Der große Komfort wird unbequem

Mathias Garnitschnig verwandelt einen Designklassiker in eine Skulptur über Komfort, Ressourcenknappheit und die Schönheit des Notwendigen.
Eine optimistische Unverschämtheit hielt Anfang des 20-Jahrhunderts Einzug in Architektur und Design. Davon zeugt der „Grand Confort“ genannte Sessel, den Charlotte Perriand, Le Corbusier und Pierre Jeanneret 1928 entworfen haben. Während Metallrahmen zuvor unter Stoff und Polster verdeckt wurden, zeigt das Möbelstück die nackten Bahnen und damit wie schön das Notwendige sein kann.

Dekorative Übersteigerung
Jetzt zeigt der Bregenzer Künstler Mathias Garnitschnig mit „Der große Komfort“ eine Skulptur, welche die Formsprache des Klassikers ins Absurde kippt. Seine Ausstellung wurde am Dienstag in der Kunsthalle FRO des ORF-Funkhauses in Dornbirn eröffnet und kann bis zum 30. August besichtigt werden.

Dort tritt das Werk in einen Dialog mit Haus und Ausstellungsraum, der nicht nur sehend, sondern auch tastend, erschlossen werden kann.

Der mit seinen dekorativen Rohren an ein Kraftwerk erinnernde Bau des Architekten Gustav Peichl sträubt sich wie der Sessel gegen das Verbergen von Notwendigkeiten – wobei Peichl die Ästhetik des Notwendigen so sehr ins Dekorative übersteigert, dass hier von Funktionalismus keine Rede sein kann.
So auch bei Garnitschnig, der sich mit dieser Arbeit erstmals als Polsterer erprobte. „Die Polsterung verdrängt die Möglichkeit von Komfort und raubt dem Sessel seine Funktionalität“, schildert der Künstler. Durch den Verlust seines Gebrauchswerts gewinnt er aber die unheimliche Kraft eines Kunstwerks; erlaubt die Reflexion durch interessenloses Wohlgefallen.

Der Bregenzer verfolgt dennoch ein Anliegen. Der „große Komfort“ erscheint ihm als Versprechen, das in unserer Gegenwart zunehmend fragwürdig wird. Mehr Polster, mehr Weichheit, mehr Bequemlichkeit – wann kippt die Steigerungslogik ins Absurde? In Zeiten von Ressourcenknappheit, Energiekrisen und Klimawandel könne das Versprechen grenzenlosen Komforts nicht mehr selbstverständlich eingelöst werden.

Verstärkt wird dieser Gedanke durch den Sockel der Skulptur. Dieser besteht aus farbigen XPS-Dämmplatten, wie sie heute millionenfach in der Architektur verwendet werden, um Gebäude energieeffizient zu machen. Normalerweise verschwinden diese Materialien hinter Fassaden und Verkleidungen. Garnitschnig holt die schambehafteten Kunststoffplatten zurück ins Sichtbare und adelt sie als Gestaltungselement.
Gleichzeitig verändert der rund 1,20 Meter hohe Sockel die Wahrnehmung des Objekts grundlegend. Wer davorsteht, blickt hinauf. Wer oben sitzt, gewinnt eine seltene Sicht. Nicht nur auf den Raum, sondern auch auf die intime Qualität des Tastsinns.
Tischler und Lehrer
Der 1979 in Bregenz geborene Künstler unterrichtet Bildnerische Erziehung und Werken am Privatgymnasium Mehrerau. Als gelernter Tischler und Sohn eines Tischlers will er die Freude am Handwerk in seinen Schülern wecken, wissend, dass viele mangels privater Werkstatt oder Werkzeug nur wenige Möglichkeiten haben, Materialien spielerisch kennenzulernen.
Seine Laufbahn führte ihn erst zur Holzschnitzschule Elbigenalp und ab 2005 in die Bundeshauptstadt. Dort studierte Garnitschnig an der Universität für angewandte Kunst Bildhauerei bei Erwin Wurm und Gerda Fassel. Die dort vermittelte Offenheit gegenüber Konzeptkunst, Rauminstallation und Skulptur erweiterte sein handwerkliches Fundament um eine intellektuelle Dimension. Seither bewegt sich Garnitschnig souverän zwischen beiden Welten.