Heldengeschichten aus der Musik

Am Osterwochenende realisiert die Camerata Musica Reno gemeinsam mit Michael Köhlmeier drei Konzertabende rund um die Mythologien von Richard Wagner.
Eigentlich hätte sich der 1997 geborene Dirigent Tobias Grabher so früh in seiner Laufbahn musikalisch „sicher nicht“ an Richard Wagner herangewagt, dessen Musik für ein viel größeres Orchester gemacht sei und nur das Siegfried-Idyll als beabsichtigter Geburtstagsgruß das einzige Originalwerk ist, das in kleiner Besetzung aufgeführt wird.
Doch dann erhielt Grabher das Stipendium vom Richard Wagner Verband Vorarlberg und traf in Bayreuth für eine Woche mit jungen Musikern aus aller Welt zusammen. Für ihn war klar, dass er das Dankeskonzert für den Verband mit seinem Kammerorchester Camerata Musica Reno realisieren wolle.
Ursprünge in Hohenems
Noch in Bayreuth hat sich Grabher Gedanken darüber gemacht, wie man bei Richard Wagner einen Regionalbezug zu Vorarlberg herstellen könnte. Schnell fiel der Groschen auf die Nibelungensage, die von Richard Wagner zwar sehr stark abgeändert wurde, aber ihren Ursprung im Nibelungenlied aus dem 13. Jahrhundert hat, dessen Handschriften in Hohenems und St. Gallen gefunden wurden. Wie könnte man diesen „absoluten Regionalbezug“ der Nibelungen kombinieren?, fragte sich Grabher, der im Interview mit der Neue auf die Anfänge dieses Projekts zurückblickt.
„Ja super wär der Köhlmeier, hab ich mir gedacht und zufällig am ersten Tag, als ich wieder zurück war von Bayreuth – ich bin am Alten Rhein Fahrrad gefahren – da ist mir der Michael Köhlmeier entgegengefahren.“ Bei der Vorstellung des Projekts, sei Köhlmeier gleich dabei gewesen. Nun wird er bei den Orchesterkonzerten am Osterwochenende den Mythos um die Nibelungen erzählen, „und wir steuern die Musik von Richard Wagner dazu bei“, freut sich Grabher über das gelungene Programmkonzept.

Mythologische Verwebungen
Das Kammerorchester werde aber nicht ein Märchen von Köhlmeier untermalen, sondern die Musik von Wagner und die Erzählung um das Nibelunglied würden ineinander übergreifen, aber auch jeweils für sich stehen. In seiner monumentalen Operntetralogie „Der Ring der Nibelungen“ weicht Wagner deutlich von den ursprünglichen Handschriften des Nibelungenlieds ab und verwebt diese mit der nordischen Götterdichtung Edda und der skandinavischen Wälsungensage. Weil Richard Wagner diese Mythologien vermischt, ergäbe sich aus der Musik der wagnerianische Mythos, wo auch die Heldenfiguren des Nibelungenmythos auftauchen, den Köhlmeier nach seinem Original erzählt. „Wir spielen Musik aus dem Ring, wo Siegfried vorkommt, der wiederum die Heldengestalt der Nibelungen ist“, erklärt Grabher die inhaltlichen Vermischungen. Auch im Siegfried-Idyll würden viele Bezüge auf Siegfried und Brunhilde hergestellt, die wiederum auch in der Nibelungensage vorkommen.
Das Konzert beginnt mit der Rheinfahrt von Siegfried, „die beschreibt, wie Siegfried von Brunhilde weggeht und zu neuen Abenteuern schreitetet“. Dann kommt das Siegfried-Idyll – das einzige originale Kammerorchester von Wagner – , in dem der Komponist sehr viele Motive von seiner Oper „Siegfried“ verwendet. Das dritte Werk passe programmatisch mit dem Karfreitagszauber schön zur Osterzeit, sagt Grabher. „Damit begeben wir uns in diese Tradition, die in sehr vielen Opern- und Konzerthäusern zu Ostern stattfindet, dass Parsifal oder eben der Karfreitagszauber aufgeführt wird, weil Parsifal im dritten Akt am Karfreitag spielt“, sagt Grabher.
Nicht in Originalgestalt
Gespielt werden nicht die Werke in Originalgestalt, sondern Arrangements des britischen Komponisten Iain Farrington, der auch bei der Eröffnung der Londoner Olympischen Spiele mitwirkte, für die Krönung von König Charles ein Orgelwerk komponiert und die Komposition für die Einweihung der neuen Orgel im Wiener Stephansdom beisteuerte. Durch diese Bearbeitungen für das Kammerorchester könne die Camerata Musica Reno ein Konzert mit ausschließlicher Musik von Richard Wagner spielen“, beschreibt Grabher.
Musikalische Motive. Wagner verfolge in seiner Musik die „sogenannte ewige Melodie“. „Es gibt wenige Komponisten, die so lange Melodien und Phrasen schreiben wie Wagner“, sagt Grabher. Eine weitere Besonderheit – „eine ganz fantastische Besonderheit in meinen Augen“ – lasse sich in der von Wagner verwendeten Leitmotivtechnik finden. „Bei Richard Wagner kommt jedem Charakater, jeder besonderen Handlung und jedem besonderen Ereignis ein musikalisches Motiv, also eine ganz kleine Melodie zu, die sich dann im Laufe der Oper immer wieder neu einfügt.“ Wenn man erkenne, welches Motiv zu welchem Charakter oder zu welcher Begebenheit gehöre, entspringe aus der Musik eine Geschichte, die ganz ohne Text funktioniere, beschreibt Grabher.

In Siegfrieds Rheinfahrt lassen sich sehr viele dieser musikalischen Elemente finden, die zusammen in der Musik einen ganz stringenten Erzählstrang ergeben würden. Auch bei Parsival sei jede Melodie mit irgendeinem Leitmotiv verbunden, „das ist sehr beeindruckend, weil dann die Geschichte so erzählt wird“. „In der Musik von Beethoven, Brahms oder Mozart gäbe es diese Bezüge nicht, bei Wagner sei das das Neue, das die Musik auf einmal einen Bezug herstellt und etwas viel konkreteres erzählt“, sagt Grabher und vergleicht die kompositorischen Innovationen von Wagner mit Filmmusik. Auch in John Williams Musik zu Harry Potter gibt es das „Hedwig’s Theme“, das in der Filmgeschichte zu einem der bekanntesten musikalischen Motive wurde und immer dann auftauchte, wenn in Szenen Bezüge zu etwas Heimeligen oder zu (der Eule) Hedwig hergestellt würden „und so ist das bei Wagner auch.“, beschreibt Grabher.
Musik im literarischen Kontext
Mit den Konzerten am Osterwochenende möchte das junge Kammerorchester ganz gezielt ein weiteres Publikum ansprechen, „das beispielsweise literaturinteressiert ist und damit auch in die Berührung mit solcher klassischer Musik kommt“. Nachdem die 2021 gegründete Camerata Musica Reno letzten Sommer ein Konzert über die Klimakrise veranstaltet hat und damit auch die politischen Diskurse aufgriff, wollen die jungen angehenden Profimusikerinnen und Profimusiker dieses Jahr die Vielschichtigkeit von Wagners Musik zeigen.
Richard Wagner & die Nibelungen Orchesterkonzert mit Erzählung, von der Camerata Musica Reno und Michael Köhlmeier: Am 8., 9. und 10. April, jeweils um 19.30 Uhr im Theater Kosmos, Bregenz.