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Junge aus Bayern erhielt Schädeldecke aus 3D-Drucker

02.02.2024 • 12:54 Uhr
Dem zehnjährigen Bub wurde mit einem 3D-Drucker ein neues Knochenstück nachgebaut <span class="copyright">APA/Wolfgang Fürweger</span>
Dem zehnjährigen Bub wurde mit einem 3D-Drucker ein neues Knochenstück nachgebaut APA/Wolfgang Fürweger

In der Medizin erhofft man sich durch die neue Technik für die Zukunft große Revolutionen.

Ende 2023 ist in Bayern nahe der Grenze zu Salzburg ein zehnjähriger Bub bei einem Forstunfall lebensbedrohlich verletzt worden. Ein Metallstück hatte einen Teil seiner Schädeldecke zertrümmert. Die behandelnden Ärzte am Uniklinikum Salzburg entschlossen sich, das fehlende Knochenstück mit dem 3D-Drucker nachzubauen. Das ist im Krankenhaus seit dem Vorjahr in Eigenregie möglich und nun erstmals bei einem Kind erfolgt. Fünf Wochen nach dem Unfall wird der Bub am Freitag (2. Februar 2024) entlassen.

Tragischer Unfall

Am 28. Dezember halfen der zehnjährige Felix und sein jüngerer Bruder Simon ihrem Vater und Großvater bei Holzarbeiten am Ulrichshögl im bayerischen Ainring, als ein Stahlseil riss. Dabei löste sich eine Seilklemme und wurde gegen den Kopf des Buben geschleudert. Das Metallteil durchschlug die Schädeldecke und blieb stecken. Der Vater versuchte, die Blutung zu stoppen, und setzte einen Notruf ab. Dann brachte er den Buben auf einem Quad mit Anhänger aus dem Wald auf eine Wiese, wo sie auf die Rettungskräfte warteten. Felix – noch immer bei Bewusstsein – erhielt vom Notarzt eine Narkose und wurde mit dem Hubschrauber ins Uniklinikum Salzburg geflogen.

Der Bub kam in den Schockraum, ein CT zeigte, dass im Kopf ein Fremdkörper steckte: die etwa vier bis fünf Zentimeter große Seilklemme. Die Kalotte – das knöcherne Dach des Schädels – war teilweise zertrümmert. In einer ersten, vierstündigen Operation entfernten zwei Kinderchirurgen und ein Neurochirurg das Metallteil und viele Knochensplitter aus dem Gehirn von Felix, legten eine Hirndrucksonde ein und verschlossen den Schädel provisorisch. Dann kam das Kind auf die Intensivstation.

Lange Ungewissheit

“Die erste Zeit ist besonders heikel. Das Gehirn schwillt an, es könnte sich etwas entzünden, Nachblutungen und Störungen auftreten”, sagt Roman Metzger, der Vorstand am Uniklinikum Salzburg für Kinder- und Jugendheilkunde. Die Eltern durften am Anfang ihren Sohn nicht einmal streicheln, weil jeder Impuls für das Gehirn vermieden werden sollte. Lange bangten sie – Prognosen waren zunächst nicht möglich. “Nach der Operation erwarten wir eigentlich eine Reihe von heiklen Phasen. Auch das Risiko neurologischer Folgen ist da”, erklärt Metzger. Doch nach einigen Tagen ging es Felix besser. “Nichts ist so eingetreten, wie man es hätte befürchten müssen, das war eine Glückskette.”

Medizinisches Wunder

Doch es war klar, dass ein großer Teil des Schädeldachs fehlte – und am Uniklinikum seit September 2023 die Möglichkeit besteht, mit einem hauseigenen 3D-Drucker selbst Ersatz herzustellen. Das ist Aufgabe von Werner Wurm. “Bisher wurde das von externen Firmen erledigt, was im Schnitt drei bis vier Wochen gedauert hat”, sagt der Leiter des 3D-Labors der Klinik. “Bei Felix haben wir gemeinsam mit den Chirurgen innerhalb von fünf Tagen ein auf ihn abgestimmtes Implantat designt und gedruckt.” Als Material dazu diente “PEEK”, ein extrem robuster medizinischer Kunststoff, der vom Körper nicht abgestoßen wird.

Allerdings gab es Hürden: Bei planbaren Eingriffen wird zuvor ein CT gemacht, um das Implantat dem intakten Schädel genau nachzuempfinden. Felix wurde mit zersprungenen Knochen eingeliefert, die Vorlage fehlte. “Wir haben darum auf Basis des 3D-Datensatzes aus den CT-Bildern die bestehende Schädelform virtuell gespiegelt und zunächst ein Modell der Gegenseite gemacht”, berichtet Neurochirurg Johannes Pöppe. Auf Basis des Modells wurde dann der fehlende Teil konstruiert und am 17. Jänner eingebaut. Noch einmal wird Felix fast drei Stunden lang operiert, das Implantat passt auf einen halben Millimeter genau.

“Ziel ist Präzisionsmedizin”

Das Uniklinikum Salzburg ist eines der ersten Krankenhäuser mit eigenem 3D-Labor. Seit vergangenem September wurden 24 Implantate gedruckt – bisher nur für Erwachsene. “Dass eine im Haus selbst 3D-gedruckte Plastik bei einem Kind gemacht worden ist, ist unserer Kenntnis nach das erste Mal passiert”, sagt dazu Neurochirurg Pöppe. Nachsatz: möglicherweise weltweit.

Der Technologie dürfte auch die Zukunft gehören. “Ziel ist Präzisionsmedizin”, sagt dazu Abteilungsvorstand Metzger. “Wo Implantate nicht von der Stange kommen und man auf fixe Größen zugreifen muss, sondern wo sie für das Individuum gestaltet werden.” Die Schädeldeckenplastik von Felix sei dafür gedacht, grundsätzlich Jahrzehnte im Kopf des Burschen zu bleiben. “Ob mit seinem Wachstum einmal eine Knochenlücke entsteht, die man zusätzlich noch einmal deckeln müsste, kann ich noch nicht sagen. Das kann sein, muss aber nicht sein.”

Der Weg zur Genesung

Fest steht, dass der Zehnjährige am Freitag (2. Februar 2024), nur fünf Wochen nach seinem Unfall, aus dem Krankenhaus entlassen wird. “Am Anfang war von Monaten die Rede”, sagte seine Mutter. Sein größter Wunsch ist es nun, mit seinen besten Freunden Silvester nachzufeiern, sagt er selbst. Nach den Semesterferien wolle er “Teilzeit”, also schrittweise, wieder mit der Schule beginnen. Seine Hobbys – Mountainbiken und Skifahren – müssen allerdings ruhen. Und auch der Musikverein, wo Felix Tenorhorn spielt, wird noch längere Zeit auf ihn verzichten müssen.