Marinelli: „Menschen, die nicht der Norm entsprechen, sind wieder vermehrt in Gefahr“

Die 32. Ausgabe des „tanz ist“-Festivals beschäftigt sich im Spielboden Dornbirn an zwei aufeinanderfolgenden Wochenenden mit den Themen Geschlechteridentität, Transgender und Scheitern. Start ist diesen Samstag.

Diskurse körperlich verarbeiten
Marinelli kennt den heimischen Underground, wo sich Tänzerinnen und Tänzer der LGBTQ+-Bewegung gegenseitig unterstützen und auch einen geschützten Raum bilden. Wenn sich politisch etwas verändere, dann reagiere diese Szene sehr schnell darauf. „Kein anderes Medium ist so direkt wie der Tanz. Hier werden gesellschaftliche Diskurse sofort körperlich verarbeitet und in Tanz umgesetzt. Dass wir nach einer Zeit der relativen Gemütlichkeit jetzt wieder eine Zeit erleben, in der es politischen Druck auf diese Gruppen gibt, das bemerke ich, wenn ich die aktuellen Entwicklungen im Tanz betrachte“, so Marinelli. Der Bogen dieses Tanzabends ist weit gespannt: Rassismus und sexuelle Diskriminierung sind ebenso Inhalte, die von den Tänzerinnen und Tänzern zum Ausdruck gebracht werden. „Ich glaube, dass Menschen, die nicht der Norm entsprechen, wieder vermehrt in Gefahr sind“, mahnt Marinelli. Das politische Erwachen in der Szene habe gerade erst begonnen.
Lustvolles Scheitern
Eine Woche später, am Samstag, den 17. Oktober, tanzen laborgras feat. Liam Byrne & Ensemble ihr Stück „Joyful Failure“, das von der Lust am Scheitern handelt. Die universelle Erfahrung des Menschen, zu scheitern, hinzufallen und danach wieder neue Möglichkeiten zu suchen, wird hier in Tanz vermittelt. „Es geht zentral um die innere Haltung zum Scheitern, da steckt auch sehr viel Humor drin. Scheitern gehört zum Leben und man darf scheitern“, so Marinelli. Sechs Tänzer loten das „Zu-Früh“, das „Zu-Spät“ oder das „Gar-nicht-Realisierte“ aus. Der zweite Tanzabend kann unabhängig vom ersten gesehen werden, dennoch werden die Wochenenden durch eine innere inhaltliche Klammer verbunden.

Virginia Woolf Verfilmung
Diese Klammer bildet auch der Film „Orlando. My Political Biography“ von Paul B. Preciado. Er schickt einen gefilmten Brief an Virginia Woolf zurück, Autorin des Romans Orlando. Woolfs Roman macht die Veränderung des Geschlechts zur literarischen Fiktion. Preciado nimmt diese Figur in seinem Dokumentarfilm auf und setzt sie in Beziehung zu realen Transpersonen und deren Erfahrungen. Die Fiktion ist also knapp 100 Jahre später Realität geworden.
Sa., 10. Oktober, 20.30 Uhr, Bühne: Marcos Arriola (AR/BE): CRUCE
Fr., 16. Oktober, 19:30 Uhr, Spielboden Kino: Paul B. Preciado: Orlando. My Political Biography
Sa., 17. Oktober, 20:30 Uhr, Bühne: laborgras feat. Liam Byrne & Ensemble (DE): Joyful Failure
Daniel Furxer