Bus Oskar fährt– und lernt noch

Noch sitzen Techniker und ein Safety-Driver an Bord. Orange Markierungen und Tempolimits zeigen, wie vorsichtig der automatisierte Linienbetrieb beginnt. Die NEUE war vor Ort.
Rund um das Wolfurter Industriegebiet stehen derzeit Warnschilder, an denen ein Zettel mit dem Hinweis „Langsam fahrender Bus“ hängt. Am Straßenrand zieht sich oranges Klebeband entlang; an provisorischen Haltestellen ist es stellenweise zu Vierecken geklebt. Dafür verantwortlich ist „Oskar“.

Der kleine Bus ist ein Prototyp des türkischen Herstellers Otokar. Seit Montag fährt er in Wolfurt auf seiner ersten eigenen Linie als selbstfahrender Bus der ÖBB. Am zweiten Betriebstag pendelt er zwischen Bahnhof und Betriebsgebiet Campus Wolfurt, eine rund vier Kilometer lange Rundstrecke mit sieben Haltestellen. Der Einstieg ist vorerst kostenlos, Platz gibt es für bis zu 32 Fahrgäste. Die Verbindung soll Arbeitsplätze im Gewerbegebiet besser an den Bahnhof anbinden. Gasser-Mair, Pressesprecher der ÖBB für Vorarlberg und Tirol, erklärt: „Dieses überschaubare Gebiet eigne sich gut, um mit der Technologie Erfahrungen zu sammeln.“


(Fast) Selbstfahrend
Auf dem Haltestellenschild der Linie AS 139 steht: SAE-Level 4. Die Skala der Society of Automotive Engineers beschreibt sechs Stufen. Level 0 bedeutet keine Automatisierung. Bei Level 1 unterstützt das Fahrzeug entweder beim Lenken oder bei der Längsführung. Auf Level 4 bewältigt es die Fahraufgabe innerhalb eines festgelegten Einsatzbereichs selbstständig; eine menschliche Übernahme ist dort nicht als Rückfallebene vorgesehen. Level 5 wäre die vollständige Automatisierung unter allen Bedingungen. „Oskar“ ist also technisch weit fortgeschritten – doch Level 4 heißt nicht, dass er überall und ohne Personal unterwegs sein darf. Die SAE-Level beschreiben die Aufgabenverteilung zwischen Mensch und System, nicht die rechtliche Genehmigung.

Langsames Herantasten
Der allgemeine fahrerlose Linienbetrieb ist in Österreich noch nicht freigegeben. Automatisierte Personenfahrzeuge dürfen nur in bestimmten, geregelten Testfällen und auf einer vordefinierten Strecke oder in einem Testgebiet eingesetzt werden. Ein geschulter Lenker muss an seinem Platz bleiben und die Steuerung bei Bedarf übernehmen können. Dass „Oskar“ nach Fahrplan fährt, ist daher kein Freibrief für autonomes Fahren.
Vieles, was entlang der Strecke der AS 139 auffällt, ist laut Gasser-Mair für die Technik nicht nötig. Die orangen Streifen bringen dem Bus bei der Orientierung nichts. Ihre Anbringung sei aber eine Vorgabe des Ministeriums. „Man macht vielleicht mehr, als sein muss, aber man geht einfach auf Nummer sicher“, erklärt Gasser-Mair.

Auch die Geschwindigkeit ist begrenzt: Im autonomen Betrieb könnte „Oskar“ bis zu 30 km/h fahren, manuell bis zu 80 möglich. Doch die 30 sind nicht überall erlaubt. Ein Sachverständiger habe für einzelne Abschnitte – etwa bei einem Betriebsareal – höchstens zehn km/h festgelegt.
Frage der Kalibrierung
Die Grenzen sind nicht nur behördlich. Techniker von Otokar fahren derzeit noch mit, um den Bus während der Fahrten weiter zu kalibrieren. „Oskar“ ist genau auf diese Strecke programmiert. Zusätzlich sitzt ein Safety-Driver am Lenkrad und kann in kritischen Situationen eingreifen. Bei der Mitfahrt der NEUE kamen in einem Seitenweg zwei Personen dem Bus entgegen, ein Moment, als der Safety-Driver auch das Lenkrad übernahm. Derzeit sind bereits 29 Buslenker als Safety-Driver geschult worden. Für „Oskar“ selbst sind ein Früh- und ein Spätdienst vorgesehen; weitere Strecken sind bereits geplant.

Langfristig soll der Bus ohne Personal an Bord auskommen. Gasser-Mair kann sich vorstellen, mehrere Fahrzeuge von einer Leitstelle aus der Ferne zu überwachen und bei Bedarf zu unterstützen. Dafür braucht es allerdings erst eine passende rechtliche Grundlage.

Am zweiten Betriebstag sind auch Markus Forte und Michael Nosko zugestiegen, zwei Arbeiter aus der Umgebung. Sie hätten die Testfahrten zuvor beobachtet und seien nun aus Neugier mitgefahren. Ihr Urteil: ein gutes und interessantes Erlebnis, auch wenn die Fahrt teils leicht holprig sei. Die ÖBB erklärt, dass „Oskar“ von entgegenkommenden Autos irritieren lasse und deshalb manchmal vorsichtig abbremse. Somit gehören Mitfahren, Beobachten und Nachjustieren noch zum Alltag auf der Wolfurter Runde.
