Kultur

Vorarlberger Blick auf Song Contest

15.05.2026 • 16:29 Uhr
Sandra Aberer
Sandra Aberer und Anja Rumpold zeigen Flagge. Privat

Sandra Aberer, Gabriella Halbeisen und Anja Rumpold berichten vom Alltag hinter den Kulissen des Eurovision Song Contest in Wien.

Der Eurovision Song Contest wirkt im Fernsehen seit jeher wie ein perfekt getaktetes Spektakel der Superlative. Hinter den Kulissen gleicht er eher einer riesigen Wanderbewegung. Eine schier endlose Zahl von Menschen, Kabeln, Kostümen und Stimmen fügt sich zusammen. „Es ist wie ein bunter Marktplatz des Treibens“, beschreibt es die Koblacherin Sandra Aberer, die heuer als Delegation Host für Luxemburg Teil des Bewerbs wurde. Was zunächst nach Begleitservice klingt, entpuppt sich im Detail als Mischung aus Tourguide, Krisenmanagerin und Seelentrösterin.

Sandra Aberer
Sandra Aberer ist mitten drin statt auch dabei. Privat

Denn der Ablauf des ESC beginnt lange vor dem ersten Ton auf der Bühne. Make-up, Einsingen, In-Ear-Systeme, Busfahrten, Sicherheitskontrollen und minutiös getaktete Proben greifen ineinander. „Man ist permanent online, mit einem wachen Auge und Ohr“, schildert Aberer. Die Hosts kontrollieren Akkreditierungen, organisieren Transfers, suchen verlorene Gegenstände oder versuchen schlicht, Ruhe in ein System zu bringen, das ständig unter Spannung steht.

Sandra Aberer
Sandra Aberer und die luxemburgische Sängerin Eva Marija. privat

Für die Koblacherin endet diese Nähe mit einem bitteren Halbfinalabend. Luxemburg verpasst den Einzug ins Finale. Damit kippt die Stimmung innerhalb weniger Minuten von Euphorie zu Enttäuschung. Die Aufgabe der Hosts verschiebt sich erneut. Man müsse auch „die Künstlerin auffangen, die natürlich enttäuscht ist“, gesteht Aberer. Gleichzeitig bleibe der Eindruck, Teil von etwas Größerem gewesen zu sein.

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Eva Marija. AFP

Weltstar für Kleinstaat

Ähnliche Erfahrungen macht die aus Wien stammende Feldkircherin Gabriella Halbeisen. Die 54-Jährige verfolgt den ESC seit 42 Jahren. Nachdem sie den Bewerb im vergangenen Jahr erstmals live in Basel erlebt hatte, meldete sich die zweifache Mutter heuer als Freiwillige. Überraschend wird sie der Delegation des Kleinstaats San Marino zugeteilt.

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Senhit Zadik Zadik und Boy George. AFP

Niemand geringerer als Boy George und die italienische Sängerin Senhit traten für das Land an. Für ESC-Verhältnisse bleibt das Duo auffallend zurückgezogen. Große Ausflüge gibt es kaum. Halbeisen erlebt Boy George als „total geerdet“. Ungeschminkt und in Alltagskleidung würde man ihn „auf der Straße kaum erkennen“. Zwischen Proben und Wartezeiten werde über Fernsehen, Herkunft und Alltagsdinge gesprochen.

Gabriella Halbeisen
Gabriella Halbeisen feierte das Halbfinale mit ihren Söhne Armin und und Leon (r.). Privat

Gleichzeitig wächst innerhalb der Delegation die Hoffnung auf das Finale. „Für San Marino war es der beste Auftritt der ganzen zwei Wochen“, blickt Halbeisen rück. Umso größer die Enttäuschung, als Polen den letzten Finalplatz erhält. Die Hosts leiden sichtbar mit, während die erfahrenen Künstler den Rückschlag professionell nehmen.

Wettquoten, Pressestimmen und Social-Media-Reaktionen verändern sich beinahe stündlich. Als großer Favorit gilt Finnland mit der Geigenballade „Liekinheitin“ von Linda Lampenius und Pete Parkkonen. Dahinter liefern sich Australien, Griechenland und Israel ein enges Rennen. Besonders Australiens Delta Goodrem konnte laut Wettportalen nach den Halbfinalen deutlich zulegen. Weniger überzeugt zeigt sich Halbeisen von Finnlands Bühnenshow. „Da hätte ich mir mehr erwartet.“ Ihre persönliche Favoritin bleibt Belgien.

Ausnahmezustand

Die 19-jährige Studentin Anja Rumpold aus Altach erlebt den Bewerb dagegen stärker aus der Perspektive des öffentlichen Ausnahmezustands. Wie Aberer und Halbeisen arbeitet sie erstmals als Delegation Host, konkret für Dänemark. Der dänische Beitrag „Før vi går hjem“ galt im Vorfeld lange als Geheimfavorit, verlor laut Wettquoten im Verlauf der Woche jedoch deutlich an Boden.
Rumpold bewegt sich mitten im öffentlichen Trubel.

Vorarlberger Blick auf Song Contest
Der dänische Sänger Søren Torpegaard Lund und seine Crew.APA

Besonders die Eröffnungsfeier am „Turquoise Carpet“ bleibt ihr in Erinnerung. Vom Burgtheater bis zum Rathaus drängen sich Fans, Kamerateams und Musikgruppen durch die Wiener Innenstadt. „Es waren so viele Zuschauer“, staunt sie. Während Bands bekannte Songs der Herkunftsländer spielen, geben Künstler Autogramme und posieren für Fotos. Für Dänemark läuft „Barbie Girl“.

Sandra Aberer
Privat

Diese Mischung aus Hochglanzproduktion und improvisierter Nähe scheint den Reiz des ESC auszumachen. Hinter den perfekt ausgeleuchteten Fernsehbildern entsteht eine temporäre Parallelwelt, die für wenige Tage nach eigenen Regeln funktioniert. Welches Land gewinnt und auf Österreich folgt, entscheidet sich Samstag Nacht.