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Vier Vorarlberger Muslimas sprechen über eine Debatte, die sie selbst betrifft

02.10.2026 • 18:12 Uhr
Vier Vorarlberger Muslimas sprechen über eine Debatte, die sie selbst betrifft

Vier Muslimas erzählen der NEUE, welche Bedeutung das Kopftuch für sie hat und wie sie das neue Verbot an Schulen beurteilen.

Das neue Kopftuchverbot an Österreichs Schulen sorgt weiter für Diskussionen. Seit Beginn des Schuljahres 2026/27 dürfen Schülerinnen bis zu ihrem 14. Geburtstag an öffentlichen und privaten Schulen kein Kopftuch tragen, das „das Haupt nach islamischen Traditionen verhüllt“. Die Bundesregierung begründet die Regelung mit Kinderschutz sowie der Selbstbestimmung, Gleichberechtigung und Sichtbarkeit von Mädchen.

Frage nach Neutralität

Gerade weil das Gesetz ausdrücklich eine Kopfbedeckung nach islamischer Tradition betrifft, entzündet sich daran die Frage nach staatlicher Neutralität und Religionsfreiheit. Während Befürworterinnen und Befürworter ein freieres Aufwachsen ohne familiären oder gesellschaftlichen Druck erwarten, warnen Kritikerinnen und Kritiker vor Ausgrenzung und einer Ungleichbehandlung muslimischer Mädchen. Die Debatte hat in den vergangenen Monaten viel mediale Aufmerksamkeit erfahren und wird weit über den schulischen Alltag hinaus geführt.

Schwieriges Thema

Auch die Recherche zu diesem Schwerpunkt zeigt, wie sensibel das Thema ist: Die NEUE fragte bei mehreren Stellen nach Frauen, die selbst Kopftuch tragen und mit der Redaktion darüber sprechen möchten. Mehrfach erhielt die Redaktion Absagen. Begründet wurde dies damit, dass die gesellschaftliche Debatte nicht noch weiter angeheizt werden solle. Vier Vorarlbergerinnen erklärten sich schließlich bereit, ihre persönlichen Erfahrungen und Einschätzungen zu teilen.

Vier Vorarlberger Muslimas sprechen über eine Debatte, die sie selbst betrifft

Der frühere Politiker Halil Calim, der selbst Muslim ist, mahnt zu einer differenzierten Betrachtung. Religiöses Leben sei aus seiner familiären und gesellschaftlichen Erfahrung Ausdruck persönlicher Überzeugung und dürfe nicht pauschal mit Zwang gleichgesetzt werden. Den Schutz von Kindern, ihre freie Entwicklung und gleiche Teilhabechancen bezeichnet er als unverrückbar. Gleichzeitig warnt er, pauschale Verbote könnten neue Spannungen und Ausgrenzung auslösen. „Gesellschaftlicher Zusammenhalt entsteht dort, wo Menschen sich nicht gegeneinander behaupten müssen, sondern einander mit Respekt und Vertrauen begegnen“, sagt Calim.

Direkt nachgefragt

Die NEUE hat mit vier Hijabis, also Frauen, die ein Kopftuch tragen, gesprochen. Sie wurden gefragt, welche persönliche Bedeutung das Kopftuch für sie hat, wie sie zum neuen Verbot stehen und wie sie religiöse Symbole an Schulen grundsätzlich beurteilen. Dabei geht es auch um die Frage, wie damit umzugehen ist, dass in vielen Klassenzimmern ein christliches Kreuz an der Wand hängt.

