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Zeit der Mutigen

27.06.2026 • 11:30 Uhr
Zeit der Mutigen
Dimitré Dinev lebt seit 1990 in Österreich und zählt zu den bekanntesten deutschsprachigen Autoren mit bulgarischen Wurzeln. APA

Ein großes Buch macht ihn zum Tolstoi des 20. Jahrhunderts: Dimitré Dinev.

Mutig war er, Dimitré Dinev. 1990 floh er von Bulgarien nach Österreich und kam ins Flüchtlingslager Traiskirchen, das 1956 – nach der Niederschlagung des ungarischen Volksaufstandes durch sowjetische Streitkräfte – eingerichtet wurde. Ausgerechnet dort habe er zum ersten Mal die Freiheit erlebt, erzählte er in einem Interview des Standards. Im Kontakt mit der Polizei, „den vielleicht gewalttätigsten Organen des Staates“, habe er in Österreich die Erfahrung gewonnen, dass er sich in einer freien Gesellschaft befinde.  

“Freiheit ist nie „kostenlos“ zu erreichen, auch nicht zu erhalten – es braucht immer Mutige, die für sie einstehen.”

Kurt Bereuter

Wer den Roman von Dinev liest und die Geschichte des realen Sozialismus (noch) nicht kennt und verabscheut, wird reich belohnt mit der Beschreibung und Erkenntnis dieser ehemals osteuropäischen Gesellschaftsstrukturen, deren Geschichte, deren Nöte und deren menschenverachtenden, gewaltsamen Herrschaftsstrukturen. Die bulgarische Stasi – durch den sowjetischen Geheimdienst und deren KGB-Agenten gesteuert – stand jener in der DDR offensichtlich um nichts nach. Wer die Freiheit liebte, sie ernst nahm und sie auch im alltäglichen und zwischenmenschlichen Kontakt lebte, konnte dort nicht alt werden, geschweige denn glücklich. Ein Déjà-vu im Buch erlebte ich bei der Beschreibung der Fluchthilfe nach Österreich, als die vormals verhassten Werbeplakate im Westen als Buntheit, Wohlgefühl und Zeichen der Freiheit erkannt werden. So erlebte ich es nach meinem Aufenthalt 1987 in der DDR und der kommunistischen Tschechoslowakei.

Jede Zeit ist auch eine Zeit der Mutigen, nur zeigt sich Mut unterschiedlich, ja nach Zeit und gesellschaftlichen Umständen. Eine Aversion habe ich gegen jene Menschen, die ihr Leben in einer Institution mit ordentlichem Salär mutlos verbringen und sobald sie in Pension sind, zum Paulus mutieren. Die meint Dinev nicht. Er meint jene, die bereit sind, für ihre Überzeugung und ihre Freiheit auch die Freiheit der anderen mitzudenken und für sie einzustehen, auch wenn es den eigenen Status gefährden kann. Freiheit ist nie „kostenlos“ zu erreichen, auch nicht zu erhalten – es braucht immer Mutige, die für sie einstehen – sogar beim Schreiben in Freiheit.   

Zeit der Mutigen
Kurt Bereuter ist Organisationsberater, Moderator, Coach und freier Journalist.