie wird mehr.