Vier Vorarlberger Muslimas sprechen über eine Debatte, die sie selbst betrifft

Für mich steht das Kopftuch für Selbstbestimmung und Selbstbewusstsein. Frauen werden in der Gesellschaft oft nach ihrem Aussehen beurteilt, im Alltag genauso wie in den sozialen Medien. Das betrifft nicht nur muslimische Frauen. Mit dem Kopftuch entscheide ich selbst, wie viel ich von mir zeigen möchte. Für mich ist das keine Einschränkung, sondern Freiheit. Ich begann mit 15 Jahren, ein Kopftuch zu tragen. Rückblickend war das eine der besten Entscheidungen meines Lebens. Mein Aussehen sagt nichts über mein Wissen, meine Fähigkeiten oder mein Talent aus. Das Kopftuch ist Teil meiner Identität und ohne es würde ich mich nicht vollständig fühlen. Auch mein Glaube und die Werte, mit denen ich aufgewachsen bin, gehören zu mir. Mit dem Verbot geht es mir nicht gut. Es schränkt die Religionsfreiheit ein. Jedes Kind sollte sich in der Schule sicher und angenommen fühlen. Wenn muslimische Mädchen wegen ihrer Kleidung oder ihres Glaubens ausgeschlossen werden, bewirkt das Verbot genau das Gegenteil. Wie sollen sie sich auf den Unterricht konzentrieren, wenn sie sich ausgegrenzt fühlen? Ich frage mich auch, wie man einem muslimischen Mädchen erklären soll, dass es etwas ablegen muss, von dem es überzeugt ist – noch bevor es die Schule betritt. Für mich gibt es dafür keine kinderfreundliche oder pädagogisch überzeugende Erklärung. Die Debatte sollte von gelebter Toleranz und Vielfalt geprägt sein – gerade dort, wo Kinder und Jugendliche zusammenkommen. Ich arbeite berufsbegleitend in einem Kindergarten und mache eine Ausbildung zur pädagogischen Fachkraft. Ich gebe mir viel Mühe, meinen Weg zu gehen und mich in die Gesellschaft einzubringen. Wenn es irgendwann heißt, ich könne nur dann in einem bestimmten Beruf arbeiten, wenn ich mein Kopftuch ablege, frage ich mich: Warum sollte ich mich entscheiden müssen? Das Kopftuch sagt wenig aus, wer ich als Mensch bin. Ich möchte als Person wahrgenommen werden, nicht auf meine Kleidung reduziert werden.

Nisanur Kaplan, AIF Frauenjugendorganisation
Vier Vorarlberger Muslimas sprechen über eine Debatte, die sie selbst betrifft

Für mich ist das Kopftuch Ausdruck meines Glaubens und eine ganz persönliche Entscheidung. Ich selbst habe Religion nie als Zwang erlebt, sondern als etwas, das aus eigener Überzeugung und freiwillig gelebt wird. Als Frau und Mutter ist mir besonders wichtig, dass bei dieser Diskussion das Kindeswohl im Mittelpunkt steht. Kinder sollen weder zu etwas gezwungen werden noch das Gefühl bekommen, sich für ihren Glauben rechtfertigen zu müssen. Deshalb sehe ich das Verbot mit Sorge, denn eine Regelung, die Kinder schützen möchte, sollte sie nicht gleichzeitig in neue innere Konflikte bringen. Für mich bedeutet Kindeswohl deshalb vor allem, Kinder zu stärken, ihnen zuzuhören und ihre individuelle Entwicklung mit Vertrauen zu begleiten.

Tuba Calim, Pädagogin
Vier Vorarlberger Muslimas sprechen über eine Debatte, die sie selbst betrifft

