60 Suizide in Vorarlberg: Was der neue Bericht zeigt

Die Zahl der Suizide ist 2025 leicht gesunken. Der neue Bericht zeigt aber auch, wo Fragen offenbleiben und warum Experten mehr Angebote für Kinder und Jugendliche fordern.
Nachdem es in den letzten Jahren in Vorarlberg – im Gegensatz zum nationalen Geschehen – wieder zu einem „auffallend hohen Anstieg“ bei den Suiziden kam, gingen sie im Jahr 2025 von 64 auf 60 Suizide leicht zurück. 2025 gab es keinen Kindersuizid, aber sechs bei Jugendlichen und Jungen Erwachsenen.
Wertvolle Daten
Mitautor Albert Lingg verwies auf die Bedeutung des jährlichen Suizidberichtes für Vorarlberg. Bereits in den 80er-Jahren habe der Landtag dessen Bedeutung erkannt und den Arbeitskreis für Vorsorge- und Sozialmedizin (aks) mit der Erstellung des Berichtes beauftragt. Vor wenigen Jahren zog die Landesregierung diesen Auftrag zurück. Seither erstellt der aks den Suizidbericht in Eigenregie. Lingg hält es für wichtig, Vorsorgemaßnahmen auf allen Ebenen aufrechtzuerhalten und auf neue Herausforderungen zu reagieren. Eine sichere Datenlage Voraussetzung sei dafür Voraussetzung.
Suizide nach Sterbeverfügung nicht erfasst
Suizide nach Errichtung einer Sterbeverfügung, sogenannte assistierte Suizide, sind in den Daten des aks nicht berücksichtigt. Ihre Erfassung könnte jedoch zusätzliche Erkenntnisse liefern. So bleibt etwa ungeklärt, wie viele „harte“ Suizide möglicherweise durch einen assistierten Suizid vermieden wurden. Die Zahl der assistierten Suizide steigt. Für Lingg stellt “die straffreie Assistenz zum Suizid eine neue Herausforderung für die Suizidprävention an sich dar”. Bei der medialen Berichterstattung fehle es noch an entsprechender Aufklärung zur Suizidprävention bei diesen Menschen, kritisierte Lingg. Als Beispiel verwies er auf die Niederlande, wo die Zahlen drastisch steigen würden, zugleich aber eine stärker werdende Gegenbewegung zu beobachten sei.

Geschlechterverteilung
Kam es 2024 noch zu einem Anstieg bei weiblichen Personen, hat sich das Geschlechterverhältnis wieder den Vorjahren angenähert. Männer sind im langjährigen Schnitt mehr als viermal so häufig betroffen wie Frauen. 2025 nahmen sich in Vorarlberg – ohne die assistierten Suizide – 49 männliche und elf weibliche Personen das Leben. In Tirol oder in Wien ist die Geschlechterverteilung deutlich anders, dort suizidierten sich “nur” leicht mehr als doppelt so viele Männer wie Frauen. Ob dies mit Versorgungsstrukturen oder anderen Parametern zu erklären ist, bleibt offen.
Altersverteilung
Die meisten verzeichneten Suizide in Vorarlberg ereignen sich im mittleren Lebensalter zwischen 45 und 64 Jahren. Bei den über 64-Jährigen liegt Vorarlberg deutlich unter dem österreichweiten Wert. Gründe dafür wurden ebenfalls nicht genannt. Gesellschaftliche und private Versorgungsstrukturen könnten auch hier einen Ansatz zur Erklärung liefern. Bei der Hälfte der Betroffenen lag eine bekannte und dokumentierte psychische Erkrankung vor. Sie könne jedoch nur einen Teil der Suizide erklären.
Suizidmethoden
Die häufigste Art durch Suizid aus dem Leben zu scheiden, bleibt die Strangulation, deutlich vor einem „Sprung in die Tiefe“. Beinahe jeder Zehnte wählte eine Schusswaffe. Bei einer Vielzahl an Suizidversuchen würden Medikamente verwendet, wobei die Rate „erfolgreicher“ Suizide hier sinke, weil zahlreiche, früher als Suizidmittel eingesetzte Psychopharmaka, nicht mehr in Gebrauch oder schwer verfügbar seien. Auch die Notfallversorgung bei Vergiftungen habe sich verbessert.

„Krisensituationen können immer suizidales Verhalten bei Kindern und Jugendlichen auslösen.“
Susanne Bauer
Kinder- und Jugendsuizide
Susanne Bauer ist Kinder- und Jugendpsychiaterin und gewährte einen Blick hinter die Zahlen bei Kindern und Jugendlichen. Dabei müsse bei jedem einzelnen Fall das Einzelschicksal im Auge behalten werden, vor allem auch des Umfeldes. Es gebe immer die Frage bei Angehörigen oder Freunden, ob sie etwas anders machen hätten können. Die Daten zeigten zwar einige Muster, ließen aber keinen Rückschluss auf die Ursachen einzelner Suizide zu. Als Risikofaktoren nannte sie an erster Stelle psychische Erkrankungen vor dem Vorliegen verschiedener psychosozialer Risikofaktoren, wie Mobbing, Isolation und mangelnde Bewältigungsstrategien. Die Sozialen Medien würden es mit sich bringen, dass es bei Mobbing keine Pausen mehr gebe, Cyber-Bullying gewähre keine Ruhephase mehr in einem geschützten Raum, wie es früher noch das Zuhause sein konnte. Bauer: „Krisensituationen können immer suizidales Verhalten bei Kindern und Jugendlichen auslösen.“ Deshalb sei es wichtig, mögliche Frühwarnzeichen zu erkennen. Bauer: „Zeit nehmen, zuhören, professionelle Hilfe aufsuchen und eine suizidgefährdete Person nicht allein lassen, hat erste Priorität.“
„Die straffreie Assistenz zum Suizid stellt eine neue Herausforderung für die Suizidprävention an sich dar.“
Albert Lingg
Mehr Angebote gefordert
Kinder- und Jugendpsychiaterin Susanne Bauer verwies zugleich auf eine erfreuliche Entwicklung: Die „mentale Gesundheit“ werde von Jugendlichen an erster Stelle gereiht, auch die Offenheit, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, sei gestiegen. Das spreche für eine zunehmende Entstigmatisierung, zeige aber auch, dass das Angebot ausgeweitet und entsprechend finanziert werden müsse.
Bauer forderte mehr Ausbildung, neue Ausbildungsformen und zusätzliche Kassenplätze. Im Land gebe es etwa eine Kollegin, die einen Kassenplatz übernehmen würde, wenn einer verfügbar wäre. Derzeit müsse sie als Wahlärztin tätig sein.
Es werde viel in die Pflege älterer Menschen investiert, sagte Bauer. Mehr Unterstützung brauche es aber auch für jene, die diese Pflege künftig leisten müssten: die Kinder und Jugendlichen von heute. Sie plädierte deshalb für mehr und schneller verfügbare psychiatrische Angebote für Kinder und Jugendliche in Vorarlberg.
Kurt Bereuter