Allgemein

Aktion gegen Ziffernnoten: “Man hört uns an, hat aber kein Verständnis”

02.02.2024 • 19:09 Uhr
Impression aus dem Theaterstück<span class="copyright">Hartinger</span>
Impression aus dem TheaterstückHartinger

An der Volksschule Kirchdorf in Lustenau setzen sich Lehrer und Direktor pünktlich zur Zeugnisverteilung erneut für die Wahlfreiheit in der Benotung ihrer Schüler ein.

Am Freitag ist es wieder einmal so weit: Pünktlich vor den Semesterferien werden an den Schulen in Vorarl­berg die Schulnachricht ausgeteilt. Damit erhalten die Schüler einen Überblick über ihre Leistungen. Seit einem Beschluss der schwarz-blauen Bundesregierung mit Bildungsminister Heinz Fassmann (ÖVP) geschieht das ab der zweiten Klasse der Volksschule verpflichtend mit einer Ziffernbewertung von Eins bis Fünf.

Seit diesem Beschluss macht sich die Volksschule Kirchdorf in Lustenau für eine Abschaffung dieser verpflichtenden Bewertung an den Volksschulen stark. „Jedes Jahr setzen wir Aktionen. Wir haben die Zeugnisse zurück an das Ministerium geschickt, wir haben Theateraufführungen gemacht, wir haben alles Mögliche initiiert, um auf das Thema aufmerksam zu machen“, berichtet die Lehrerin Birgit Sieber-Mayr. Bewirkt habe man damit noch nichts: „Man hat uns eher zu verstehen gegeben, man hört uns an, aber hat kein Verständnis für das, was wir meinen.“

Birgit Sieber-Mayr <span class="copyright">Hartinger</span>
Birgit Sieber-Mayr Hartinger

Theaterstück als Protest

r und das Kollegium der Volksschule Kirchdorf jedoch nicht. Auch in diesem Jahr wurde wieder eine „SchauPlatzAktion“ für die Abschaffung der verpflichtenden Ziffernnotenbewertung durchgeführt, in Form eines Theaterstücks. Um diesem beizuwohnen, versammelten sich am Donnerstagabend Eltern, Schüler und Direktor in der Aula der Volksschule im Lustenauer Zentrum.

Birgit Sieber-Mayr machte den Auftakt mit einer Eröffnungsrede, in der sie das Motto verkündete: „Es geht vom ersten Tag an in den Bildungseinrichtungen um alles.“ In den Jahren, in denen man auf das Thema aufmerksam gemacht habe, habe man habe von verschiedensten Seiten Unterstützung erhalten, nicht zuletzt von der Wissenschaft. „Nur leider hat sich bisher nichts geändert.“

Aktion gegen Ziffernnoten <span class="copyright">Hartinger</span>
Aktion gegen Ziffernnoten Hartinger

Maskierte Lehrer

Anschließend an die Rede zeigten Lehrer der VS Kirchdorf das Stück. In der Aula sind Kleiderständer aufgestellt, beschriftet mit den Ziffern eins bis fünf. In der Mitte hängen an einem runden Kleiderständer ausgeschnittene Stofffiguren, die Kinder symbolisieren sollen. Zu beklemmender Musik hängen die maskierten Pädagogen die Figuren an die Kleiderständer. Ihre Hände sind gefesselt. Auf zwei Stühlen am Rand stehen ebenfalls maskierte Pädagogen mit einem Paragrafen über dem Kopf und einem (wortwörtlichen) Brett vor dem Kopf. Sie symbolisieren den Gesetzgeber und weisen die Lehrer mit den verbundenen Händen an, an welchen Kleiderständer sie die einzelnen Figuren hängen sollen. Im übertragenen Sinn zeigen sie, welche Note die Kinder erhalten sollen.

Die Musik wird schneller, die Pädagogen rennen umher und hängen die Stofffiguren hektisch an andere Noten-Kleiderständer, bis sie nicht mehr können und erschöpft in ihrer Position verharren. Dann erklingt „We are the world“ von „USA for Africa“ und die Stimmung ändert sich. Die Fesseln werden abgelegt, die Stofffiguren abgehängt und dem Publikum in die Hände gegeben, bis keine Figur mehr an einem Kleiderständer hängt, respektive kein Kind mehr einer Note zugeordnet ist.

