Ein direkter Zugang zur Welt

Die Ausstellung „Graphische Zeichen der Zeit“ im Rohnerhaus zeigt wie vielfältig und expressiv grafische Kunst ist.
Die U.S.-amerikanische Lyrikerin Amanda Gorman (Jahrgang 1998) hat sich bei der Amtseinführung von Joe Biden unauslöschlich in das Gedächtnis des medialen Weltbewusstseins eingeschrieben.
Bemerkenswert ist, dass die junge Dichterin angibt, ihre lyrischen Texte nicht am Computer zu tippen, sondern von Hand aufs Papier zu bringen. Die Unmittelbarkeit des Einfalls kommt so schlagender zur Geltung als an jedem Laptop oder Smartphone. Die Zeichnung hat im Verhältnis zum Gemälde, so wie das Gedicht im Verhältnis zum Roman, einen direkten, spontanen Zugang zur Welt.
Dazu schreibt Alwin Rohner, der nicht nur Kunstsammler, sondern auch so etwas – komischerweise altmodisch klingendes – wie ein Volksbildner ist: „Die heute vernachlässigte Zeichenkunst in den hohen Schulen kann nicht durch andere Lernformen wie Fotografie, EDV usw. mechanisiert werden. Denn die Seele einer persönlichen Handzeichnung, dem Aquarell, einer Radierung der Natur abgeleitet, ist eine unumgängliche Voraussetzung, um neue, gute und spannende Kunst voranzutreiben.“
Herausragende Qualität
Vor 73.000 Jahren zeichneten die Menschen bereits in heute nicht einholbarer Qualität. Die ersten Schriften waren auch Bildzeichen. Es ist schon sensationell wie hoch die Qualität der grafischen Arbeiten ist, die Alwin Rohner vor allem aus seiner legendären Privatsammlung, aber auch vereinzelt von Leihgebern zusammengetragen hat. Diese Art von Ausstellung von Grafiken war die ganzen letzten 20 Jahre in Vorarlberg nicht zu sehen, ist Alwin Rohner überzeugt.
Da ist Rudolf Wacker mit einer Vorstudie für seine verwunschenen Winkel oder mit einem erstklassigen Akt. Auch eine an der Stammeskunst Afrikas geschultes Bild von Wacker ist präsent – aus der Berliner Zeit, in der Wacker täglich ins Völkerkundemuseum ging und sich die Expressivität der außereuropäischen Kulturen zu eigen machte. Da ist Edmund Kalb mit vier Porträts. Ein ikonisches Selbstbildnis macht die große Bedeutung des unter den gewalttätigen Dornbirnern der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gelittenen, verkannten Künstlers deutlich.
Tone Finks Frühwerke
Da ist immer wieder Tone Fink, und zwar das Frühwerk. Das ist zu einem dem geschuldet, dass Alwin Rohner früh die Wichtigkeit von Tone Fink erkannt hat und eben sehr früh Hauptwerke relativ günstig erstehen konnte. Andererseits wird aber auch deutlich, dass Tone Fink gerade in seinem noch sehr an der Natur geschulten Frühwerk eigentlich Bleibenderes geschaffen hat als im kostspieligeren, abstrakteren, späteren Arbeiten. Allein die Arbeit „Grauenvolle Absicherung“ ist ein schrecklich berührendes Zeitzeugnis für den Schießbefehl an der Berliner Mauer von 1961 bis 1989.
„Grafik ist alles auf Papier“, so das Credo von Alwin Rohner – ob Zeichnung, Radierung, Holzschnitt oder Studie. Ein wunderbarer Probedruck von Leopold Fetz, der eine Herde Kühe zeigt und als Schenkung an die Familie Rohner gegangen ist, ebenso wertvoll wie ein Kummenberg-Durchstich von Armin Pramstaller. Auch Fritz Pfister ist durch eine erstklassige kubistisch-farbintensive Zeichnung vertreten, genau wie Karl Stark durch einen überzeugenden Rückenakt in Farbe gefällt.
Die erst kürzlich verstorbene Irmengard Schöpf ist mit einer bedrückenden Arbeit über das Haus „Wiesengrund“ in Tirol vertreten, in dem in der NS-Zeit abscheulich böse Versuche an Kindern durchgeführt wurden. Über die Zeichnung hat sie die programmatischen Worte geschrieben „Wichtig ist: Ausharren“. Irmgard Schöpf lebte wie Albert Schweitzer 15 Jahre in Afrika, wo sie im Busch ein Spital eröffnete, um das sich heute eine ganze Stadt angesiedelt hat.
Gegenwartskunst
Zeitgenossen wie Alexandra Wacker, Roland Haas, Wolf Rainer, Uta Belina Waeger und Erich Smodics sind ebenfalls mit herausragenden Grafiken präsent. Herausragend auch Sophie Thelen, die den renommierten Klara-Kunstpreis gewonnen hat, lange in Luzern lebte und atemberaubend gut zeichnen kann. Für Alwin Rohner bleibt in all seiner Beschäftigung mit der Kunst und der Kritik an der Gesellschaft die Frage: Welche Traditionen beenden wir und welche guten Traditionen setzen wir fort?
Geöffnet bis April 2023.
Wolfgang Ölz