Kultur

Marinelli: „Menschen, die nicht der Norm entsprechen, sind wieder vermehrt in Gefahr“

08.10.2026 • 13:02 Uhr
Marinelli: „Menschen, die nicht der Norm entsprechen, sind wieder vermehrt in Gefahr“
Seit 1994 organisiert Choreograf und Tänzer Günter Marinelli das einmal jährlich stattfindende Festival “tanz ist”. Heuer wird es mit der Performance “Cruce” eröffnet. Alfonzo/Furxer/Canva

Die 32. Ausgabe des „tanz ist“-Festivals beschäftigt sich im Spielboden Dornbirn an zwei aufeinanderfolgenden Wochenenden mit den Themen Geschlechteridentität, Transgender und Scheitern. Start ist diesen Samstag.

Günter Marinelli lässt sich bei seiner Arbeit als künstlerischer Leiter des Festivals stark von seiner Intuition leiten. Während seiner Themensuche trifft er auf Künstlerinnen und Künstler, die für das Festival stimmig sind. So geschehen auch mit dem Argentinier Marcos Arriola, der ihm seine Performance „Cruce“ zugeschickt hat. „Ich dachte mir sofort, das ist es, das müssen wir machen!“, erinnert sich Marinelli. „Im zeitgenössischen Tanz werden Themen wie Geschlechteridentität und Transgender momentan sehr stark aufgegriffen. Ich verfolge das genau und mir hat bisher die Transformation vom Underground zur Bühne gefehlt. „Cruce“ ist die erste Performance, die mich in der Hinsicht überzeugt. Es ist ein Tanzstück, das tiefgründig ist und unter die Haut geht.“ Ein zentraler Tanzstil in „Cruce“ ist das Voguing, ein Protesttanz, der aus den schwarzen und lateinamerikanischen LGBTQ+-Gemeinschaften als Reaktion auf Ausgrenzung hervorgegangen ist.

Marcos Arriola
Alfonzo

Diskurse körperlich verarbeiten

Marinelli kennt den heimischen Underground, wo sich Tänzerinnen und Tänzer der LGBTQ+-Bewegung gegenseitig unterstützen und auch einen geschützten Raum bilden. Wenn sich politisch etwas verändere, dann reagiere diese Szene sehr schnell darauf. „Kein anderes Medium ist so direkt wie der Tanz. Hier werden gesellschaftliche Diskurse sofort körperlich verarbeitet und in Tanz umgesetzt. Dass wir nach einer Zeit der relativen Gemütlichkeit jetzt wieder eine Zeit erleben, in der es politischen Druck auf diese Gruppen gibt, das bemerke ich, wenn ich die aktuellen Entwicklungen im Tanz betrachte“, so Marinelli. Der Bogen dieses Tanzabends ist weit gespannt: Rassismus und sexuelle Diskriminierung sind ebenso Inhalte, die von den Tänzerinnen und Tänzern zum Ausdruck gebracht werden. „Ich glaube, dass Menschen, die nicht der Norm entsprechen, wieder vermehrt in Gefahr sind“, mahnt Marinelli. Das politische Erwachen in der Szene habe gerade erst begonnen.

Lustvolles Scheitern

Eine Woche später, am Samstag, den 17. Oktober, tanzen laborgras feat. Liam Byrne & Ensemble ihr Stück „Joyful Failure“, das von der Lust am Scheitern handelt. Die universelle Erfahrung des Menschen, zu scheitern, hinzufallen und danach wieder neue Möglichkeiten zu suchen, wird hier in Tanz vermittelt. „Es geht zentral um die innere Haltung zum Scheitern, da steckt auch sehr viel Humor drin. Scheitern gehört zum Leben und man darf scheitern“, so Marinelli. Sechs Tänzer loten das „Zu-Früh“, das „Zu-Spät“ oder das „Gar-nicht-Realisierte“ aus. Der zweite Tanzabend kann unabhängig vom ersten gesehen werden, dennoch werden die Wochenenden durch eine innere inhaltliche Klammer verbunden.

Laborgras Joyful Failure
„Joyful Failure“. Dera

Virginia Woolf Verfilmung

Diese Klammer bildet auch der Film „Orlando. My Political Biography“ von Paul B. Preciado. Er schickt einen gefilmten Brief an Virginia Woolf zurück, Autorin des Romans Orlando. Woolfs Roman macht die Veränderung des Geschlechts zur literarischen Fiktion. Preciado nimmt diese Figur in seinem Dokumentarfilm auf und setzt sie in Beziehung zu realen Transpersonen und deren Erfahrungen. Die Fiktion ist also knapp 100 Jahre später Realität geworden.

Sa., 10. Oktober, 20.30 Uhr, Bühne: Marcos Arriola (AR/BE): CRUCE
Fr., 16. Oktober, 19:30 Uhr, Spielboden Kino: Paul B. Preciado: Orlando. My Political Biography
Sa., 17. Oktober, 20:30 Uhr, Bühne: laborgras feat. Liam Byrne & Ensemble (DE): Joyful Failure

Daniel Furxer