Aufführung in der VS Kirchdorf <span class="copyright">Hartinger</span>
Aufführung in der VS Kirchdorf Hartinger

Forderung nach Wahlfreiheit

Im Gespräch mit der NEUE erklärt Birgit Sieber-Mayr, dass man nicht für eine allgemeine Abschaffung des Notensystems plädiere: „Ich bin dafür, dass jeder Schulstandort gemeinsam mit den Eltern entscheiden kann, ob man eine Ziffernbenotung will oder nicht.“ Auch an der VS Kirchdorf gebe es Lehrer, die lieber von Eins bis Fünf benoten würden, doch: „Bei uns lässt jeder dem anderen das System, das er will.“

Direktor Christoph Wund unterstützt das: „Früher hatten wir die Freiheit, dass Pädagogen mit den Eltern gemeinsam entscheiden konnten, welche Form der Beurteilung man will. Das wurde beschnitten. Wir finden, dass das den Kindern nicht gerecht wird.“

Das Thema Ziffernnoten besprach der Direktor der VS Kirchdorf auch mit dem ehemaligen Bildungsminister Heinz Fassmann: „Ich fragte ihn, ob er Noten gerecht findet. Er sagte, darüber müsse man diskutieren, da gebe es Evidenz dazu, dass sie nicht gerecht sind. Das [Anm.: die Einführung der Ziffernnoten] sei ein politischer Kompromiss.“

Direktor Christoph Wund <span class="copyright">Hartinger</span>
Direktor Christoph Wund Hartinger

Stimmen der Lehrer

„Je nachdem, bei an welcher Schule, in welcher Klasse und bei welcher Lehrperson ein Kind ist, gibt es eine andere Note. Das ist nicht gerecht“, befindet Katharina Wiener, die bei dem Theaterstück mitspielte. „Das ist nicht wertschätzend den Kindern und ihren Leistungen gegenüber. Seit Jahrzehnten gibt es Untersuchungen von Seiten der Wissenschaft, die das belegen“, ergänzt die Kollegin Simone Flatz.

Sie berichtet davon, dass es besonders in der vierten Klasse einen Unterschied mache, ob unter einem Test und einer Schularbeit eine Ziffernnote stehe oder nicht, besonders im Hinblick auf den Schulwechsel. Birgit Sieber-Mayr führt an, dass Kinder schlechte Noten mit ihrem Selbstbild verbinden. Das führe zu Lernfrust, Resignation und Versagensängsten, auch dann, wenn die Schüler gute Noten hätten.

Für die neunjährige Linette Baumgärtel steht ein Schulwechsel an. Die Viertklässlerin findet Noten „blöd“. „Ich wünsche mir, dass die Politiker die Noten wegtun oder etwas anderes als das [einführen]“, sagt die Schülerin.

Linette Baumgärtel <span class="copyright">Hartinger</span>
Linette Baumgärtel Hartinger

Semestergespräche

„Etwas anderes als Noten“ sind an der Volksschule Kirchdorf die Semestergespräche. Vor der Zeugnisverteilung dürfen die Schüler den Eltern zeigen, was sie in Deutsch, Mathematik und Sachunterricht können. Anschließend berichten die Eltern, welche Lernfortschritte sie wahrgenommen haben, und dann folgt die Einschätzung der Lehrperson. Zum Schluss wird in einem Gespräch reflektiert, ein Protokoll verfasst und unterzeichnet. Aufgrund der Ziffernnotenpflicht muss aber dennoch ab der zweiten Klasse zusätzlich das Zeugnis mit Noten von Eins bis Fünf ausgestellt werden.

„In dem Gespräch erfahren die Eltern ganz genau, was das Kind schon kann und wo es noch Unterstützung benötigt. Das sagt viel mehr aus als zum Beispiel eine Drei im Zeugnis“, erklärt Birgit Sieber-Mayr. „Wir merken, wie sehr die Kinder bei den Rückmeldegesprächen mitarbeiten und wie ihr Lerneifer erhalten bleibt“, hebt sie hervor.

Am selben Abend zeigten die Lehrer der VS Kirchdorf das Theaterstück auch in der Schule am See in Hard. „Wir haben viel Zuspruch von anderen Schulen für unsere Aktionen bekommen. Heuer hat sich zum ersten Mal eine zweite Schule gefragt, ob wir das Stück auch bei ihnen aufführen“, freut sich Birgit Sieber-Mayr.

Auch in Zukunft wolle man weitere Aktionen setzen, um die Wahlfreiheit in der Beurteilung wieder einzuführen. „Wir hören nicht auf“, versichert die Lehrerin.