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Darum malt dieser Vorarlberger Künstler mit menschlichem Blut

17.09.2026 • 14:39 Uhr
Darum malt dieser Vorarlberger Künstler mit menschlichem Blut
Mona Blenke und Michale Salvadori vor dem Kunstwerk während Dieter Hinteregger aus dem Fenster schaut. Hartinger

Eine Blutspende für die Kunst: Mona Blenke gab ihr Blut für Michael Salvadoris „Zeitarbeit“. Das Bild über Vergänglichkeit hängt nun am Hohenemser Emsbach

Wo echtes Blut in der Kunst zu sehen ist, liegt der Gedanke an Gewalt oft nahe. Aktionkünstler wie Hermann Nitsch prägten diese Assoziation nachhaltig. Michael Salvadoris Zugang ist aber ein anderer. Sein 100 mal 150 Zentimeter großes Bild zeigt einen Blumenstrauß; um ihn herum kreisen geflügelte Augäpfel. Es sind „Augenblicke“, die das Geschehen buchstäblich umschwirren. „Das ist genau das Gegenteil gewaltvoll. Es ist etwas Langsames, etwas Ruhiges“, so Salvadori über seine Arbeit.

Memento Mori statt Schockmoment

86 Stunden hat der Künstler daran gearbeitet. Die Blumen stehen für Leben, Schönheit und Wachstum, zugleich aber für deren Endlichkeit. Sie blühen auf, sie verwelken. Die Augen wiederum verweisen auf jene kurzen Momente, aus denen ein Leben besteht. „Die Vergänglichkeit wird von den Augenblicken quasi umschwirrt“, beschreibt Salvadori die Bildidee.

Darum malt dieser Vorarlberger Künstler mit menschlichem Blut
Künstler mit seinem Kunstwerk. Hartinger

Die Blumen sind für ihn dabei kein dekoratives Motiv. Es verbindet im Bild die Schönheit des Augenblicks mit der Gewissheit, dass jede Blüte ihr Ende schon in sich trägt.

Vergänglichkeit

Der Ausgangspunkt war eine Anfrage des Kurators Günter Blenke, Vater von Mona Blenke. Er wünschte sich für die Kunstplattform am Emsbach eine Position, die sich mit Vergänglichkeit beschäftigt. Salvadori hatte zuvor bereits ein Bild mit vielen Augen ausgestellt. Aus diesem Motiv und dem Begriff „Augenblicke“ entwickelte sich nach und nach das heutige Kunstwerk in Hohenems.

Darum malt dieser Vorarlberger Künstler mit menschlichem Blut
Michael Salvadori und Blutspenderin Mona Blenke im Gespräch mit der NEUE. Hartinger

Besondere Aufmerksamkeit zieht das verwendete Material auf sich. Für die farbigen Teile des Bildes verwendete Salvadori menschliches Blut, für die übrigen schwarze Aquarellfarbe. Der Künstler setzte das Blut allerdings nicht als flüssige Spur oder als Effekt der Provokation ein. „Ich habe das Blut getrocknet und mit einem Pinsel wie Aquarellfarbe verwendet“, erklärt er. Dadurch erhält das Material eine andere Präsenz: Es bleibt sichtbar, ohne die Darstellung zu dominieren. Dementsprechend war auch die Gewinnung des Lebenssaftes äußerst zivilisiert. Mona Blenke, offiziell „Seelenverwandte“ des Künstlers, war kurz bevor die Arbeit am Bild begann, bei einer Blutnahme beim Arzt. Dort wurde ihr für das Projekt zwei zusätzliche Ampullen abgenommen, welche sie dann mitnehmen durfte.

Darum malt dieser Vorarlberger Künstler mit menschlichem Blut
“Zeitarbeit” etwas näher betrachtet. Hartinger
Darum malt dieser Vorarlberger Künstler mit menschlichem Blut
86 Stunden Arbeit stecken hinter dem Bild. Hartinger

Für Salvadori gehört Blut untrennbar zum Thema. Vergänglichkeit könne vieles meinen, sagt er, werde von Menschen aber meist auf die eigene Sterblichkeit bezogen. Das Blut macht diese Verbindung körperlich und konkret. Zugleich wahrt das Bild jene Ruhe, die der Künstler sucht. Es geht nicht um das Spektakel des Verletzten, sondern um einen Stoff, der Leben bedeutet und sich selbst verändert.

Löslich

Denn sowohl die schwarze Farbe als auch das Blut sind wasserlöslich. „Das Bild wird durch Regen, Wind und Wetter langsam weitervergehen“, erklärt Salvadori. Mit der Hängung im Freien gibt er zudem einen Teil der Kontrolle ab. Der Ort ist nicht bloß Kulisse, sondern greift in die Arbeit ein. Das Publikum sieht daher keine unveränderliche Momentaufnahme. Jeder Niederschlag, jede feuchte Nacht und jeder sonnige Tag können Spuren hinterlassen. Was bei einer Ausstellung üblicherweise als Schaden gelten würde, ist hier Teil des Konzepts.

Darum malt dieser Vorarlberger Künstler mit menschlichem Blut
Salvadori und Blenke bezeichnen sich als “Seelenverwandte”. Hartinger

Mona Blenke betont, wie ungewöhnlich diese Bereitschaft ist. „Wenn man viele Stunden in ein Kunstobjekt hineinsteckt, ist es nicht selbstverständlich, es den Kräften auszusetzen“, sagt sie. Gerade weil Salvadori 86 Stunden investiert habe, werde sichtbar, dass der Verlust nicht nur einkalkuliert sei, sondern zur künstlerischen Aussage gehört. „Das Bild ist erst fertig, wenn die Ausstellungsdauer vorbei ist“, so Salvadori.

Und doch verewigt

Darin liegt auch ein Widerspruch, der das Projekt trägt. Nach Ende der Ausstellung soll das, was vom Bild noch vorhanden ist, mit Klarlack versiegelt werden. Die Veränderung würde also nicht endlos fortgesetzt, sondern in einem letzten Zustand angehalten. Der flüchtige Augenblick soll bewahrt werden, obwohl er längst vergangen ist.

Wer „Zeitarbeit“ besucht, sollte deshalb wiederkommen. . Bis 20. November ist die Arbeit bei ein m2 Kunst am Hohenemser Emsbach zu sehen.