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Das Silvrettadorf der Nazis: Zwangsarbeit auf 2000 Metern

09.09.2026 • 10:37 Uhr
Das Silvrettadorf der Nazis: Zwangsarbeit auf 2000 Metern
Das Silvrettadorf in einer historischen Aufnahme zeigt die Anlage zur Zeit der Bauarbeiten auf der Silvretta. volare

Auf der Silvretta wurden Zwangsarbeitskräfte unter extremsten Bedingungen ausgebeutet.

In den 1920er-Jahren entstand in Partenen, am Talende des Montafons, das erste Großkraftwerk der Illwerke und ging 1930 in Betrieb. Schon damals wollten die Kraftwerksbetreiber oberhalb des Vermuntsees ein noch größeres Kraftwerk errichten und auf der Silvretta einen Stausee anlegen. Die Pläne wurden gemeinsam mit dem Vermunt-Kraftwerk in den 20er-Jahren ausgearbeitet, nachdem 1924 die „Vorarlberger Illwerke GmbH“ mit deutscher Beteiligung und dem Land Vorarlberg gegründet wurde. Das Vermuntkraftwerk war das größte Wasserkraftwerk Österreichs und diente auch der Frequenzerhaltung im Verbund mit den deutschen Wärmekraftwerken. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland wurden die nötigen finanziellen Mittel für den Bau eines weiteren Kraftwerkes in Österreich gestoppt, um dort die wirtschaftliche Lage, vor allem die Arbeitslosigkeit, nicht zu verbessern und das Regime der Vaterländischen Front nicht zu unterstützen, pochte es doch auf Eigenständigkeit Österreichs. Michael Kasper vom Vorarlberg museum, der sich jahrelang als Leiter der Montafoner Museen mit der Geschichte des Tales beschäftigte: „Nach dem Einmarsch und dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich, 1938, wurden die fertigen Pläne wieder aus den Schubladen geholt und Mitte des Jahres wurde mit dem Bau des Obervermuntwerks begonnen.“   

Das „Silvrettadorf“ heute, vier Gebäude sind noch recht original erhalten und die kennen viele noch als Unterkunft für die Alpinausbildung beim Bundesheer, ohne die Hintergründe zu kennen.
Das „Silvrettadorf“ heute, vier Gebäude sind noch recht original erhalten und die kennen viele noch als Unterkunft für die Alpinausbildung beim Bundesheer, ohne die Hintergründe zu kennen. Kurt Bereuter

Das „Silvrettadorf“ als NS-Propaganda

Am Beginn stand die Errichtung von Unterkünften für die Arbeitenden auf der Silvretta. Mehrere Baracken, eine Großküche, ein Waschhaus und Latrinenanlagen mussten errichtet werden und bildeten zusammen das „Silvrettadorf“. Die deutsche Propaganda bezeichnete dieses Dorf auf 2000 Metern Seehöhe als höchstgelegenes Dorf des Deutschen Reiches. Anfänglich fanden dort noch Arbeitskräfte von der Vermuntbaustelle, viele Kärntner und Steirer, Beschäftigung oder reguläre Arbeitskräfte aus Deutschland. Bald seien aber auch schon zivile Zwangsverpflichtete aus Deutschland hinzugekommen. Aufgrund der räumlichen Nähe zur Schweiz wurden Wachmannschaften aufgestellt, die die Häftlinge unterschiedlich schlecht behandelt hätten, erzählt Kasper.

Eine gefährliche Baustelle

Auf 2.000 Metern Seehöhe waren die Arbeiten nicht nur mühsam, sondern auch gefährlich. So gab es mehrere Tote und Verletzte auf dieser Ganzjahresbaustelle. Neben den Bautätigkeiten waren auch Stein- und Lawinenabgänge eine stete Bedrohung und forderten ihre Opfer.  

