Kultur

Ein leuchtendes Fest der Empfindsamkeit

12.02.2026 • 17:10 Uhr
Ich träume mit offenen Augen Wirklichkeiten. Schwanengesänge
Die fünf „Schwäne“ strahlen in ihren herrlich eleganten Kostümen.mistura

Bildstark und poetisch eröffnet die Jubiläumsproduktion des Walttanztheaters im Montforhaus.

Zum 25-jährigen Jubiläum des Walktanztheaters inszeniert Brigitte Walk im Montforthaus mit „Ich träume mit offenen Augen Wirklichkeiten. Schwanengesänge“ eine wunderbare Hommage an die zerbrechliche Lyrik von Else Lasker-Schüler.

Ich träume mit offenen Augen Wirklichkeiten. Schwanengesänge
mistura

Heimliches Beobachten

Der Beginn ist originell und spannend. Während die Tänzerinnen und Schauspieler im Haus spielen, werden sie von außen vom Publikum durch die verglaste Fassade betrachtet. Sofort entsteht ein voyeuristischer Blick, ein heimliches Beobachten der parallel stattfinden Szenen, die auf der ganzen Länge des Hauses inszeniert werden. Ein burleskes Varieté tut sich anfangs auf, ein Vexierspiel in gold- und silberglitzernden Kostümen, außerdem Tütüs, sowohl von Damen als auch Herren getragen.

Ich träume mit offenen Augen Wirklichkeiten. Schwanengesänge
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Ein großer roter Mund wird von den Schauspielerinnen und Schauspielern in schwarzem Anzug und Zylinder zu Grabe getragen. Helga Pedross beginnt, Gedichte zum Else Lasker-Schüler (1869 – 1945) zu rezitieren: „Alle Lippen halten den Atem an […] was werden wir beide spielen? […]  das Leben liegt in aller Herzen wie in Särgen, wir wollen uns tief küssen.“ Ihre Gedichte spannen große Liebeswelten auf, die gleichzeitig schroff und zerbrechlich sind.  Wie im echten Leben.

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Schmerz der Liebe

Nach einer halben Stunde können die Zuschauerinnen in das Haus eintreten und halbkreisrund im Foyer niedersitzen. Das Schauspiel geht näher und intensiver weiter. „Auf deinen Wangen liegen goldenen Tauben, du bist ganz aus Gold“ hört man und gleichzeitig ertönt die wunderbare Streichermusik von Marcus Nigsch zu der Marina Rützler, Silvia Salzmann, Elenita Queiroz, Fabian T. Huster und Kilian Haselbeck tanzen. Synchron und auch solo. Jelena Dojcinovic hat zwei große gesangliche Soli, die herzzerreißend die Erfüllung und auch den Schmerz der Liebe ausdrücken. Man schwelgt in diesem warmen Gefühl, traut ihm aber nicht über den Weg. Fallstricke lauern überall, dargestellt durch fesselnden Ausdruckstanz.

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Verstörend eindringlich

Das berühmte Gedicht Schülers „Das blaue Klavier“ trägt Pedross in der Mitte des Stücks vor. Geschrieben 1937 am Vorabend des nationalsozialistischen Vernichtungswahns, bringt diese Dichterinnenahnung auch eine aktuelle politische Dimension mit in die Walk-Inszenierung. Verschreckt durch die Sterne tanzt Silvia Salzmann daraufhin verstörend eindringlich. Als Zuschauer ist man mitgerissen von der Verlorenheit der eigenen Seelenzustände.

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Was Brigitte Walk auf die Bühne bringt, ist ein wunderbares Gesamtkunstwerk aus Literatur, Tanz und Musik, eingebettet in die offene Architektur des Montforthauses. Die inhaltsstarke Lyrik von Else Lasker-Schüler so tänzerisch stark zu inszenieren, ist der seit jeher experimentell arbeitenden Brigitte Walk zuzuschreiben. Ungewöhnliche Tanzmoves und die teilweise zum Text konterkarierende, düstere Musik machen diesen Abend zu einem echten Erlebnis.

Weitere Aufführungen: 26.2.2026, 27.2.2026, 15.3.2026, 16.3.2026 jeweils 19.00 Uhr. Infos und Tickets: www.walktanztheater.com

Daniel Furxer