_Homepage

Evangeliumkommentar: Leben aus Wasser

09.08.2026 • 08:30 Uhr
Evangeliumkommentar: Leben aus Wasser
Jess Loiterton

In unseren wöchentlichen Evangelienkommentaren geben Geistliche, Religionslehrerinnen, Theologinnen und andere ihre Gedanken zum Sonntagsevangelium weiter. Heute mit Johannes Lampert von der Jungen Kirche Vorarlberg.

Gleich darauf drängte er die Jünger, ins Boot zu steigen und an das andere Ufer vorauszufahren. Inzwischen wollte er die Leute nach Hause schicken. Nachdem er sie weggeschickt hatte, stieg er auf einen Berg, um für sich allein zu beten. Als es Abend wurde, war er allein dort. Das Boot aber war schon viele Stadien vom Land entfernt und wurde von den Wellen hin und her geworfen; denn sie hatten Gegenwind. In der vierten Nachtwache kam er zu ihnen; er ging auf dem See. Als ihn die Jünger über den See kommen sahen, erschraken sie, weil sie meinten, es sei ein Gespenst, und sie schrien vor Angst. Doch sogleich sprach Jesus zu ihnen und sagte: Habt Vertrauen, ich bin es; fürchtet euch nicht! Petrus erwiderte ihm und sagte: Herr, wenn du es bist, so befiehl, dass ich auf dem Wasser zu dir komme! Jesus sagte: Komm! Da stieg Petrus aus dem Boot und kam über das Wasser zu Jesus. Als er aber den heftigen Wind bemerkte, bekam er Angst. Und als er begann unterzugehen, schrie er: Herr, rette mich! Jesus streckte sofort die Hand aus, ergriff ihn und sagte zu ihm: Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt? Und als sie ins Boot gestiegen waren, legte sich der Wind. Die Jünger im Boot aber fielen vor Jesus nieder und sagten: Wahrhaftig, Gottes Sohn bist du. 

Mt 14,22-33

Ein Sehnen in die Zwischenräume. Ein eingerolltes Gemüt. Ein Daliegen unter der Sonne. Das Leben friert nicht ein, es schmilzt dahin und zerrinnt zwischen den Fingern. Ewigkeitstropfen in vertrockneter Erde. Heiße Steine in der Regenhoffnung. Petrichor liegt in der Luft, wie verzögertes Blut, wie ein Anhimmeln im Verzweiflungsrausch: Genau an dieser Stelle begebe ich mich in ein langsames Atmen. Ich werfe mein Leibchen über den Sessel, um die Hitze zu ertragen. Ich setze mir Kopfhörer auf und überlasse mich der Monotonie. Man kann sagen: Ich gehe in den Tunnel und übe die Entzweiflung. Es ist eine Jedentagfürsorge, eine Notwendigkeit im Schnellleben, ein Übergehen im Eintauchen. Das Leben als Bindung (als Verband, als Verbindung) ist ein geheimnisvolles Kunststück. Wissen Sie: Wir gehen auf Wasser. Wir sind Wasserläufer. Wir küssen jeden Tag die wahrhaftige Unmöglichkeit des Lebens. Unter uns die Untiefe. Über uns der Himmel: Aus ihm fallen die Schauer. Sie gehen unter. Jeder Tag ist ein Untergang, von knöcheltief bis Tiefseegraben. Ein Untergang, voller Sonne, voller Mond. Wissen Sie: Wir gehen auf Wasser. Wir begehen Unmöglichkeiten. Wir sind dazu imstande, nicht zu verzweifeln. Wir gehen auf Wasser. Wir übergehen unsere Unsicherheiten. Wir gehen auf Wasser. Das ist unser Gehen. Wir gehen nur auf Wasser. Wir sind Gottes wundersame Wesen.

Gerade so stehen wir in einem Leben aus Wasser. Genauso nahe am Untergang, wie am Sog in den Wolkenbruch. Wir sind so wundervoll unwahrscheinlich, hängend an einem durchsichtigen Faden, der ständig im Begriff ist zu reißen: Im Zweifel, in der Unsicherheit, in der Eitelkeit, in der Angst. Wir leben ein Leben aus Wasser. Wir können ertrinken. Wir können trinken. Wir sind Aufgeforderte in einer verunsicherten Welt.

Ich trinke kühlschrankkalten Kaffee. Warm ist mir zu warm. Ich entrolle mein Gemüt und lege das Rauschen weg. Der Atem bleibt langsam. Der Schwerverkehr fährt am Kinderzimmer vorbei. Eine monotone Umfahrung. Wie dieser Verkehr komme ich aus dem Tunnel und trete aus der Haustüre in dieses Leben. Überall ist Wasser.

Johannes Lampert
Johannes Lampert ist bei der Jungen Kirche Vorarlberg.