Warum Gewaltverherrlichung ein zentrales Problem in Serbien ist

Serbien unter Schock: Binnen weniger Tage ist es zu zwei Amokläufen gekommen. Erst gestern erschoss ein Mann nahe Belgrad acht Menschen. Währenddessen bejubeln andere Jugendliche den 13-jährigen Amokläufer im Netz.
Gibt es einen Stichtag für die Kindheit? Die Schülerinnen und Schüler der Belgrader Vladislav-Ribnikar-Volksschule wurden in nur einem Tag von Kindern zu Opfern oder Überlebenden gemacht. Am Mittwochmorgen schießt ein 13-Jähriger zuerst auf seine Lehrerin, dann in die Menge. Er trifft einen Wachmann und verletzt ihn tödlich. Acht Kinder sterben. Die Lehrerin und andere Mitschüler schweben teils in Lebensgefahr.
Nur einen Tag später schoss Donnerstagabend ein Mann mit einem Schnellfeuergewehr auf eine Menschengruppe im Dorf Dubona, 50 Kilometer südöstlich von Belgrad. Acht Menschen wurden getötet. 13 weitere Personen wurden verletzt.
Fotos und Videos tauchen auf
Nach den Taten tauchen Fotos und Videos in sozialen Netzwerken auf. “Du bist ein Held”, schreibt ein Mädchen und setzt ein Herz am Ende des Satzes. Daneben ist das Bild eines Jungen zu sehen, es wirkt wie eines dieser alljährlichen Schulporträts. Gerader Blick, sanftes Lächeln. Er trägt einen hellgrünen Kapuzenpullover, die Haare fallen ihm leicht ins Gesicht. Es ist der 13-jährige Schütze. Jugendliche in Serbien feiern ihn im Netz, stellen Videos der brutalen Tat im Klassenzimmer nach.
Kriegsverbrecher dienen der Unterhaltung
Die Verherrlichung von Gewalt und Verbrechen ist ein allgegenwärtiges Phänomen. In der Deutsch-Rap-Szene haben Kriminelle längst Kultstatus erlangt. Zuletzt feierte der Rapper Xatar einen großen Kinoerfolg mit seiner Biografie-Verfilmung “Rheingold”, die das Leben des Rappers im Gefängnis zeigt, nachdem er 2009 mit drei Komplizen als Polizisten und Steuerfahnder verkleidet einen Geldtransporter überfallen hatte.
In Serbien hat die Glorifizierung von Kriminellen ein weitaus stärkeres Ausmaß, wie der Balkan-Experte Florian Bieber erklärt: “Das größte Problem ist, dass es kaum Gegenstimmen gibt. Es gilt das Gesetz des Stärkeren und Schutzmechanismen gegenüber den Schwächeren sind in der Gesellschaft kaum vorhanden.” Das sei laut Bieber mitunter ein Grund dafür, warum es an serbischen Schulen häufig zu Mobbingattacken kommt.
Keine kritischen Gegenstimmen vorhanden
Die Wurzeln dieser Gewaltverherrlichung liegen wie so oft in der Politik, betont der Experte. “Wer sich kritisch über die Verherrlichung von Kriegsverbrechern, Hooligans und Kriminellen äußert, wird von der Regierung mundtot gemacht.” So hat laut Bieber der serbische Präsident Aleksandar Vučić selbst Verbindungen in die Unterwelt und kontrolliert gleichzeitig den Großteil der medialen Landschaft, die völlig ungehemmt Gewalt ausstrahlt. “Kriegsverbrecher in Talkshows oder Hooligans im Reality-TV dienen dort der Unterhaltung und werden nicht als Problem gesehen.” So ist zum Beispiel der nationalistische Ex-Politiker und Gründer der rechtsextremen Serbischen Radikalen Partei (SRS) Vojislav Šešelj regelmäßiger Gast im regierungsnahen Sender Happy-TV. Auch im Falle des 13-jährigen Amokläufers ist die Tat für einige Jugendliche zur Unterhaltung geworden.
Das führe häufig dazu, dass in der Gesellschaft keine klaren Grenzen vorhanden sind, “was akzeptabel ist und was nicht”, sagt Bieber. Trotz der Tatsache, dass es in Serbien so viele Waffen gibt, wie in keinem anderen europäischen Land, sind Massenschießereien und Amokläufe aber eine Art der Gewalt, die in Anbetracht dessen nur selten vorkommt. Vielmehr sind die vielen Femizide ein Problem (im Jahr 2021 wurden laut Amnesty International 30 Frauen getötet). Aber auch das Handeln der Paramilitärs, das seitens der Regierung nicht kritisch betrachtet wird, trägt zur Gewaltverherrlichung im Land bei.
Nach Amoklauf: Weitere Attacke in Belgrader Schule
Einen Tag nach dem Amoklauf kam es in Belgrad zu einer weiteren Attacke in einer Schule. Medienberichten zufolge soll eine ehemalige 15-jährige Schülerin des Ruđer-Bošković-Gymnasiums mit einem Messer auf einen Schüler (15) eingestochen und eine Lehrerin verletzt haben.
In Bihać, Bosnien-Herzegowina, hat ein ehemaliger Schüler der Mittelschule am Donnerstag angekündigt “genau so ein Massaker” an seiner Schule seit Längerem zu planen. Er wurde festgenommen. Am Freitag schoss in einem serbischen Dorf ein Mann aus seinem Auto und tötete acht Menschen.
Der 13-jährige Amokschütze aus Belgrad hatte eine Liste vorbereitet mit den Namen jener Menschen, die er an diesem Tag erschießen wollte. Er wurde festgenommen und bis auf Weiteres in einer psychiatrischen Klinik untergebracht.