Evangeliumkommentar: Heilsam leiten

In unseren wöchentlichen Evangelienkommentaren geben Geistliche, Religionslehrerinnen, Theologinnen und andere ihre Gedanken zum Sonntagsevangelium weiter. Heute mit Erich Baldauf, Pfarrer in Hard und Bibelreferent der Diözese.
In jener Zeit trat Petrus zu Jesus und fragte: Herr, wie oft muss ich meinem Bruder vergeben, wenn er gegen mich sündigt? Bis zu siebenmal? Jesus sagte zu ihm: Ich sage dir nicht: Bis zu siebenmal, sondern bis zu siebzigmal siebenmal. Mit dem Himmelreich ist es deshalb wie mit einem König, der beschloss, von seinen Knechten Rechenschaft zu verlangen. Als er nun mit der Abrechnung begann, brachte man einen zu ihm, der ihm zehntausend Talente schuldig war. Weil er aber das Geld nicht zurückzahlen konnte, befahl der Herr, ihn mit Frau und Kindern und allem, was er besaß, zu verkaufen und so die Schuld zu begleichen. Da fiel der Knecht vor ihm auf die Knie und bat: Hab Geduld mit mir! Ich werde dir alles zurückzahlen. Der Herr des Knechtes hatte Mitleid, ließ ihn gehen und schenkte ihm die Schuld. Als nun der Knecht hinausging, traf er einen Mitknecht, der ihm hundert Denáre schuldig war. Er packte ihn, würgte ihn und sagte: Bezahl, was du schuldig bist! Da fiel der Mitknecht vor ihm nieder und flehte: Hab Geduld mit mir! Ich werde es dir zurückzahlen. Er aber wollte nicht, sondern ging weg und ließ ihn ins Gefängnis werfen, bis er die Schuld bezahlt habe. Als die Mitknechte das sahen, waren sie sehr betrübt; sie gingen zu ihrem Herrn und berichteten ihm alles, was geschehen war. Da ließ ihn sein Herr rufen und sagte zu ihm: Du elender Knecht! Deine ganze Schuld habe ich dir erlassen, weil du mich angefleht hast. Hättest nicht auch du mit deinem Mitknecht Erbarmen haben müssen, so wie ich mit dir Erbarmen hatte? Und in seinem Zorn übergab ihn der Herr den Peinigern, bis er die ganze Schuld bezahlt habe. Ebenso wird mein himmlischer Vater euch behandeln, wenn nicht jeder seinem Bruder von Herzen vergibt. Matthäus 18,21-35
Letzten Sonntag zeichnete Jesus einen Weg, wie Konflikte möglichst gut gelöst werden. Der erste Schritt ist ein Vieraugengespräch. Sollte dies keine Lösung bringen, nimm ein oder zwei Zeugen dazu. Sollte auch dies erfolglos bleiben, trage den Fall vor die Gemeinde. Kann auch die Gemeinde nichts beitragen, dann meide man die Person. Ein aufreibender Dauerkonflikt soll vermieden werden. Es ist anzuerkennen, dass mancher Konflikt auch bei bestem Willen nicht zu lösen ist. Das Evangelium geht heute auf einen besonderen Aspekt ein. Es betrifft das Leitungsamt. Petrus und nicht irgendeine Person auf der Straße stellt an Jesus die Frage: Wie oft muss ich vergeben? Siebenmal? Menschen, die eine leitende Aufgabe wie Petrus innehaben, stehen im Schussfeld von Kritik, Anfeindungen und Auseinandersetzungen. Ihnen bläst oft Wut, Zorn und Hass entgegen. Petrus fragt: Wie oft muss ich vergeben? Das Evangelium macht deutlich, wie sehr die Leitungsaufgabe – bzw. Nachfolge Jesu – mit Versöhnungsarbeit verbunden ist. Solange Menschen ernsthaft Besserung zusagen, bleibe versöhnungsbereit: siebenundsiebzigmal! Menschen, die unversöhnlich, womöglich erpresserisch agieren, taugen nicht für Leitungsaufgaben. Menschen dagegen, die ihre Aufgaben – und mögen sie unbedeutend erscheinen – versöhnungsbereit leben, werden zu heilsam leitenden Personen von Gruppen, Familien, Betrieben, Organisationen. Sie sind die „Petruse“ und „Petras“ – Fels, auf dem eine lebendige Gemeinschaft gründet – oder eben erst gründen kann. Es folgt darauf das Gleichnis vom König mit den Dienern. Für mich Hinweis auf einen häufigen Denkfehler bei Menschen. Die Schuld anderer erscheint ihnen immer größer als die eigene zu sein. Versöhnung ist Arbeit, vor allem Arbeit an sich selbst.
