Er war undercover bei der AfD und spricht jetzt vor Dornbirner Klassen

Originalzitate heutiger AfD-Politiker machen einen Kurzfilm über den Nationalsozialismus zur beklemmenden Gegenwartserzählung. Schülerinnen berichteten im Anschluss von ihren Eindrücken und Erfahrungen.
Zwei Jahre Undercover im Umfeld der extremen Rechten – konkret im Orbit der damaligen AfD-Jugendorganisation „Junge Alternative“ in Niedersachsen. So gestaltete sich der Rechercheprozess des deutschen Filmemachers Carsten Degenhardt. Von Donnerstag auf Freitag ist er auf mahnender Mission in Dornbirner Schulen und zeigt anhand des Kurzfilms „Prolog der Finsternis“ die ersten Früchte seiner langjährigen Arbeit.

Gänsehaut
Die NEUE wohnte Degenhardts Vorführung an der HLS Dornbirn bei. Dort sorgte die Klimaanlage zunächst für angenehme Temperaturen. Den eigentlichen Kälteschock liefert jedoch der Film. Er erzählt die – überaus konstruierte – Geschichte des jungen Karl, der sich im Deutschland der 1930er-Jahre der Hitlerjugend anschließt. Nicht aus Überzeugung oder Karrierismus, sondern weil er glaubt, das Leben seiner mit Down-Syndrom geborenen Schwester Erika dadurch schützen zu können.

Der eigentliche Kunstgriff des „Prolog der Finsternis“ besteht jedoch in der Sprache. Zentrale Aussagen der gezeigten NS-Funktionäre geben Originalzitate heutiger AfD-Politiker, darunter Björn Höcke, wieder. Die Quellen werden stets eingeblendet.

Was zunächst wie ein Historienfilm wirkt, entwickelt sich so binnen weniger Minuten zu einem Kommentar über die politische Gegenwart. Degenhardts Film ist von der Sorge getragen, dass der anhaltende Aufstieg der extremen Rechten Demokratie und liberale Freiheiten grundlegend bedrohe. Immer wieder richtet sich der Film mit derselben Frage an sein Publikum: „Was würdest du heute tun?“ Sie erscheint etwa, nachdem ein Krankenpfleger von seinem Widerstand gegen die nationalsozialistische Euthanasie berichtet oder Karl den Hitlergruß verweigert. Dass das NS-Regime letztlich nicht durch individuellen Widerstand, sondern militärisch von den Alliierten besiegt wurde, spielt im Film hingegen keine Rolle.

Spielfilm und Roman
Als „Prolog“ funktioniert das Werk gleich mehrfach. Einerseits versteht es sich als Warnung vor möglichen gesellschaftlichen Entwicklungen. Andererseits gewährt der Kurzfilm Vorblick auf ein größeres Projekt. Im Anschluss liest Degenhardt aus seinem Roman „ICH, die Finsternis!“, der wiederum auf dem Drehbuch eines geplanten Spielfilms basiert. Im Zentrum steht die Figur Tristan, die auf einem realen Aussteiger aus der extrem rechten Szene beruhen soll.

Die vorgelesenen Kapitel gewähren Einblick in Tristans Genese. Er wurde von seinen rechtsextremen Eltern bereits im kindlichen Alter „gebrochen“ und schrittweise in ihre Ideologie eingeführt. Während Tristan als jugendlicher Schüler im Unterricht den Holocaust leugnet, zeigt das letzte Kapitel, wie seinen Worten und Gedanken in konkrete Gewalt und Folter münden.

Die Recherche
Im anschließenden Interview hält sich Degenhardt über die Details seiner Recherche bedeckt. Mehr könne er erst mit der Veröffentlichung des Spielfilms erzählen. Über den Rechercheprozess selbst spricht er jedoch offen. „Ich bin über die Jugendorganisation Junge Alternative undercover hineingegangen und habe innerhalb von zwei Jahren versucht, dort Kontakte aufzubauen“, berichtet er. Erst danach sei ihm der Zugang zu jener Person gelungen, die später zur Vorlage Tristans wurde. Über ihre Identität verrät er nichts. Der Mann lebe bis heute weitgehend verborgen, auch um sich vor der Gewalt seines früheren Umfeldes zu schützen. In diesem Umfeld würden viele Kinder „bereits mit sechs an der Waffe ausgebildet“ werden, schildert der Münchner entsetzt.
Schülerinnen erzählen
Ein Gefühl, das sich nach der Vorführung auch im Publikum wiederfindet. Merve Yücel muss nicht lange überlegen, welche Momente sie am stärksten getroffen hat: „Unglaublich.

Die Zitate klingen wie die von den Neonazis, mit denen ich schon auf TikTok geschrieben habe. Speziell die Aussagen über den Holocaust haben mich auch als Kind von Migranten betroffen gemacht.“

Valerie Sutterlüty sieht sich dadurch in ihrer kritischen Haltung gegenüber sozialen Medien bestätigt. „Da auf TikTok viele Falschheiten verbreitet werden, verwende ich es nicht.“ Sie weiß aber, dass menschenverachtende Aussagen nicht auf den Bildschirm beschränkt sind.
