Eine Großwalsertalerin im Widerstand

Lydia Arantes hat ein Projekt über ihre Großmutter Delphina Burtscher initiiert. In Bregenz werden nun Ausstellung und Graphic Novel über die Großwalsertalerin präsentiert.
„Ich weiß nicht, wie sie es geschafft hat, aber weder in ihrem Leben noch in ihrer Geschichte hatte der Krieg das letzte Wort“, schildert Lydia Arantes die unbeugsame Natur ihrer Großmutter Delphina Burtscher (1926–2008).

Diese Haltung strahlt auch durch die Ausstellung „Delphina und drei Deserteure“, die am Freitag, dem 17. Juli, um 17 Uhr im Atrium des vorarlberg museums eröffnet wird. Begleitend erscheint im Residenz Verlag die Graphic Novel „Delphina“, herausgegeben von Arantes und ihrer Schwester Sarah Kühne.

Die Geschichte ist regional verankert, reicht aber weit über das Große Walsertal hinaus. Museumsdirektor Michael Kasper ordnet die Schau als dritten Teil des heurigen Erinnerungsschwerpunkts ein. Nach größeren Blickwinkeln rücke man nun „noch näher in die Region, ins Lokale, ins Biografische“.

Von Nachbarn verraten
Burtscher wurde 1926 auf dem abgelegenen Bergbauernhof Küngswald oberhalb von Sonntag geboren. Als während des Krieges immer mehr Männer eingezogen wurden und die Mutter starb, musste sie als Jugendliche mithelfen, den Hof weiterzuführen. Ihre Brüder Willi und Leonhard kehrten nach einem Heimaturlaub nicht mehr an die Front zurück. Gemeinsam mit Martin Lorenz, Burtschers Verlobtem, versteckten sich die Männer im Wald, wo sie von der jungen Frau mit Lebensmitteln versorgt wurden. Nach rund einem Jahr wurden die Deserteure von Nachbarn an die Gestapo verraten. Leonhard gelang die Flucht, Willi und Martin Lorenz wurden verhaftet, zum Tode verurteilt und am 8. Dezember 1944 in Graz enthauptet.

Auch Delphina wurde festgenommen. Sie war 18 Jahre alt und schwanger. Nach der Geburt ihrer Tochter Maria musste sie erneut ins Gefängnis. Erst nach Kriegsende kam sie frei. Der Hof wurde in der Zwischenzeit zur Plünderung „freigegeben“.

Erschüttern ohne Leichenberge
Kurator Bruno Winkler betont, dass die Ausstellung keine einfache Heldenerzählung liefern will. „Warum desertiert ein Mensch? Da gibt es kein klassisches Erklärungsmuster“, bekräftigt der Historiker.
Die Schau müsse daher zwischen historisch belegbarem Wissen und familiärer Erinnerung vermitteln. Gerade in Zeiten der Polarisierung sei eine „hörbare, sichtbare, spürbare Kompromissbereitschaft“ wichtig. Es gehe nicht darum, Schrecken mit maximaler Wucht auszustellen. „Da braucht man keine Leichenberge. Da braucht man nur eine Erschütterung im Inneren, und das reicht.“

Entsprechend zeigt die Ausstellung im Atrium des Museums NS-Akten, private Fotos und Erinnerungsstücke der Familie an das „Omile“. Sie zeugen von einer permanent arbeitenden Frau, die stets mit Liebe fürs Detail am Werk war.

„Das Omile hatte immer Schürzen an und musste immer etwas tun. Einmal sah ich, wie sie mit meiner Mama auf einer Bank saß und sagte ‚eigentlich ist das Sitzen eine Sünde‘.“

„Das muss man zeichnen“
Die Graphic Novel ist für die Enkelin kein Begleitbuch zur Ausstellung, sondern „eigentlich der Main Act“. Ausgangspunkt waren die Lebenserinnerungen ihrer Großmutter. Sie wurde von ihrem Sohn Xaver zur Niederschrift motiviert. Die Publikation übernahm der Nenzinger Gemeindearchivar Thomas Gamon.
Eine Passage aus der Haft in München habe sie besonders gepackt: Delphina vermisst darin ihr Kind Maria, zugleich zeigt sich, wie ihr praktische Fertigkeiten im Gefängnis ein gewisses soziales Ansehen verschafften. Die Sprache der Großmutter sei so schlicht und zugleich so bildhaft gewesen, dass Arantes plötzlich wusste: „Das muss man zeichnen.“

Teamwork
Untypisch für das Genre, entstand die Graphic Novel als Gemeinschaftsprojekt. Neben ihrer Schwester Kühne waren Illustratorin Anna Stemmer-Dworak, Dramaturg Tobias Fend und die Grafikerin Anuschka Fink Teil des Teams. Delphina führt darin in Farbe durch ihre Erinnerungen, während die Enkelinnen in Grautönen auftreten. So können heutige Fragen, neue historische Erkenntnisse und familiäre Erinnerung miteinander in Beziehung treten, ohne der Großmutter nachträglich fremde Sätze in den Mund zu legen.

Wie das Projekt weitergeht
Über Ausstellung und Buch hinaus wächst das Projekt weiter. Im Herbst erscheinen Unterrichtsmaterialien für Schulen. Ende Oktober folgt die Tagung „Gezeichnet. Kriegsfolgen in Graphic Novels“. Zudem bringt das Vorarlberger Landestheater Delphinas Geschichte auf die Bühne. Autorin Daniela Egger schrieb dafür „Das Glück im Inneren der Lawine“, Premiere ist am 16. Oktober im Theater am Saumarkt, Feldkirch.

Am Ende bleibt für die Enkelin vor allem Dankbarkeit. Nicht, weil die Geschichte leicht wäre, sondern weil ihre Großmutter schwer getroffen wurde und dennoch nicht verhärtete. Delphina habe, wie sie selbst schrieb, „das Gute genossen und das Schlechte überwunden“. Keine Floskel, sondern eine Lebenshaltung. So habe ihr Omile gelebt: „Auch geweint, aber vor allem viel gelacht.“