Das Kopftuch ist für mich ein persönliches Symbol meines Glaubens. Ich trage es aus eigener Überzeugung, meine Familie hat mich nicht dazu gedrängt. Meine beiden Schwestern tragen kein Kopftuch; ich bin die Einzige in meiner Familie. Auch meine Tochter würde ich nicht dazu zwingen. Sie soll ihre Religion selbst kennenlernen und später selbst entscheiden, wie sie leben möchte.
Ich war 14 Jahre alt, als ich mich entschied, ein Kopftuch zu tragen. Meine Eltern fragten mich damals, ob ich mir sicher sei, denn es ist kein leichter Schritt. Mit der Zeit hatte ich meinen Glauben besser kennengelernt und verstanden, dass das Kopftuch für mich dazugehört. In der aktuellen Debatte wird oft gesagt, Eltern würden ihre Kinder zum Kopftuch zwingen. Das mag in einzelnen Fällen vorkommen. Hier muss man an individuellen Lösungen arbeiten, da ein Zwang ebenso falsch ist. Es ist unfair und verletzend, alle über einen Kamm zu scheren. Kinder sollten ihre Religion und ihre Kleidung selbstbestimmt leben dürfen, ohne Zwang und Verbote.
Ich bin 31 Jahre alt und arbeite als Sachbearbeiterin im Büro. In meinem Umfeld war das Kopftuch bisher kein großes Problem. Trotzdem merke ich, dass das Verbot und die Debatte darüber auch außerhalb der Schule etwas verändern: Menschen schauen andere komisch an, unabhängig davon, wie alt sie sind. Ich mache mir Sorgen, dass Kinder wegen ihres Kopftuchs von Freundinnen und Freunden ausgegrenzt werden könnten.
Allgemein stören mich religiöse Symbole in der Schule nicht. Mein Kind geht in die Volksschule und in seinem Klassenzimmer hängt ein Kreuz. Das ist für mich in Ordnung. Mein Kind besucht zusätzlich den islamischen Religionsunterricht. Über solche Symbole sollte man sprechen und sie erklären können, statt sie zum Problem zu machen. Das Kopftuch gehört für manche Kinder und Frauen zum Glauben und zu ihrer Identität. Sie sollten so leben können, wie sie möchten. Das sollte weder in der Schule noch im Berufsleben ein Problem sein.

Selda Avci, AIF Frauenjugendorganisation
Vier Vorarlberger Muslimas sprechen über eine Debatte, die sie selbst betrifft

Das Kopftuch ist ein Teil meiner Religion. Mit der Zeit ist es auch zu einem Teil von mir geworden. Ich kann mir kaum vorstellen, ohne Kopftuch zu sein, weil es zu meiner Identität gehört.
Die Entscheidung, ein Kopftuch zu tragen, trifft man nicht über Nacht. Bei mir hat es lange gedauert. Ich habe viel gelesen und recherchiert und auch mit Frauen gesprochen, die ein Kopftuch tragen. Irgendwann habe ich mich bereit gefühlt. An einem Freitagabend sagte ich meinen Eltern, dass ich ab der nächsten Woche ein Kopftuch tragen möchte. Sie fragten mich, ob ich mir sicher sei. Ich war es.
Meine Eltern hätten mich auch ohne Kopftuch unterstützt und geliebt. Ich fühle mich mit und ohne Kopftuch wertvoll. Aber das Tragen war meine persönliche Entscheidung, zu der ich aus voller Überzeugung stehe. Wer ein Kopftuch tragen möchte, sollte sich dafür entscheiden dürfen. Wer es nicht tragen möchte, sollte das ebenso selbst entscheiden dürfen.
Das Kopftuchverbot sehe ich sehr kritisch. Es trifft besonders jene, die ohnehin wenig Macht haben: die Kinder. Auch 13- und 14-Jährige sind noch Kinder. Für sie kann das Verbot sehr belastend sein. Stell dir vor, du gehst in ein Klassenzimmer, setzt dich hin und bekommst sinngemäß vermittelt: „So, wie du bist, gehörst du nicht zu uns.“ Das ist eine schwierige Botschaft für ein Kind, das ein Tuch auf dem Kopf trägt. In diesem Alter sollten sich die Kinder auf die Schule konzentrieren können. Gerade gegen Ende der Mittelschule müssen sie sich Gedanken über ihre weitere Ausbildung und ihre Zukunft machen. Stattdessen beschäftigen sie sich mit einem gesetzlichen Verbot. Das finde ich schade. Mir geht es darum, dass Kinder mit unterschiedlichen Religionen sich in der Schule willkommen fühlen. Ein Kreuz kann im Klassenzimmer hängen und ein Kind soll zugleich ein Kopftuch tragen dürfen – ohne Einschränkungen.
Auch die Kleidung der Kinder sollte nicht zum Gegenstand politischer Einmischung werden. Wenn Politikerinnen und Politiker vorschreiben wollten, dass Kinder nicht bauchfrei zur Schule kommen dürfen, würden viele Eltern fragen, warum der Staat über die Kleidung ihrer Kinder entscheiden sollte. Beim Kopftuch sehe ich es genauso: Die Kinder sollten selbst entscheiden dürfen, was sie tragen.

Yaren Tas, AIF Frauenjugendorganisation