Kultur

Landestheater: Bühnenmagie trotz Führungskrise

19.06.2026 • 20:28 Uhr
Mittsommernachtstraum
Die Elfen (Jenne Fischer, links) mit dem schwebenden Puck (Isabella Campestrini) und Bohnenblüte (Paula Futscher). koehler

„Ein Sommernachtstraum“ wird am Landestheater zur Demonstration kollektiver Theaterkraft.

Alle Register der Theatermagie wurden gezogen, als mit William Shakespeares „Ein Sommernachtstraum“ die letzte Premiere der aktuellen Spielzeit über die Bühne des Vorarlberger Landestheaters ging.

Seit der Freistellung der Intendantin Stephanie Gräve gestaltet sich die Arbeit im führungslosen Haus denkbar schwierig. Bühnenmeister und Betriebsrat Jörg Dettelbach bekräftigt im Gespräch mit der NEUE, dass das Theater stark unter der politischen Situation leidet und eine aktive Intendanz akut gefragt ist. Umso stolzer erscheint der Handwerker und mit ihm das ganze Team. Schließlich zeugt die effektvolle Umsetzung der Komödie vom verantwortungsbewussten Geist der Belegschaft.

Köstlich vertrotteltest Paar

Dieser Stolz könnte auch der Grund für die mit drei Stunden überaus lange, teils zulange, Aufführungsdauer sein.

Nurettin Kalfa und Maria Lisa Huber eröffnen den Reigen als köstlich vertrotteltes Paar. Sie, Theseus und Hippolyta, wollen bald Hochzeit feiern und laden die „Athener Jugend zur Party!“. Auch diese wollen, ja müssen, ihrem Herzen folgen. Egeus (David Kopp) will aber nicht, dass Lysander (Nico Raschner) seine Tochter Hermia (Davina Fox) ehelicht. Er bevorzugt Demetrius (Luzian Hirzel). Hermias gute Freundin Helena (Rebecca Hammermüller) brennt für Letztgenannten, nur kann er sie nicht leiden.

Mittsommernachtstraum
Lysander (Raschner, Links) und Hermia (Davina Fox) lieben sich. Doch Demetrius (Luzian Hirzel) ist ihnen auf der Spur und Helena (Rebecca Hammermüller) ihm. koehler

So flieht das Liebespaar in den Wald, verfolgt von Demetrius und Helena. Dort wartet bereits die zweite Handlungsebene: das zerstrittene Elfenherrscherpaar Oberon (Kalfa) und Titania (Huber). Der dritte Strang des Stücks sind die Handwerker beziehungsweise, in Angelika Zaceks (Regie) zeitgenössischer Lesart, Security-Mitarbeiter eines Festivals. Sie proben die tragische Geschichte von Pyramus und Thisbe und liefern nebenbei einige der besten Lacher des Abends.
Damit wären die Zutaten beisammen: vier Liebende, zwei Elfenherrscher, ein Waldgeist namens Puck (Isabella Campestrini) und kunstaffine Proleten. Was folgt, ist das wohl berühmteste Beziehungschaos der Theatergeschichte. Dank eines Zaubersafts lieben plötzlich die Falschen die Falschen, Titania verfällt einem Esel und Helena muss feststellen, dass es kaum anstrengender ist, von niemandem geliebt zu werden, als von allen gleichzeitig.

Mittsommernachtstraum
koehler

Flott und vulgär

Die dezidiert moderne Inszenierung basiert auf der neuen Übersetzung von Rebekka Kricheldorf. Puristen mögen die vulgären, flotten Verse als Sakrileg empfinden. In Wirklichkeit ist der Bruch mit dem Musealen dem Geiste Shakespeares überaus nahe.

Mittsommernachtstraum
Kopp glänzt unter der Eselmaske. koehler

Neckischer Charme

Bühnenbilder Bühnenbildner Gregor Sturm zauberte den Wald in Form eines wilden Festivalgeländes auf die Drehbühne. Die Schauspieler fetzen dort in meist traumhaft zuckerwattigen Kostümen von Julia Klug durch die Rollen. Umkleiden scheint hier wie ein Leistungssport.

Mittsommernachtstraum
Puck und Oberon. koehler

Wie erwartet besticht Kalfa mit irrem Gespür für Komik und Moment. Speziell die Chemie zwischen Oberon und Puck erzeugt einen überragenden Spaß. Wo Campestrini in der Rolle des anarchischen Knechts den Zauberstab schwingt, verzaubt sie von der Decke schwingend, wie auch singend, das Publikum mit neckischem Charme.

Mittsommernachtstraum
Titania (Huber, l.) wird später klagen: “Mir war, als wollt ich mit einem Esel zum Altar!”koehler

Als Klaus Zettel (Kopp) von ihr in einen Esel verwandelt wird und er unwiedererkennbar mit verzerrter Stimme spricht, zeigt der Schauspieler sein gewaltiges Talent. So überrascht auch der oft sanfte Hirzel mit dem Stimmungswechsel von krassem Hass zu großer Sorge. Hammermüller ist als Macho Hans ein wahrer Brüller. Überhaupt gibt das Ensemble kurz vor Schluss noch einmal alles. Raschner entfacht als Franz Laut, der die Thisbe spielt, heftige wie deftige Lacher. Gastschauspielerin Davina Fox fügt sich bemerkenswert natürlich in das Ensemble ein und sollte als „Wand“ nicht verpasst werden. Huber kam in ihren königlichen Rollen relativ wenig in Erscheinung. Es ist dennoch ein wonniger Anblick, wenn Theseus seiner schwertführenden Verlobten folgt.

„Ein Sommernachtstraum“ wird bis zum 4. Juli aufgeführt. Mit dem Ende der Saison beginnen die Umbauarbeiten am Theater, wodurch sich die kommende Spielzeit im ganzen Land verteilt entfalten wird.