Flatz, Holzinger und die Frage nach dem Original

Die NEUE begleitete Flatz zu Florentina Holzingers „Bodensee Étude“ und erlebte eine erstaunliche Wendung.
„Das hat die Florentina Holzinger vom Flatz kopiert.“ Seit der spektakulären Eröffnung des österreichischen Biennale-Pavillons im Mai raunt dieser Vorwurf durch die kunstinteressierte Öffentlichkeit, vor allem, da der gebürtige Dornbirner Flatz bei der Performance „Demontage IX“ als menschliches Pendel kopfüber gegen Stahlplatten hin- und hergeschlagen wurde.

Die eindrucksvollen wie schmerzhaften Bilder aus der Silvesternacht 1990 in Tiflis, Georgien, brannten sich in die Köpfe und wurden mit Holzingers (Jahrgang 1986) „Seaworld Venice“ wieder viral.

Umso größer war die Neugier, als die NEUE von Christiane Zaunmair, Kulturamtsleiterin von Dornbirn, gefragt wurde, ob wir Holzingers „Bodensee Étude“ am 11. Juli gemeinsam mit dem Künstler Flatz beiwohnen wollen. Wie wird der 1952 geborene Wahlmünchner reagieren? Gekränkt von ihrem Erfolg? Amüsiert? Oder wird sich der angebliche Ideendiebstahl vor Ort als wesentlich komplizierter erweisen?

Scharen von Schaulustigen
Als wir am Samstag um 17.10 Uhr das Bregenzer Molo erreichen, sind schon Hunderte Schaulustige vor Ort. Schon bevor das Spektakel eine Stunde später begann, wurde die behördlich erlaubte Grenze von 1600 Zuschauern rasch erreicht, unzählige weitere warteten an der Absperrung auf Einlass oder nahmen in Distanz Platz. Flatz zeigt sich interessiert, aber ruhig. Er ist nicht hier, um von Fans verehrt zu werden, und hält voreilige Urteile zurück.

Spätestens seit der Pressekonferenz zwei Tage zuvor war klar, dass er auch hier auf Motive stoßen würde, die seine eigene Kunstgeschichte berühren: Körper, Risiko, schweres Gerät. Holzingers „Bodensee Étude“ entstand als einmalige Arbeit für das Kunsthaus Bregenz. Die Idee dazu kam von der Künstlerin selbst.

Abwurf und Aufstieg
Ein Helikopter erhebt sich kurz nach 18 Uhr hinter dem Festspielhaus, unter ihm hängt eine tonnenschwere Glocke am Seil. Die Aufmerksamkeit der Menge richtet sich augenblicklich auf den Himmel.

Dort zieht der Hubschrauber seine Runden über den Hafen, während Schlagzeugerinnen den Klangraum eröffnen. Dann fällt die Glocke in den See.

Auf den Fall folgt die erste Bergung: Ein Schwimmkran hebt sechs Performerinnen aus dem See.

An einem Metallring hängend werden die Performerinnen sie immer höher in die Luft gehoben, wo sie sich wie Synchronschwimmerinnen oder Fallschirmspringerinnen einheitlich bewegen.


Schließlich wird eine Glocke aus dem Wasser gehoben, mit Holzinger in ihrer mittlerweile ikonischen Position als menschliches Pendel. Bei jedem Schlag ihres Körpers gegen das Metall donnert es über den See.

Später, von oben nach unten kletternd, stößt sie mit den Beinen gegen ein hängendes Blech, woraufhin alle Performerinnen bald auf einem Boot landen.

Während sich manche Besucher nach den 40 Minuten über ein undramatisches Ende beklagen, ein Besucher sogar von einem „Coitus interruptus“ spricht, reagiert die Mehrheit absolut euphorisch.

Flatz trifft Holzinger
FFlatz weiß zu diesem Zeitpunkt noch nicht, was für ein „unvergesslicher Moment“ bevorsteht: Ein Freund führt ihn zur frisch ans Land gekommenen Holzinger. „Wir kannten uns noch nicht persönlich, aber als ich sie mit ‚Ich bin der Flatz‘ begrüßt habe, ist sie mir um den Hals gefallen“, strahlt der Künstler.
Anschließend „riss sie sich ihr T-Shirt vom Leib, stand nackt vor mir und schenkte mir das verschwitzte T-Shirt“ schildert der Künstler sichtlich gerührt.

Generationen finden ihre Sprache
Rückblickend schildert Flatz: „Ich habe ein aufwendig inszeniertes Materialstück gesehen – sehr gut, bei traumhafter Kulisse.“ Die Glocke, das Blech, der Hubschrauber: Ja, das seien Zitate, keine Kopien. Kunst entstehe nun einmal nicht im luftleeren Raum. „Es ist wunderbar, wenn eine Generation später die Arbeit einer anderen Generation aufgreift“, bekräftigt der gebürtige Dornbirner. Holzinger komme aus einem anderen Kontext, aus einer anderen Zeit, und habe dafür ihre eigene Form gefunden.

Damit verschiebt sich die Frage des Abends. Nicht mehr: Hat Holzinger kopiert? Sondern: Wie wandern Bilder, Gesten und künstlerische Verfahren durch die Zeit? „Jede Generation hat ihre Sprache“, schildert Flatz. Das klingt nicht nach nachträglicher Beschwichtigung, sondern nach der gelassenen Einordnung eines Geehrten. Die Verwandtschaft der Bilder bleibt bestehen, verliert jedoch ihren Charakter als Vorwurf.
Entwicklung
m Rückblick auf seine eigene Karriere sieht der Künstler große Fortschritte in der kulturellen Entwicklung Vorarlbergs. So wurde er, gerade einmal 22 Jahre alt, nach einer Performance in das Landeskrankenhaus Rankweil eingeliefert. Grund war eine Aktion, bei der er mit einem schwarzen Sack auf dem Kopf bei einer Ausstellung im Palais Liechtenstein, Feldkirch, war. „Das hat mich erschüttert.“ Jetzt sieht er das Land „auf einem ganz anderen Stand und Niveau. Dass es sich so entwickelt hat, finde ich cool.“

Milchpilz
Zum Ende des Abends spazieren wir Richtung Innenstadt. Wie von magischer Hand bewegt, zieht es den Künstler zum Milchpilz. Freudig schildert Flatz, was für schöne Kindheitserinnerungen er mit dem Ort verbindet, und bestellt sich, ohne lange zu zögern, einen Milchshake, Geschmacksrichtung: Banane Kokos.

Bei seiner Rückkehr nach München wartet bereits das nächste Kunstwerk. Ausgangspunkt ist ausgerechnet jenes verschwitzte T-Shirt, das Florentina Holzinger ihm unmittelbar nach der Performance schenkte. Aufgedruckt steht darauf: „I Live In Your Piss“ (englisch für „Ich lebe in deiner Pisse“). Der vermeintliche Plagiatsvorwurf wich einer persönlichen Begegnung. Und aus dem Kleidungsstück einer jüngeren Künstlerin wird nun Material für ein neues Werk des älteren Kollegen.