Ein Zwangsarbeiterlager

Ab Kriegsbeginn im September 1939 kamen immer mehr Kriegsgefangene als Zwangsarbeiter in das Silvrettadorf, zuerst Polen und ab dem Überfall auf die Sowjetunion auch (Weiß-)Russen und Ukrainer. Auch Serben und Griechen waren zwangsverpflichtet. Wachmannschaften vor Ort und später auch eine Zaunanlage sollten Fluchtversuche verhindern. Insgesamt waren bis zu 1000 Personen gleichzeitig auf der Baustelle, was für die Baracken einen erheblichen Überbelag bedeutete. Leider sind keine Namen der Zwangsarbeiter erhalten, aber es könne davon ausgegangen werden, dass es mehrere Tausend waren, die hier unter Zwang, Gewalt, mangelhafter Ernährung und Unterbringung und extremsten Bedingungen einer hochalpinen Baustelle arbeiten mussten.  

Tödliche Fluchtversuche

Aufgrund der Nähe zur Schweiz kam es immer wieder zu Fluchtversuchen, die aber meistens scheiterten. Die Flüchtenden waren weder ortskundig noch gut ausgerüstet und mussten in der Nacht ohne Licht oder bei Schlechtwetter auf die Pässe steigen, weil das Deutsche Reich viele Grenzschützer abstellte und für diese die kleinen, oft heute noch vorhandenen Gebäude errichten ließ. So verirrten sich Flüchtende und stürzten ab oder wurden aufgegriffen. Solche, die zu Tode kamen und geborgen wurden, seien im „Dorf“ aufgebahrt worden. Die anderen Zwangsarbeiter mussten zur Abschreckung an ihnen vorbeilaufen, erzählt Michael Kasper: „Überlebende wurden in KZs oder ins Arbeitserziehungslager Reichenau der Gestapo in Innsbruck verbracht.“ Nur ganz wenigen gelang die schwierige und gefährliche Flucht.

Michael Kasper vom Vorarlberg museum
Michael Kasper vom Vorarlberg Museum. Kurt Bereuter

„Die NS-Geschichte des Kraftwerksbaus in der Silvretta ist für Vorarlberg bedeutsam, weil sich hier zentrale Aspekte der nationalsozialistischen Herrschaft zeigen: Zwangsarbeit, die Ausbeutung von Menschen für wirtschaftliche und politische Ziele sowie die enge Verflechtung von Infrastrukturprojekten und Diktatur.“

Michael Kasper, Vorarlberg Museum

Niederschwellige Nutzung und Denkmalschutz

Die Silvretta-Staumauer wurde 1944 fertiggestellt, das Kraftwerk ging nach dem Krieg in Vollbetrieb. Unter französischer Besatzung mussten noch kurze Zeit ehemalige Angehörige der Deutschen Wehrmacht hier Arbeit verrichten. Später wurden die Baracken vom Österreichischen Bundesheer niederschwellig genutzt. Das will heißen, dass zwar Gebäude abgerissen wurden, aber einige blieben erhalten und wurden nur rudimentär umgebaut. Die Bauleiter-Baracke wurde vor Jahren unsachgemäß isoliert und ist dermaßen von Schimmel befallen, dass sie abgerissen werden muss. Unter dem Titel „Schwieriges Erbe“ gibt es Bemühungen die noch intakten Baracken zu erhalten und unter Denkmalschutz zu stellen. Das Verfahren – bei dem der Eigentümer, die Illwerke vkw eine große Bedeutung zukommt – ist am Laufen, damit diesen das Schicksal erspart bleibt und sie weiter als „Schwieriges Erbe“ der NS-Zeit zur Mahnung erhalten bleiben. Kasper: „Die NS-Geschichte des Kraftwerksbaus in der Silvretta ist für Vorarlberg bedeutsam, weil sich hier zentrale Aspekte der nationalsozialistischen Herrschaft zeigen: Zwangsarbeit, die Ausbeutung von Menschen für wirtschaftliche und politische Ziele sowie die enge Verflechtung von Infrastrukturprojekten und Diktatur.“

Kurt Bereuter