Kultur

Erhellende Hasstriaden gegen tödliche Salbung

24.04.2026 • 17:53 Uhr
Alte Meister
Schauspielerin Maria Fliri glänzt in der erstaunlich aktionsgelandenen Inszenierung. Unpop(5)

Ensemble unpop zeigt „Alte Meister“ von Thomas Bernhard als bunte Reise in den Morast der „Österreichischen Seele.“

Das Sezieren und Stochern in der „Österreichischen Seele“ zählt zu den kulturellen Evergreens der Alpenrepublik. Großmeister dieses Genres war der 1989 verstorbene Autor Thomas Bernhard, dessen Werke bis heute Saison für Saison mit ungebrochener Beliebtheit auf die Bühnen zurückkehren.
So auch in Bregenz, wo am Donnerstag die Bühnenfassung von Bernhards „Alte Meister“ Premiere feierte. 41 Jahre nach Erscheinen des Romans scheint seine Aktualität ungebrochen. Die anhaltende Popularität des einst als „Nestbeschmutzer“ Beschimpften weckt allerdings auch einen Verdacht: Wird Bernhard mittlerweile von jener Öffentlichkeit vereinnahmt, die er einst so schonungslos attackierte?

Alte Meister

Respektvoll respektlos

Beim Ensemble unpop ist man sich dieser Spannung bewusst. Regisseur Stephan Kasimir übersetzt den Stoff mit einer respektlos-ironischen Konsequenz auf die Bühne, die Bernhard wohl gefallen hätte. Während die Handlung im Kunsthistorischen Museum Wien angesiedelt ist, wählten unpop den Ausstellungsraum im obersten Stock des Magazin 4 als zweckentfremdete Spielstätte. Dort entfaltet sich eine Trick- und Aktiongeladenes Schauspiel mit überraschend viel Peng!

Alte Meister

Solo-Schauspielerin Maria Fliri schlüpft in die Rolle des Erzählers Atzbacher, den sie mit virtuoser Mimik und schier endloser Verachtung in der Stimme spielt. Der Privatgelehrte berichtet, wie er den in Österreich verhassten Musikphilosophen Reger im Kunsthistorischen Museum Wien beobachtet, besser gesagt, beim Beobachten beobachtet. Denn Reger vertieft sich über Stunden in Tintorettos „Bildnis eines weißbärtigen Mannes“, in dem er weniger Größe als vielmehr Scheitern erkennt. Das Museum wird so zum Sinnbild Österreichs selbst.

Konkurs ohne Erlösung

Es ist, als säße man einer Konkursverhandlung bei, in der die moralische und kulturelle Bilanz einer bürgerlichen Gesellschaft gezogen wird, die seit dem Holocaust bankrott ist. Die Kunstwerke fungieren dabei als Ware. Die Schätze vergangener Jahrhunderte eignen sich für den Schacher der spektakelgetriebenen Kulturindustrie; sie bieten Erlös aber keine Erlösung.

Alte Meister

Bernhard selbst gehört längst zu den „alten Meistern“. Dass sein kritischer Impuls trotz salbungsvoller Kanonisierung nicht erstickt, ist am Bregenzer Beispiel auch ein Verdienst der Bühnenbildnerin Caro Stark. Wenn die weißen Wände Farbe bluten und Fliri zum Pinsel greift, wird klar: Auch in einer beschädigten Welt haben Handlungen Konsequenzen.
Theaterbesucher, die kein Andenken mitnehmen möchten, sollten daher ohne teure Abendgarderobe erscheinen.

Alte Meister
Fliri übt sich als Tintorettos „Bildnis eines weißbärtigen Mannes“.

Dass sich von Aufführung zu Aufführung verändernde Ergebnis dieser „Art Attack“ bleibt sichtbar und kann zwischen den Terminen wie eine Ausstellung besucht werden. Das Magazin 4 ist dafür jeweils von Dienstag bis Freitag von 10 bis 12 und 13 bis 17 Uhr geöffnet.

Die nächste Aufführung von „Alte Meister“ findet am 25. April um 20 Uhr statt. Weitere Termine: 02., 09., 13. und 21. Mai.

SAV