Kleine Auferstehung in der Johanniterkirche

Nach einem technischen Defekt starben fast alle Lebewesen in Mathias Kesslers ungewöhnlichem Aquarium. Eine Anemone überlebte. Auch für den bedrohten Kunstverein gibt es inzwischen neue Hoffnung, aber auch ein garantiertes Ende.
Ende März sah es so aus, als würde mit der aktuellen Ausstellung von Mathias Kessler die letzte gesicherte Schau in der Feldkircher Johanniterkirche stattfinden. Hintergrund war der Beschluss der Stadtpolitik, die administrative Unterstützung mehrerer Kulturvereine, darunter auch der Kunstverein Johanniterkirche, einzustellen.

Auf Anfrage der NEUE bestätigen jetzt sowohl Kulturstadträtin Natascha Soursos (Grüne) als auch Kurator Arno Egger, dass aktuell über einen möglichen Fünfjahresvertrag verhandelt wird. Die Katholische Kirche ist als Eigentümer ebenfalls beteiligt.

Schwebezustand
Während sich der Verein in einem Schwebezustand befindet, widmen sich auch Kesslers Arbeiten Fragen des Übergangs. Der in New York und dem Kleinwalsertal lebende Künstler beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der ideologischen Dimension von Landschaftsbildern. Jetzt ist er mit drei Positionen im Sakralbau vertreten.

Schmelzende Romantik
Bereits kurz nach Betreten der Kirche strahlt das fünfminütige 3D-Animationsvideo „After Caspar David Friedrich’s The Sea of Ice“ entgegen.

Der deutsche Romantiker stellte sein titelgebendes Gemälde 1824 fertig. Jetzt lässt Kessler die von Friedrich dargestellte Eislandschaft im Zeitraffer über 200 Jahre stetig schmelzen.


Die zweite Arbeit entwuchs weniger der Kunstgeschichte als dem verdrängten Kunststoff. „Making Something out of Nothing“ ist ein sechs mal acht Meter langer Teppich aus Plastikmüll. Der 1968 geborene Kessler ließ sich dazu in Istanbul inspirieren. Laut Egger wurde er dort Zeuge, wie zur Wiederverwertung bestimmter Müll aus Deutschland illegal entsorgt, sprich vergraben, werden sollte. Kurzerhand kaufte Kessler einen Teil des Altstoffs und ließ ihn in der Türkei zu besagtem Teppich weben. Er wird laufend ergänzt, etwa durch Plastikmüll aus dem Kleinwalsertal.

Fragile Bewohner
Vor dem Hochaltar offenbart sich die dritte Verwandlung. Dort ruht der Totenschädel eines Menschen in einem Aquarium. Besetzt mit lebenden Korallen und Anemonen, nährt er die fragilen Lebewesen mit seinem Kalzium. Dass eine der Anemonen am Boden jetzt noch lebt, gleicht laut Egger einem kleinen Wunder. Schließlich wurde das Aquarium kurz nach der Eröffnung durch ein technisches Problem beschädigt, wodurch die meisten der kleinen Bewohner starben und durch neue ersetzt werden mussten. Einzig besagte Anemone, die zuvor auf dem Schädel wuchs, blieb am Leben. Während die Lebewesen in einem lokalen Fachgeschäft erworben wurden, erhielt Kessler den Schädel von einer medizinischen Fakultät.

Auch wenn der Verein, wie Egger berichtet, bereits an einem Programm für das kommende Jahr arbeite, bleibt die konkrete Zukunft vorerst ungewiss. Fest steht, dass der 1960 geborene Kurator sein Amt niederlegen wird.
Die Ausstellung „Nowhere to Be Found“ trägt den Untertitel „Rituals, Relics, and the Architecture of Limbo“ und kann noch bis zum 26. September besichtigt werden.